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Allerheiligenviertel : Nachts will niemand mehr auf die Straße

Im Blickpunkt: Die SPD-Fraktion schaut sich im Allerheiligenviertel um, das abends zum Drogenumschlagplatz wird. Bild: Klenner, Maria

Das Umfeld des Hauptbahnhofs ist nicht Frankfurts einziger Problemkiez. Auch im Allerheiligenviertel mehren sich die Sorgen der Anwohner über Gewalt, Rauschgifthandel und Lärm. Eine Partei macht ihnen nun Hoffnung.

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          Am frühen Nachmittag ist das Allerheiligenviertel ein ruhiger Ort. Ein paar Männer sitzen vor einer Eckkneipe und trinken Bier. Passanten kommen vorbei, huschen in die Rotlicht-Etablissements und Handy-Shops oder setzen sich in eines der Cafés, die sich hinter milchigen Scheiben verbergen. Es ist nicht gerade heimelig in diesem Quartier östlich der Zeil. Dennoch sagt Anwohner Rudolf Ebener: „Wenn es nachts so wäre wie jetzt, dann wären wir schon froh.“ Denn die Nächte sind für viele das Grauen. Und zwar schon jahrelang. Schon am späten Abend gehen Anwohner nicht mehr auf die Straße, weil sich vor ihren Haustüren Dealer-Gruppen treffen, die Haschisch und Marihuana verkaufen. Zu oft haben Ebener und seine Nachbarn aus dem Fenster beobachtet, wie die Dealer in Streit geraten, sich anschreien und sich prügeln, bis zuweilen Blut fließt. Neuerdings fahren Halbstarke mit getunten Autos auf der Allerheiligenstraße Rennen. So ohrenbetäubend laut, dass fast jedes Wochenende die Polizei gerufen wird.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn Ebener zu erzählen beginnt, findet er fast kein Ende mehr. Genau deswegen hatte ihn die SPD zu einem Rundgang im Viertel eingeladen. Die Fraktion im Römer wollte sich gestern einen Einblick in die Zustände dort verschaffen. Die Fraktionsvorsitzende Ursula Busch formulierte es so: „Es wird Zeit, dass nun endlich gehandelt wird.“ Sie meint damit vor allem die Kameraanlage, die die Koalition aus CDU, SPD und Grünen den Anwohnern schon vor mehr als einem Jahr versprochen hat. Bisher ist nichts geschehen. Auch deshalb, weil die Grünen die Videoüberwachung kritisch sehen. Als die Hauptwache wegen der zunehmenden Terrorgefahr als weiterer Kamera-Standort diskutiert wurde, beharrten die Grünen darauf, dass es bei zwei neuen Anlagen bleiben solle – nach dem Motto: Wenn die Hauptwache kommt und zusätzlich noch die ohnehin beschlossene Videoanlage im Bahnhofsviertel errichtet wird, dann reicht das.

          Mehr Erfolg bei der Strafverfolgung

          Entfallen würde dann der Standort Allerheiligenstraße. Nachdem sich diese Nachricht zu den Anwohnern herumgesprochen hatte, waren viele entsetzt. Ursula Busch ist inzwischen überzeugt, dass die Allerheiligenstraße nicht vergessen werden darf. Zu ihrem Rundgang hatte sie auch Vertreter der Polizei eingeladen. Gekommen sind Vizepräsident Walter Seubert, die Leiterin des 1.Reviers, Susanne Rohlfing, und der Leiter der eigens eingerichteten AG Allerheiligen, Marcel Bühner. Rohlfing spricht von „kriminalitätsfördernden Strukturen“ und „sozialer Desorganisation“. Eine Überwachungskamera, sagt sie, würde das Problem nicht sofort lösen, aber die Arbeit der Polizei erheblich erleichtern. Das bestätigt Bühner, der früher zum sogenannten Zivilkommando gehörte und „undercover“ auch im Allerheiligenviertel unterwegs war.

          „Das Problem ist, dass das ein paar Wochen lang gut funktioniert. Aber dann kennt man selbst nicht nur jeden Dealer persönlich, sondern er dich auch.“ Bühner plädiert deshalb dafür, so schnell wie möglich eine Kameraanlage zu installieren. „Eigentlich müssten es gleich zwei sein“, sagt er. Sowohl die Ecke von Allerheiligenstraße und Breiter Gasse als auch die zur Klingerstraße böten durch die bauliche Struktur so viele Schlupfwinkel, dass die Polizei die kriminelle Aktivität dort im Blick haben müsse. Polizei-Vizepräsident Seubert sagt, es gehe nicht ohne ein umfassendes Konzept. Das liege aber vor. Mit einer guten Kameratechnik, sagt Revierleiterin Rohlfing, könnte die Polizei gezielter eingreifen und besser dokumentieren. „Letztlich hätten wir dann auch bei der Strafverfolgung mehr Erfolg.“

          Die Anwohner befürworten die Videoüberwachung

          Den Anwohnern kommt ihr Quartier mittlerweile vor wie „das Bahnhofsviertel in klein“. Denn nicht nur die baulichen Strukturen mit den vielen Rückzugsräumen sind ähnlich, sondern auch die Rauschgiftproblematik – zumindest, was die weichen Drogen betrifft. Denn an der Allerheiligenstraße werden Haschisch und Marihuana verkauft. Die Dealer kommen nach Angaben der Polizei zum Großteil aus den Maghreb-Staaten. Seit den massiven Kontrollen im Bahnhofsviertel sind einige Dealer dorthin ausgewichen, in der Hoffnung, in Ruhe ihre Drogen verkaufen zu können. Doch die Polizei kontrolliert auch östlich der Zeil regelmäßig mit vielen Beamten. Das bestätigt Anwohner Ebener. „Daran, dass die Polizei zu wenig macht, liegt es nicht.“

          Busch will nun die Diskussion zur Videoüberwachung weiter vorantreiben. Unterstützt wird sie dabei von Ortsvorsteher Oliver Strank (SPD), der die Sorgen der Anwohner kennt und darauf setzt, dass endlich bald feststeht, an welcher Stelle genau im Viertel eine Kamera aufgestellt werden kann. Busch sagt, sie hoffe, dass die Koalition bald „zu einer Lösung kommen wird“. Auch den Sicherheitsdezernenten Markus Frank (CDU) will sie abermals ansprechen. „Die Frage ist ja, wie viel uns unsere Sicherheit wert ist und welche persönlichen Eingriffe wir dazu in Kauf nehmen“, sagt Busch. „Ich plädiere dafür, dass sich die Koalition dafür entscheiden wird, dass man abends wieder sicher über die Straße gehen kann.“

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