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Verkehr : Kölner Teller: Der Streit um die "Tellerminen" geht weiter

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Wer einen Kölner Teller in Händen hält, kann sich für einen germanischen Krieger oder einen Kämpfer in einer römischen Arena halten. Rund, metallen und buckelbewehrt erinnern die Verkehrsschikanen an Schilde, wie man sie aus "Asterix" oder dem Hollywoodfilm "Gladiator" kennt.

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          Wer einen Kölner Teller in Händen hält, kann sich für einen germanischen Krieger oder einen Kämpfer in einer römischen Arena halten. Rund, metallen und buckelbewehrt erinnern die Verkehrsschikanen an Schilde, wie man sie aus "Asterix" oder dem Hollywoodfilm "Gladiator" kennt. Entsprechend martialisch mutet auch der Streit an, der sich vor mehr als zehn Jahren an den Buckeln entzündete.

          "Tellerminen" werden sie auch heute noch von ihren Gegnern genannt. So mancher Frankfurter Bürger hat sich schon als Verkehrspartisan betätigt, wenn er des Nachts, bewaffnet mit Stemmeisen und Schraubenzieher, die "Minen" von seiner Straße entfernte - um sie wenige Tage später wie von Zauberhand ersetzt zu sehen. Doch in der heißen Phase des Tellerkampfes ging es um mehr als um freie Fahrt für freie Bürger. Die Grundfesten der Demokratie standen vermeintlich auf dem Spiel. "Selbstherrlichkeit" und "mangelndes Demokratieverständnis" warfen die Fraktionen von SPD und Grünen im Ortsbeirat Nordend einst der gerade gewählten Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) vor, als diese sich anschickte, die Teller, ihrem Wahlkampfversprechen gemäß, entfernen zu lassen.

          Es war aber dann doch wohl weniger die Ehrfurcht vor dem Grundgesetz als die Mühle des stadtpolitischen Alltags, die Roth von ihrem Feldzug gegen die Teller abbrachte. Denn über das Entfernen der Verkehrsschikanen entscheiden nicht das Stadtoberhaupt oder der Magistrat, sondern die Ortsbeiräte. Wo Mitglieder der Grünen und der SPD, unter deren Ägide die Teller vom Jahr 1992 an zur Verkehrsberuhigung verlegt worden waren, in den Beiräten saßen, war das Beseitigen der Teller immer wieder verweigert worden. Mal war es die Sorge um die Sicherung von Schulen und Kindergärten, mal waren es die angeblich hohen Kosten fürs Entfernen, die das Überleben der Teller sicherten.

          Jüngst jedoch ließ Baudezernent Franz Zimmermann (FDP) verlauten, die Tage der Teller auf Frankfurts verkehrsberuhigten Straßen seien gezählt. Anlaß des Triumphs: Auf Beschluß des Ortsbeirats9 (Dornbusch, Eschersheim, Ginnheim) waren die Metallhubbel am Weißen Stein in Eschersheim entfernt und durch Bodenschwellen ersetzt worden. Zimmermann war 2001 mit dem Versprechen angetreten, er werde vollenden, woran Petra Roth gescheitert sei, und die bodennahen Untertassen ins All jagen. Doch die Entscheidung über die Zukunft der Teller liegt weiterhin bei den Ortsbeiräten.

          Dort haben die Schikanen laut Zimmermann zwar immer weniger Freunde. Doch nicht zuletzt ist das Ende der Tellerminen eine finanzielle Frage. Ein Budget fürs Entfernen der Schikanen gebe es nicht, sagt der Baudezernent. "Wir sind da auf die Baubezirkserhaltungsmittel der Stadtteile West, Mitte und Nord angewiesen." Wieviel Geld aus diesen Töpfen im Jahr 2004 fürs Lösen der Teller von der Straße bereitstehen werde, hänge ab von den übrigen Ausgaben, beispielsweise für die Straßenräumung im Winter. Wird es nach den ideologischen Parteiquerelen der neunziger Jahre jetzt also das Klima sein, das die Teller rettet? "Der Feldzug hat begonnen, aber er wird mit Augenmaß vonstatten gehen", resümiert Zimmermann, dessen Vorgänger Udo Corts (CDU) die Teller letztlich hatte liegenlassen müssen.

          Bei all den Wortgefechten bleibt die Frage, wie gefährlich die "Tellerminen" denn nun wirklich sind. Keiner der Kombattanten bestreitet, daß die regennassen Buckel für Fahrradfahrer riskant sein können. Wie aber sieht es bei denen aus, denen die Teller eigentlich zugedacht sind? Werner Ewald, leitender Oberarzt an der Orthopädischen Universitätsklinik und selbsterklärter Tellergegner, will nicht behaupten, daß die Schikanen eine grundsätzliche Gefahr für die Wirbelsäulen der Autofahrer darstellten. Die kurze Stauchung des Rückgrats beim Fahren über einen Teller oder eine Schwelle sei aber auch nicht gerade gesund. "In Einzelfällen, vor allem bei alten Menschen, kann diese Stauchung beschwerdeauslösend sein."

          Wieviel Rücksichtnahme kann die Stadt ihren autofahrenden Bürgern zutrauen? Ist der Hinweis "Zone 30" vor Schulen und Kindergärten eine ausreichend eindrucksvolle Mahnung für die Tempoverliebten im Stadtverkehr? Oder müssen physisch spürbare Schikanen dem Autofahrer den rechten Weg weisen, nach dem Motto "Es muß ein Ruck durch Frankfurts Wagen gehen"? Die Bundesregierung hat das Zeitalter des eigenverantwortlichen Bürgers ausgerufen. Die Frage, ob dieses Zeitalter auch für die Autofahrer angebrochen ist, wäre vielleicht ein schönes Diskussionsthema für die Ortsbeiratssitzungen des neuen Jahres. Bis dahin werden die Anhänger der Teller eine Melodie aus deren Ursprungsort Köln singen können: "Niemals geht man so ganz..." lennart herberhold

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