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Veranstaltungsmesse : Unterm Tyrannosaurus mit dem Chef anstoßen

Die Branche der ungewöhnlichen Orte: Die Locations-Messe in der Basketballhalle der Frankfurt Skyliners. Bild: Stefanie Silber

Weihnachtsfeier im Hotel? Das ist vielen Unternehmen zu langweilig. Auf der Messe Locations suchen sie ungewöhnliche Veranstaltungsorte.

          3 Min.

          Sich einfach mal fallen lassen - und der Chef schaut anerkennend dabei zu. Ja, das geht, sogar bei einer Betriebsfeier. In Bensheim an der Bergstraße zumindest. Dort können sich Unternehmen in die große Kletterhalle „High Moves“ einmieten, um dann die Mitarbeiter nach Vortrag und Workshops die Kletterwände hochzuscheuchen oder über ein Drahtseil balancieren zu lassen. „Als Team müssen sie sich Herausforderungen stellen, die sich nur gemeinsam lösen lassen“, wirbt der Geschäftsführer der Kletterhalle, Michael Dreißigacker. „Außerdem ist es mal was ganz anderes.“

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Kletterhalle ist einer von 144 Veranstaltungsorten, die gestern bei der Branchenmesse „Locations“ in der Frankfurter Ballsporthalle präsentiert wurden. Rund 1000 Besucher erwarteten die Veranstalter, vor allem Veranstaltungsplaner, die für Unternehmen in Rhein-Main Tagungen, Weihnachtsfeiern, Werbepartys oder auch Produktvorstellungen organisieren - und dafür geeignete Örtlichkeiten suchen. „Die Unternehmen haben immer weniger Lust auf 08/15“, sagt Messeorganisatorin Nicole Weimer, „sie suchen das Neue, das Besondere.“

          Keine Lust auf austauschbare Luxushotels

          Wie eine Feier unter Saurierskeletten zum Beispiel. Wenn abends die letzten Besucher das Frankfurter Naturmuseum Senckenberg verlassen haben, werden die Ausstellungsräume für Veranstaltungen umgerüstet. Die Gäste können dann zwischen Walskeletten und Mammutknochen ein Gala-Dinner verspeisen oder einfach den vielfarbig beleuchteten Tyrannosaurus bestaunen. Auf Wunsch werden auch Waldszenen an die Wand projiziert, sagt Andrea Spiekermann, Eventmanagerin im Senckenberg-Museum. „Das ist dann eine Reise in eine andere Zeit.“ Wildes Feiern ist nicht vorgesehen, die alten Knochen sollen schließlich nicht beschädigt werden. „Wir achten bei unseren Kunden darauf, dass sie unsere Forschung zu schätzen wissen“, so Spiekermann. Für eine gewisse Exklusivität sorgen ohnehin die Preise: Allein die Miete des Dinosaurier-Saals für maximal 250 Personen kostet 6000 Euro, zuzüglich Catering, Licht und Unterhaltung.

          Wem das zu gediegen ist, der kann sich eine alte Werkhalle buchen. Das ist zum Beispiel seit gut einem Jahr in Offenbach möglich. Dort, wo die Firma Fredenhagen 140 Jahre lang Fließbänder herstellte, lassen seit einem Jahr Konzerne ihre Mitarbeiter feiern. „Die Unternehmen haben keine Lust mehr auf irgendwelche austauschbaren Luxushotels“, glaubt Sales-Manager Lukas Kranz. Sie wollten sich als bodenständig inszenieren, und das gehe sehr gut in den alten Fabrikhallen. Statt Plüsch, roter Teppich und Goldglitzer lieber Betonboden, unverputzte Ziegelmauern und nackte Stahlträger. „Der Industrieflair ist gerade die große Welle.“

          Die Suche nach dem besonderen Erlebnis

          So werden in der Alten Schmelze in Wiesbaden längst keine Gleitlager mehr produziert, sondern Konzerte und Hochzeiten gefeiert. In Mainz wirbt die ehemalige Phönix-Halle 45 um solvente Partygäste, und im Dezember wird in Darmstadt die alte Motorenfabrik wiedereröffnet, als „Eventlocation für Kongresse, Gala-Dinners und Fahrzeugpräsentationen“. In Berlin oder im Ruhrgebiet sei die Umwidmung alter Industrieanlagen nichts Besonderes mehr, Rhein-Main sei da ein bisschen hintendran, sagt Kranz. Ungewöhnliche Orte suchen die Unternehmen dabei nicht nur, um ihren Kunden oder Mitarbeitern etwas Gutes zu tun. Sie sind mittlerweile ein wichtiger Teil der Imagebildung. „Die Firma demonstriert mit dem Veranstaltungsort, wie innovativ sie gesehen werden möchte“, sagt Birgit Wollenweber von Campuservice. Das Tochterunternehmen der Universität Frankfurt vermietet Hörsäle, Seminarräume oder auch die Mensa Casino an Kunden aus der Wirtschaft, das Catering übernimmt auf Wunsch das Studentenwerk. Besondes beliebt: Die Eisenhower-Rotunde im alten IG-Farben-Gebäude, mietbar für 3800 Euro. Die Einnahmen fließen dann in den Etat der Hochschule, zudem ist die Vermietung Teil der universitären Öffentlichkeitsarbeit, so Wollenweber. „Die Unternehmer staunen, wie modern alles hier ist - die erwarten verstaubte Hörsäle.“

          Mit solchen speziellen Örtlichkeiten mitzuhalten ist für angestammte Hotels nicht so einfach. Sie werben auf der Messe zwar ebenfalls mit dem „besonderen Erlebnis“ und „Exklusivität“, verstehen darunter meist aber nur Tagungsräume mit Wellnessbereich, guter Küche, Parkmöglichkeiten und nahe gelegener Autobahn. Auch sie müssen sich Neues einfallen lassen. Das neue Dorint-Hotel in Oberursel versucht das, indem es eine 105 Jahre alte Unternehmervilla in den Neubau integriert hat, die Villa Gans. Leicht war das aber nicht: Der Eigentümer der Immobilie, die Vermögensgesellschaft der IG Metall, stritt sich mehrere Jahre vor Gericht mit dem Denkmalschutz, bevor das Gebäude für die neue Nutzung umgebaut werden durfte.

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