https://www.faz.net/-gzg-pk52

Volkstrauertag : Aufzeichnungen namenlosen Leids

  • Aktualisiert am

Wirklich tot ist erst derjenige, an den keiner mehr denkt. Aber nicht nur den Toten der beiden Weltkriege gilt der Volkstrauertag: "Im Gedenken steckt auch eine Mahnung an die Lebenden", sagte Oberbürgermeisterin Roth in der Paulskirche.

          2 Min.

          Wirklich tot ist erst derjenige, an den keiner mehr denkt. Aber nicht nur den Toten der beiden Weltkriege gilt der Volkstrauertag: "Im Gedenken steckt auch eine Mahnung an die Lebenden", sagte Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) am Sonntag bei der Gedenkstunde zum Volkstrauertag in der Paulskirche. "Wir würden scheitern als Individuen wie als Gesellschaft, wenn wir das Gedenken an Leid und Tod verdrängen."

          Der Schriftsteller Walter Kempowski las gemeinsam mit der Pfarrerin Gita Leber aus seinem vielbändigen kollektiven Kriegstagebuch "Echolot". So wie das Echolot die Tiefe des Grundes unter dem Kiel von Schiffen mißt, lotet Kempowski seit mehr als zehn Jahren die Tiefe menschlichen Leids aus, indem er Zeitzeugen sprechen läßt. Aus den Jahren von 1943 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 hat er zusammengetragen, was er finden konnte: Tagebücher, Briefe, Propagandareden, Zeitungsberichte. Unterschiedslos läßt er Kleine wie Große zu Wort kommen, Deutsche wie Russen. Nüchterne Meldungen stehen neben der ergreifenden Schilderung individuellen Leids.

          An die 55 Millionen Toten des Krieges erinnert Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU) in seiner Ansprache. Das Unfaßbare dieser Zahl übersetzt Kempowski in Einzelschicksale. So läßt er das Tagebuch eines unbekannten Flüchtlings sprechen, der am 20. Januar 1945 in kopfloser Flucht vor der Roten Armee im schlesischen Breslau eintrifft. Überall herrscht Chaos. Kein Zug fährt mehr. Die Russen stehen vor den Toren der zur Festung erklärten Stadt. Am Bahnhof sitzt eine Frau mit ihren beiden kleinen Kindern, die vor Kälte und Hunger zittern. Seit vier Tagen haben sie nichts mehr gegessen. Weinend streicheln sie die Hände und Wangen ihrer Mutter. Die Lippen der jungen Frau sind blau angelaufen, Schaum steht ihr vor dem Mund. Niemand weiß mehr, wie das Leben weitergehen soll. In der vollbesetzten Paulskirche ist es in diesem Augenblick totenstill.

          Als Mahnung für die Zukunft bezeichnete Corts die Schrecken der Vergangenheit in seiner Gedenkrede. "Wir wollen angesichts grausamer Tatsachen der Vergangenheit an Toleranz und Verstehen appellieren, um neuer Gewalt und neuem Haß vorzubeugen." Immer weniger Menschen begingen jedoch den Volkstrauertag bewußt, was wohl daran liege, daß es seit 59 Jahren keinen Krieg auf deutschem Boden mehr gab.

          Corts beklagte den täglichen Konsum von Gewalt in den Medien. Wenn Gewalt zur Unterhaltung werde, verliere sie allerdings ihre abschreckende Wirkung. Und Kriege mit ihrem Schrecken und unvorstellbaren Leid gebe es schließlich nach wie vor, zwar nicht in Mitteleuropa, aber doch ganz in der Nähe. Seine Rede schloß der Minister mit dem Apell, im Streben nach Frieden nicht zu resignieren: "Denn wir wissen aus der Geschichte, daß mit der Zunahme der Intelligenz die Kriege nicht etwa weniger oder weniger grausam geworden sind. Nein: Mit unseren eigenen Kriegen bedrohen wir Menschen unsere Existenz um so mehr, je intelligenter wir werden. Zweieinhalb Millionen Jahre Evolution haben in dieser Hinsicht versagt."

          Den musikalischen Rahmen der Gedenkstunde gestalteten die Sopranistin Friederike Arold sowie Berit Backhaus, Oboe, und Gerhard Löffler, Orgel, mit Werken von Bach, Schubert, Hindemith und Telemann. (rehm.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Transatlantische Risse: Jens Stoltenberg, Angela Merkel und Donald Trump beim Nato-Gipfel im Dezember 2019 in Großbritannien.

          Trump und Europa : Es kann noch schlimmer kommen

          Schon jetzt ist dank Trumps Rhetorik und Politik des Spaltens viel Gift im transatlantischen Verhältnis. Sein möglicher Wahlsieg im November könnte den Westen nachhaltig schwächen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.