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Verkehrspolizei von einst : „Weiße Mäuse“ auf der Kreuzung

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Güterplatz am Gallus, 1968: In ihrer weißen Uniform sorgten die Schupos für Ordnung auf den Straßen und wurden reichlich beschenkt. Bild: Lutz Kleinhans

Bis heute ist der Stau ein Dauerthema in Frankfurt. Vor Jahrzehnten sorgten Schutzpolizisten für Ordnung auf den Straßen. Die Autofahrer bedankten sich mit Geschenken zur Weihnachtszeit.

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          In weißen Uniformen und mit weißen Handschuhen standen sie auf den Kreuzungen. Mit wenigen, klaren Gesten ordneten sie den Straßenverkehr. Im Volksmund hießen die Schutzpolizisten „Weiße Mäuse“ – und zu Weihnachten bekamen sie von den Autofahrern Geschenke. Dutzendweise wurden Tüten an den rot-weiß gestreiften Podesten, auf denen die Beamten ihren Dienst taten, abgestellt. Als Dank für ein Jahr harter Arbeit.

          Rolf-Karsten Klenke war 36 Jahre lang Verkehrspolizist in Frankfurt, und er erinnert sich gerne an die Zeit, als er zu den „Weißen Mäusen“ gehörte. Und besonders an die Vorweihnachtszeit: „Es mussten Kollegen mit dem Auto kommen und die Päckchen einsammeln. Später wurde dann verglichen, wer am meisten bekommen hat.“ Einige Kollegen hätten wegen der alljährlichen Geschenkeaktion vor dem Fest sogar ihren Urlaub unterbrochen.

          Unachtsame Fußgänger werden angepfiffen

          Als Hauptkommissar bei der Direktion Verkehrssicherheit der hessischen Polizei kümmerte sich Klenke um die Verkehrsregelung bei Demonstrationen, Konzerten und anderen Großveranstaltungen, aber auch um den täglichen Berufsverkehr und später um die Ausbildung der Hilfspolizisten, die von Mitte der achtziger Jahre an die Arbeit auf den Straßen übernahmen. Als Klenke 1973 zur Verkehrspolizei kam, standen die Schupos noch auf jeder großen Kreuzung in Frankfurt. Wer damals meinte, zwischen den Autos über die Straße laufen zu können, sei von den Polizisten mit Trillerpfeife im wahrsten Sinne des Wortes angepfiffen worden, erinnert sich der inzwischen Einundsiebzigjährige. „Wir haben uns um die Sicherheit der Leute gekümmert, und das haben sie geschätzt.“

          Auch am Theaterplatz, dem heutigen Willy-Brandt-Platz, waren damals die Verkehrspolizisten im Einsatz. Die Kollegen hätten dort in einer überdachten Tonne gestanden, erzählt Klenke und erinnert sich an eine besondere Anekdote: Als sich der Verkehr aus Richtung Westen eines Tages so sehr gestaut habe, dass nichts mehr vor und zurück ging, habe sich der Kollege immer kleiner gemacht und sei schließlich ganz in seiner Tonne verschwunden. Besorgte Anwohner und Passanten hätten daraufhin bei der Verkehrspolizei angerufen: Der Schupo sei möglicherweise zusammengebrochen.

          „Stehender Verkehr, ist sicherer Verkehr!“

          Klenke und einige Kollegen sofort zum Theaterplatz. Dort fanden sie den armen Mann in seiner Tonne hockend und hilflos klagend: „Ich kann nichts mehr machen!“ Ja, und genau so sei es auch gewesen. Ihnen allen sei nichts anderes übriggeblieben, als darauf zu warten, dass der Stau sich irgendwann auflösen würde. Aber immerhin: „Stehender Verkehr ist sicherer Verkehr.“

          Blickt auf seine 36 Jahre im Dienst der Direktion Verkehrssicherheit zurück: Rolf-Karsten Klenke.
          Blickt auf seine 36 Jahre im Dienst der Direktion Verkehrssicherheit zurück: Rolf-Karsten Klenke. : Bild: Marcus Kaufhold

          Ganz ungefährlich sei der Aufenthalt auf den Kreuzungen im Übrigen auch nicht gewesen, sagt Klenke. Einige Kollegen seien angefahren worden, andere hätten wegen der vielen Autoabgase Probleme mit der Atmung gehabt. Besonders gut für die Gesundheit sei der Beruf sicherlich nicht gewesen. Alle halbe Stunde wechselten sich die Schupos deshalb auf ihren Kreuzungen ab, die Verkehrsregelung erforderte hohe Konzentration. Schon die Arme minutenlang ausgestreckt zu halten, sei sehr anstrengend gewesen. „Jeder hatte da seinen eigenen Stil“, erinnert sich Klenke, der 2006 in den Ruhestand ging. Von den Tänzeleien mancher Kollegen habe er aber nichts gehalten: „Dafür war die Sache viel zu ernst.“

          Gedanken um die Verkehrssicherheit hatten sich Stadt und Polizei schon gemacht, als noch sehr wenige Autos in Frankfurt unterwegs waren. Im April 1930 wurde die erste Ampel an der Kreuzung von Neuer Mainzer Straße und Kaiserstraße installiert. Auf dem Gehweg stand ein Verkehrspolizist, der die Ampel manuell umschaltete. Vom Straßenrand konnte er den Verkehr jedoch so schlecht überblicken, dass die Stadt schon bald eine über der Straße hängende Ampel mit festem Takt installierte. Als aber auch damit die Zahl der Unfälle nicht sank, weil die Ampel von ortsfremden Autofahrern schlichtweg übersehen wurde, wurde die Anlage 1937 wieder abgebaut und Schupos eingesetzt.

          Erst 1992 sind alle Anlagen elektronisch

          Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, während der amerikanischen Besatzungszeit, wurde der Verkehr von den Schupos mit Hilfe eines langen Stabes mit vier Schildern geregelt, auf denen „Stop – Halt“ und „Go – Gehe“ stand. Damals waren 4600 Autos in der Stadt gemeldet, 1951 waren es bereits 37.500. Mit dem Wirtschaftswunder in den Fünfzigern stieg die Zahl der Fahrzeuge rasant weiter, und in den sechziger Jahren war Frankfurt bereits die am höchsten motorisierte deutsche Großstadt. Schon 1960 berichtete diese Zeitung, dass unter anderem der Mangel an Parkplätzen in der Innenstadt das Verkehrschaos zum Dauerzustand habe werden lassen. In den Achtzigern übergab die Landespolizei die Zuständigkeit für die Verkehrsregelung an die Stadt. Nach und nach wurden an vielen Kreuzungen Ampeln installiert. Es dauerte allerdings bis 1992, bis sämtliche Signalanlagen zentral elektronisch gesteuert werden konnten.

          Aber auch heute sind immer noch Verkehrspolizisten im Einsatz, schließlich fallen von den gut 800 Ampeln in der Stadt mitunter einige aus. „Fast jeden Tag regeln meine Mitarbeiter deshalb auf einzelnen Kreuzungen den Verkehr“, sagt Rainer Michaelis, Leiter der Städtischen Verkehrspolizei. Ungefähr 100 sogenannte Hilfspolizeibeamte beschäftigt die Stadt für solche Aufgaben. Michaelis’ Ressort untersteht dem Verkehrsdezernat, seine Mitarbeiter kümmern sich auch um den ruhenden Verkehr und kontrollieren beispielsweise Radfahrer. Nur auf den Kreuzungen der Stadt sind sie nicht mehr so regelmäßig anzutreffen, wie einst Rolf-Karsten Klenke und seine Kollegen.

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