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Viele Entlassungen : „Frankfurter Rundschau“ künftig aus Berlin

  • -Aktualisiert am

Seit Anfang 2009 arbeitet die Redaktion der „Frankfurter Rundschau” hinter den Backsteinmauern des ehemaligen Straßenbahndepots in Sachsenhausen. Bild: dpa

Die Nachricht, dass der überregionale Teil der „Frankfurter Rundschau“ bald in Berlin geschrieben, redigiert und gestaltet wird, ist von den Mitarbeitern des Blattes mit Bestürzung aufgenommen worden.

          Die Nachricht, dass der überregionale Teil der „Frankfurter Rundschau“ bald in Berlin geschrieben, redigiert und gestaltet wird, ist von den Mitarbeitern des Blattes mit Bestürzung aufgenommen worden. Betriebsratsvorsitzender Marcel Bathis sprach von einem Schock für die Belegschaft, es seien Tränen geflossen. Die Gewerkschaft Verdi kündigte Widerstand gegen betriebsbedingte Kündigungen an, der Deutsche Journalisten-Verband DJV nannte den 1. April einen „schwarzen Freitag“ für die Journalistinnen und Journalisten des Blattes, und auch der Kölner Mehrheitsgesellschafter Alfred Neven DuMont sprach von „schmerzlichen Einschnitten“. Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) sagte auf Anfrage, sie bedauere es außerordentlich, dass ein überregionales publizistisches Organ aus Frankfurt verschwinde, sie freue sich aber auf eine weitere kritische Begleitung der Frankfurter Politik durch den weiter existierenden Lokalteil.

          Die Belegschaft der „Rundschau“ war gestern von 11 Uhr an darüber informiert worden, dass der überregionale „Mantel“ mit Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport künftig in der Redaktion der „Berliner Zeitung“ geschrieben und redigiert wird. In Frankfurt und Rhein-Main verbleiben nur die Lokalteile und die Online-Redaktion, die allerdings sogar ausgebaut werden soll.

          Einzelheiten blieben offen

          Einzelheiten über die Einschnitte beim Personal blieben gestern unklar oder widersprüchlich. In der offiziellen Pressemitteilung der Gesellschafter heißt es, in der Redaktion der „Frankfurter Rundschau“, in der zurzeit 190 Mitarbeiter beschäftigt seien, sollten 88 Arbeitsplätze abgebaut werden. Wie dies konkret geschehe – betriebsbedingte Kündigungen, Abfindungen, Vorruhestandsregelungen –, bleibe Verhandlungen vorbehalten. Netto würden aber nur 44 Arbeitsplätze entfallen, da durch die internen Umstrukturierungen auch neue Stellen geschaffen würden.

          In Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet verbleiben die Lokal- und Bezirksredaktionen. Dazu heißt es in der Mitteilung: „Um das redaktionelle Angebot auf den Kernmärkten der ,Frankfurter Rundschau‘ zu stärken, wird die Lokal- und Regionalredaktion neu strukturiert und erweitert.“ Was dies konkret bedeutet, wie groß die Erweiterung ausfallen soll, wer diese Redaktionen leiten und wie sie an die Chefredaktion in Berlin angebunden sein sollen – zu diesen Fragen gab es am Freitag keine Antworten.

          „Rundschau“-Chefredakteur Rouven Schellenberger wird in Frankfurt die Online- und iPad-Redaktion leiten

          In der Frankfurter Lokalredaktion und in den Bezirksredaktionen arbeiten nach Angaben des DJV knapp sechzig Redakteure, von denen etwa 35 direkt beim Druck- und Verlagshaus angestellt und etwa 25 bei der Entleihfirma Pressedienst Frankfurt beschäftigt sind. Der stellvertretende Verdi-Vorsitzende Frank Werneke sagte, es müsse klar sein, dass es nicht zu Personalabbau in Frankfurt kommen dürfe, der zu erhöhtem Produktionsvolumen in Berlin bei gleicher Redaktionsstärke führe.

          Publizistische Verantwortung für die neue Version der „Frankfurter Rundschau“ übernimmt der jetzige Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ Uwe Vorkötter, der zuvor in gleicher Funktion die Redaktion der „Rundschau“ in Frankfurt geführt hatte. Der jetzige „Rundschau“-Chefredakteur Rouven Schellenberger wird in Frankfurt bleiben und die Online- und iPad-Redaktion leiten, Co-Chefredakteur Joachim Frank wird „Chefkorrespondent“ für alle Blätter aus dem Haus DuMont.

          Krisenhafte Ereignisse sind bei der „Frankfurter Rundschau“ nicht neu. Der Anzeigeneinbruch, von dem alle deutschen Zeitungen gebeutelt wurden, traf bei diesem Haus mit verschleppten inneren Schwierigkeiten zusammen. 2003 bürgte Hessen mit einer Landesbürgschaft für den Verlag. Als das Blatt ein Jahr später vor dem Ende zu stehen schien, ließ sich die SPD-Medienholding DDVG in die Pflicht nehmen und kaufte im Mai 2004 den Verlustbringer. Das „Rundschau“-Haus am Eschenheimer Tor wurde verkauft, die Redaktion zog erst ins Colosseo nach Sachsenhausen und im Februar 2009 ins Straßenbahndepot nahe dem Südbahnhof. 2006 erwarb der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg 50 Prozent und einen Anteil am Verlag, die DDVG blieb mit 40 Prozent, die Karl-Gerold-Stiftung, benannt nach dem Gründer der Zeitung, mit 10 Prozent Gesellschafter. Die Belegschaft verzichtete in einem Haustarifvertrag bis 2012 auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Die Auflage sank von 194 000 Exemplaren (2000) auf zuletzt 129 000.

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