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Verkehr : Bürgerprotest gegen die Alleenspange

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Kalt ist es bei Einbruch der Dämmerung am Donnerstag gewesen. Dennoch hatten sich die Verkehrspolitiker aus dem Römer nicht in ihren warmen Büros verkrochen, sondern standen in frostiger Umgebung aufgebrachten Bürgern tapfer Rede und Antwort.

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          Kalt ist es bei Einbruch der Dämmerung am Donnerstag gewesen. Dennoch hatten sich die Verkehrspolitiker aus dem Römer nicht in ihren warmen Büros verkrochen, sondern standen in frostiger Umgebung fünf Dutzend aufgebrachten Bewohnern des Nordends und Bornheims tapfer Rede und Antwort. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Klaus Oesterling, sein Kollege Lutz Sikorski von den Grünen und der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Helmut Heuser, dazu die Fraktionsvorsitzende der Flughafengegner, Gisela Becker, sowie ein FDP-Vertreter, den nicht einmal die Römerpolitiker kannten, schauten in guter demokratischer Tradition dem Volk aufs Maul.

          Für Oesterling, Sikorski und Becker war dies indes ein leichter Gang. Denn sie konnten dem Volk - ohne Wortakrobatik betreiben zu müssen - nach dem Mund reden. Schließlich lehnen ihre Parteien aus Überzeugung ab, was die „Bürgerinnen für ein lebenswertes Nordend“ zur Unmutsmanifestation auf den Abenteuerspielplatz Günthersburg am oberen Ende der Wetteraustraße veranlaßt hatte - die Alleenspange. Das ist ein im Gesamtverkehrsplan vorgeschlagener Autobahnzubringer, der den Alleenring mit der A 661 auf Höhe des Katharinenkrankenhauses verbinden soll. Diese Spange würde nach Meinung der „Bürgerinnen-Initiative“, aber auch des „Aktionsbündnis Unmenschliche Autobahn“, die nicht nur dieses Projekt, sondern auch den Bau des Riederwaldtunnels als Teil eines Lückenschlusses zwischen den Autobahnen A 66 und A 661 bekämpfen, nicht nur das Naherholungsgebiet oberhalb des Günthersburgparkes zerstören, sondern auch den Transitverkehr durch intakte Wohngebiete führen.

          Aufgebrachte Menge: Alleenspange streichen

          Ersatzlos müsse die Alleenspange aus dem Gesamtverkehrsplan gestrichen werden, verlangte die Menge auf dem durch die geplante Spange bedrohten Abenteuerspielplatz, darunter viele Mütter und Väter, deren Kinder auf diesem Stück urbaner Wildnis in einer dichtbesiedelten und von Verkehrslärm und Abgasen geplagten Umgebung stundenweise ein Stück Freiheit genießen.

          Mit ihrem Begehren rannten Xenia Scholz und ihre Mitstreiterinnen von der Initiative indes bei Oesterling, Sikorski und Frau Becker offene Türen ein. Denn die Fraktionen von SPD, Grüne und Flughafengegnern begehren in ihren Anträgen zum Gesamtverkehrsplan ebendiese Streichung der Alleenspange. So mußte Oesterling gar keine große Volksrede halten, sondern konnte sich mit der lapidaren Feststellung begnügen: „Wir Sozialdemokraten lehnen eine Alleenspange und einen Alleentunnel ab.“ Vielleicht hat sich der SPD-Fraktionschef aber auch nur deshalb kurz gehalten, weil er seinen Mantel zu Hause gelassen hatte und es ihm im Anzug etwas zu kühl wurde.

          Sikorski, der etwas wärmer angezogen war, nutzte die Gelegenheit, mit seinen Zuhörern einmal hundertprozentig übereinzustimmen, etwas länger: Der Grünen-Fraktionschef sprach von einer fatalen Entwicklung, daß nämlich das Autobahnnetz im Frankfurter Osten immer näher an die Stadt heranrücke und daß diese Verrücktheit Methode habe. Mit Beifall honorierten seine Zuhörer seine Versicherung: „Wir stehen an Ihrer Seite.“ Zum Dank durfte er von den Protest-Frauen 2.600 Unterschriften gegen die Alleenspange entgegennehmen - darunter auch die von Joseph Fischer, dem die Initiatoren eine Unterschrift beim Rotlint-Straßenfest hatten abluchsen können.

          CDU sieht Besserung durch Alleenspange

          Der CDU-Mann Helmut Heuser sieht sich ebenfalls an der Seite der Bevölkerung. Jene Bürger, denen er sich verpflichtet sieht, wohnen indes an der durch Verkehrslärm und -dreck hoch belasteten Friedberger Landstraße, dem Ratsweg oder der Höhenstraße. 31.000 Fahrzeuge rauschten derzeit täglich über die Höhenstraße, argumentierte Heuser. Nach dem Bau einer Alleenspange und deren Komplettierung durch einen Alleentunnel seien es nach den Prognosen der Planer nur noch 24.000. Auch die Anwohner dort hätten ein Recht auf Ruhe und bessere Luft: „Wir dürfen diese Leute nicht ihrem Schicksal überlassen.“ Und dann zog Heuser sein vermeintliches Trumpf-As aus dem Ärmel: Seine Partei, die CDU, wolle die Alleenspange nicht durch das Grüngebiet schlagen, sondern vollständig als Tunnel bauen. Doch auch diese Idee stieß bei der Menge auf dem Abenteuerspielplatz auf Ablehnung: „Baustellen ohne Ende“ und „Abgase aus den Abluftschächten“ murrten die Zuhörer.

          „Sie müssen sich keine Sorgen machen“, ließ nach der Veranstaltung der im Nordend und Bornheim allseits bekannte SPD-Politiker und Chef des Abenteuerspielplatzes, Michael Paris, ratlose Teilnehmern wissen. Ein Tunnel vom Katharinenkrankenhaus bis zum Bürgerhospital könne niemand bezahlen. Dafür werde es auch in hundert Jahren kein Geld geben.

          Doch noch aus einem anderen Grund dürfen die Gegner einer Alleenspange durchaus guter Hoffnung sein. Nächste Woche wird der Gesamtverkehrsplan im Verkehrsausschuß behandelt und danach in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen werden. Aller Voraussicht nach wird das Projekt Alleenspange mit einer Mehrheit von SPD, Grünen und den kleinen linken Parteien nicht in das die nächsten zehn Jahre umfassende Verkehrskonzept aufgenommen. Die CDU steht allein da mit dem Plan einer Spange - und wird selbst nach einer gewonnenen Kommunalwahl das Vorhaben kaum durchsetzen können. Denn ihr Lieblingspartner für eine „bürgerliche“ Stadtregierung, die FDP, lehnt das Projekt ebenfalls ab.

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