https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/ver-antw-ortung-boerneplatz-renaissance-juedischen-lebens-17529100.html

Jüdisches Leben in Frankfurt : Was die Steine erzählen

Rückkehr: Fragmente des Toraschreins sind für kurze Zeit an ihrem historischen Ort zu sehen. Bild: Uwe Dettmar

Einst war er ein Kristallisationspunkt jüdischen Lebens – heute gibt es eine große Leerstelle auf dem Börneplatz in Frankfurt. In den nächsten Tagen werden dort Möglichkeiten der Erinnerung ausgelotet.

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          Das Erbe des Börneplatzes ist sichtbar und verborgen zugleich. Die Mauer zum jüdischen Friedhof an der Battonnstraße mit den 11.000 Namen der von den Nationalsozialisten deportierten Frankfurter erinnert an die Gräuel des NS-Regimes. Der Umriss auf dem schwarzen Boden aus Gussasphalt führt vor Augen, wo einmal die Synagoge stand, die in der Pogromnacht 1938 zerstört wurde. Ganz zu sehen ist er nicht – ein Teil stand dort, wo jetzt Mitarbeiter der Stadt in der Kantine zu Mittag essen.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Gedenktafel am Backsteingebäude der städtischen Bauaufsicht weist auf die Geschichte des Ortes hin – wer die Entstehung des Baus in Erinnerung hat, denkt vielleicht auch an den Protest, der sich Ende der Achtziger regte, als bei den Bauarbeiten die Überreste des jüdischen Ghettos gefunden wurden und das Museum Judengasse als Kompromiss in dem Gebäude eingerichtet wurde. Dort können Besucher nun die Spuren den jüdischen Alltags im frühneuzeitlichen Ghetto erkunden.

          Die jüdische Renaissance sichtbar machen

          Doch etwas fehlt. Die Zeit zwischen der Emanzipation, dem Ende des Ghettos und der brutalen Vernichtung jüdischen Lebens in Frankfurt: die jüdische Renaissance.

          Im Herzen Frankfurts haben Wandel und Lorch durch die Gedenkstätte am Neuen Börneplatz einen Ort der Erinnerungskultur mitgeschaffen.
          Im Herzen Frankfurts haben Wandel und Lorch durch die Gedenkstätte am Neuen Börneplatz einen Ort der Erinnerungskultur mitgeschaffen. : Bild: Daniel Vogl

          Der Börneplatz war mit der Synagoge, einem Krankenhaus und dem angrenzenden Ostend mit mehr als 100 Betstuben einst ein Kristallisationspunkt jüdischen Lebens, das die Stadt so stark geprägt hat. „Diese Zeit ist seltsam unsichtbar geworden“, sagt Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums. Gemeinsam mit dem Archäologischen Museum und dem Künstlerhaus Mousonturm hat sie in Partnerschaft mit Node – Verein zur Förderung Digitaler Kultur die Veranstaltung „Mapping Memories – Ver(antw)ortung Börneplatz“ geplant.

          „Man kann nicht etwas heile machen, was nicht zu heilen ist“

          Das Projekt ist das erste in der Reihe Metahub, die Kultur, Vermittlung und Kunst im öffentlichen und digitalen Raum sichtbar machen will. Gefördert wird es von der Kulturstiftung des Bundes, dem Kulturfonds RheinMain und dem Kulturdezernat der Stadt. Das Besondere daran ist nach Ansicht von Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) die Verschränkung von analogen und digitalen Inhalten, die auch für die verschiedenen Akteure eine Schnittstelle schafft. Vom 9. bis 12. September wird der Börneplatz in diesem Rahmen bespielt. Die jüdische Renaissance soll sichtbar gemacht werden, die Veranstalter wollen mit den Frankfurter Bürgern ins Gespräch kommen und fragen, wie erinnert werden soll. Auf dem Platz sind dafür Sitzblöcke aus Paletten aufgebaut, die auch eine Reverenz an die archäologischen Funde sind, die während des Baus des städtischen Gebäudes gerettet wurden und auf Paletten lagerten.

          Nicht zu heilen: Mit einer aufwendigen Steinfassung rahmte die israelitische Gemeinde den Toraschrein in der Börneplatz-Synagoge.
          Nicht zu heilen: Mit einer aufwendigen Steinfassung rahmte die israelitische Gemeinde den Toraschrein in der Börneplatz-Synagoge. : Bild: Institut für Stadtgeschichte

          Die archäologische Arbeit von Thorsten Sonnemann kann an einer Seite des Platzes per Video betrachtet werden, auf einer anderen erzählen Steine von damals. Die Überreste des Toraschreins aus der Synagoge sind für die Dauer des Erinnerungsfestivals in Vitrinen dorthin zurückgekehrt, wo sie einst standen. Die Architekten Nikolaus Hirsch und Michel Müller haben sie in einer „architektonischen Intervention“ an diesen Ort gebracht.

          Zusammengesetzt wurden die Bruchstücke des Schreins aus Marmor nicht. Die Fragmente, die in den baubegleitenden Arbeiten der Wissenschaftler im Schacht für die Tiefgarage geborgen wurden, zeigen die Zerstörung noch immer. Wolfgang David, Direktor des Archäologischen Museums, erklärt bei der Eröffnung der Veranstaltung, warum: „Man kann nicht wieder zusammensetzen und etwas heile machen, was nicht zu heilen ist.“

          Der Börneplatz wird in den nächsten Tagen aber auch zur Bühne: Podiumsdiskussionen über den Wandel der Erinnerungspraxis und Erinnern in der Kunst, aber auch ein Konzert und die Arbeit von Helgard Haug (Rimini Protokoll) sowie eine performative Führung des israelischen Künstlers Ariel Efraim Ashbel erforschen das Vergangene und das Jetzt. Ashbel setzt sich etwa mit dem eigenen Leben und seinem jüdischen Erbe auseinander. Er blickt eher auf die Gegenwart – zum Beispiel auf seine Bar Mizwa, die nächstes Jahr stattfinden soll, wenn er 40 Jahre alt sein wird. „In Deutschland wissen die Leute viel über jüdisches Sterben, aber wenig über jüdisches Leben“, sagt er. Das will er ändern.

          Das Programm ist im Internet unter metahubfrankfurt.de zu finden, es wird kein Eintritt erhoben. Auch das Museum Judengasse kann bis Sonntag unentgeltlich besucht werden. Auf der Website werden auch Teile der Ausstellung digital zugänglich gemacht.

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