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Vögel in Frankfurt : Kleinbiotop Großstadt

Auf dem Zugweg verflogen: der Östliche Hausrotschwanz Bild: Stefan Wehr

Man staunt nur, wer sich alles in der Stadt wohl fühlt. Manches ist kurios, anderes für Fachleute besorgniserregend - und manchmal handelt es sich nur um einen Irrgast.

          Stefan Stübing hat kurz gestutzt, als er Ende Januar über ein Online-Meldeportal für Vogelbeobachtungen erfuhr, dass auf einem Baum im Gärtnerweg im Frankfurter Westend ein Östlicher Hausrotschwanz sitzen soll. Der Vogel brütet normalerweise irgendwo zwischen Usbekistan und dem Westen Chinas, sein Winterquartier hat das Tier auf der arabischen Halbinsel, selten fliegt es auch mal bis Ostafrika. Mitteleuropa liegt jedoch nicht auf der Route der Vögel.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einen Tag nach der Meldung stand der Biologe der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz selbst auf der Straße in der Nähe der Anna-Schmidt-Schule, nur wenige Schritte von den Wallanlagen und damit von der Frankfurter Innenstadt entfernt. Und er sah mit eigenen Augen, dass der höchstens 14 Zentimeter große Verwandte des heimischen Hausrotschwanzes die weite Reise aus dem Osten tatsächlich auf sich genommen hatte und dort seelenruhig auf einem Ast saß.

          Nicht zu übersehen sind die Halsbandsittiche

          Aus diesem Einzelereignis einen Trend abzuleiten, das ist Stübing zufolge nicht möglich. „Das ist ein klassischer Irrgast“, sagt er. Der Vogel habe sich vermutlich schon im vergangenen Herbst „einfach total verflogen“. Dennoch sind die Vogelkundler stolz auf den Exoten. In Deutschland wurde erst zwei bis drei Mal ein Östlicher Hausrotschwanz gesichtet. Gut eine Woche hat er sich am Gärtnerweg aufgehalten und rund 50 Ornithologen angelockt, die das Tier selbst beobachten und fotografieren wollten. Nun ist er wieder weg, wohin, das ist nicht bekannt.

          Vielleicht lebt er sogar noch in der Großstadt, aber niemand weiß es. Denn, so Stübing, nur Vogelkenner sehen den Unterschied zum heimischen Hausrotschwanz, beide Arten sehen sich sehr ähnlich. Das in Europa beheimatete Tier hat einen schwarzgrauen Bauch, der Exot aus dem Osten präsentiert dagegen einen leuchtend orangefarbenen. Die Weibchen hingegen sind, wie fast immer in der Vogelwelt, farblich unauffällig.

          Nicht zu übersehen sind dagegen Halsbandsittiche. Diese Papageienart stammt ursprünglich aus Afrika. Vor drei Jahren wurde fast ein Dutzend dieser Tiere erstmals im Rödelheimer Solmspark entdeckt. Mittlerweile gibt es auch Meldungen einzelner Tiere sowie von Sittich-Paaren aus Praunheim, Alt-Eschersheim und Sossenheim. Stübing ist sicher, dass sie allesamt Nachkommen jener Halsbandsittiche sind, die seit 1990 im Biebricher Schlosspark in Wiesbaden eine große Population bilden. Ob die ersten Tiere damals ausgesetzt wurden oder aus ihren Käfigen geflüchtet sind, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall haben sie sich in dem Landschaftspark am Rhein so etablieren können, dass dort heute mehr als 1000 Exemplare leben. Und von dort breiten sie sich immer weiter aus. Stübing zufolge gibt es die überwiegend grünen, gut 40 Zentimeter großen Vögel mittlerweile nicht nur in vielen anderen Wiesbadener Parks, sondern auch in den Rheinauen, in Mainz und Rüdesheim.

          Es war offenbar nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Exemplare in Frankfurter Gärten und Parks zu sehen und zu hören sein würden. Halsbandsittiche, die ihren Namen den männlichen Vertretern verdanken, deren Gefieder am Hals einem fast bunten Band ähnelt, schreien laut. Nahrung finden sie in der Großstadt allemal, wie andere Vögel auch, die man eher nicht zwischen Häuserschluchten vermutet.

          Es herrscht ein Mangel an Mäusen

          Nicht schlecht staunten Mitarbeiter dieser Zeitung, als sich erstmals Ende Januar auf dem Geländer im fünften Stock des Verlagshauses statt der üblichen Stadttauben, Amseln und Elstern plötzlich ein Vogel niederließ, dessen Größe, Schnabel und Krallen eindeutig darauf hinwiesen, dass es sich bei diesem Tier nicht um einen gewöhnlichen Gartenvogel handelte. Die Staatliche Vogelschutzwarte bestätigte: Es ist ein Mäusebussard, ein Greifvogel, der Mäuse und Aas frisst. Im Winter bereite den Vögeln, die von höherer Warte aus den Boden mit seinen Mäuse- und Rattenlöchern im Blick haben, die Nahrungsknappheit große Probleme.

          In diesem Jahr ist es nach Angaben von Gerd Bauschmann von der Vogelschutzwarte besonders schlimm, es herrsche Mangel an Mäusen. Das habe weniger mit dem vergleichsweisen harten Winter zu tun, sondern mit einem natürlichen Zyklus, dem die Mäusepopulationen unterworfen seien. Erst nehme die Zahl der Tiere über Jahre stetig zu, bis die Population so groß sei, dass die Tiere anfälliger für Krankheiten werden und viele von ihnen schließlich an einer Infektionskrankheit sterben. Dieses Jahr sei ein solches Mangeljahr. In der Vogelschutzwarte seien in diesem Winter bereits relativ viele tote Graureiher gemeldet worden, auch diese ernährten sich hauptsächlich von Mäusen.

          Für Bauschmann haben sich Mäusebussarde längst zu Opportunisten entwickelt, die dort lebten, wo sie Nahrung fänden. „Die haben keine Angst“, sagt er. Was sie bräuchten, seien relativ große Grünanlagen und hohe Bäume, um brüten zu können. „Sie sind keine Boden- oder Heckenbrüter.“ Der Mäusebussard im Gallusviertel ist nicht der erste seiner Art in der Großstadt. Vom Hauptfriedhof werden seit Jahren Bussarde gemeldet, und im Nord- und Westend haben Bewohner oberer Stockwerke aus großen, alten Bäumen schon den eindringlichen Ruf des Bussard-Nachwuchses gehört. Seit Jahren ziehe es Greifvögel mehr und mehr in die Großstädte, bestätigt auch Stübing. Das habe mit dem fehlenden Nahrungsangebot in der offenen Landschaft zu tun, wo durch die intensive Landwirtschaft selbst die Wegränder sowie die Grabensäume umgeflügt würden, dort, wo sich früher die Mäuse aufgehalten hätten. In Hessen habe sich die Zahl der Mäusebussarde seit Mitte der neunziger Jahre halbiert, so Stübing. Der Hunger treibe sie in die Städte. Und die Tatsache, dass sie seit den siebziger Jahren nicht mehr geschossen würden, mache die Tiere zutraulicher. Sie wüssten, sie könnten es sich leisten, etwa auf dem Gelände der F.A.Z. zu sitzen und nach Nahrung Ausschau zu halten.

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