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Veganer-Stammtisch : „Wir werden immer mehr“

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Grün ist die Hoffnung: Veganer möchten, dass Tiere nicht leiden. Diese Spinatsuppe ist demzufolge ganz ohne Leiden entstanden. Bild: dpa

Der Veganer-Stammtisch in Frankfurt ist beliebt. Längst sind nicht mehr nur Idealisten unter den Gästen. Das Verbraucherthema.

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          Die Mousse au Chocolat hat sie verraten. Andrea Kakrow musste sie ablehnen: Sie lebe mittlerweile vegan, bekannte sie vor ein paar Jahren in familiärer Runde. „Deine armen Eltern“, sagte eine Tante als Erstes. Es folgte die Frage, was sie denn überhaupt noch essen könne. Doch wer der 32 Jahre alten Frau zuhört, merkt, dass sie solche Reaktionen mit Humor nimmt.

          Längst nicht jeder hat Verständnis für eine vegane Lebensweise. Das berichten auch die anderen Gäste, die wie Kakrow an diesem Abend zum monatlichen Veganer-Stammtisch in Frankfurt gekommen sind. Was denn ohne Fleisch, Fisch, Eier und Milch noch auf dem Speiseplan übrig bleibe, werden sie oft gefragt.

          Und es verändert sich seit einiger Zeit etwas, hat Jasmin Seehaus, Initiatorin des Stammtisches, festgestellt. Sie wird inzwischen zum Beispiel seltener gefragt, was denn Veganismus eigentlich sei. „Wir sind in den letzten Jahren immer mehr geworden“, sagt Seehaus mit einem Blick in die Runde. Für 30 Leute hatte sie an diesem Abend reserviert, gekommen sind fast 40. Vor vier Jahren, erinnert sie sich, habe sie mit nur zehn Personen zusammengesessen.

          Die Entwicklung passt zur steigenden Zahl der Veganer in Deutschland. Dem Statistischen Bundesamt zufolge verzichten etwa 900.000 Menschen beim Essen komplett auf tierische Produkte, das sind 30 Prozent mehr als vor drei Jahren.

          „Ich wollte abnehmen“

          Nicht immer sind moralische oder ethische Motive ausschlaggebend. Bei Andrea Kakrow war es die Liebe. „Ich habe mich verlobt und wollte abnehmen“, sagt sie. Zunächst für einen Monat wollte sie sich vegan ernähren. Aus dem Monat wurden zwei Jahre. Dabei hatte sich die junge, blonde Frau schon als Vegetarierin lange „auf der sicheren Seite“ gewähnt. Nun aber ging sie einen Schritt weiter.

          Dass auch die Lebensmittelindustrie den Trend zum Veganismus erkannt hat, sehen einige in der Runde kritisch. Von Convenience Food für Veganer halten sie nichts. Als „utopisch“ bezeichnet eine Frau die Inhaltsstoffe einer veganen Wurst. „Fast Food ist Fast Food“, sagt sie. Kakrow versteht die vegane Lebensweise als Auseinandersetzung mit der Ernährung. „Das ist natürlich zeitintensiv.“ Sie macht sich keine Sorgen, dass sie zu wenig Nährstoffe aufnimmt. Klar ist für sie trotzdem: „Vitamin B12 sollten Veganer auf jeden Fall supplementieren.“ Denn das Vitamin wird vom Körper vor allem mit tierischen Produkten aufgenommen.

          Umdenken sei gut

          „Praktisch hängt es vom Wissen ab“, berichtet Kathrin Kohlenberg-Müller, Professorin für Ökotrophologie an der Hochschule Fulda. Eine sorgfältige Planung des Essensalltags entscheide darüber, ob vegan gleichzeitig auch gesund bedeute. Denn tierische Produkte enthielten Vitamine und Mineralstoffe, die sich mit ausschließlich pflanzlicher Ernährung nur schwer kompensieren ließen. Unter Umständen bleibe der Körper unterversorgt. Die Wissenschaftlerin gefällt es aber, wenn Umdenkprozesse „weg vom vielen Fleisch“ in Gang gesetzt werden.

          Auf Fleisch verzichtet Wolfgang Altvater schon lange, nahezu sein ganzes Leben. Vor zwei Jahren wurde der Vegetarier dann zum Veganer. Mit 74 Jahren ist er der Älteste in der Stammtischrunde und entspricht nicht dem gängigen Bild „jung, weiblich und gebildet“, wie er augenzwinkernd anmerkt. Ob er sich seitdem besser fühle? Schlechter zumindest nicht, meint er.

          Altvater sieht das Thema gelassen, von sogenannten Hardcore-Veganern hält er nicht viel. Vorurteile gebe es genug. Veganer läsen mehr, heiße es zum Beispiel. „Sie studieren vielleicht die Liste der Inhaltsstoffe von Lebensmitteln genauer“, scherzt der Veganer. Auch er fragte sich am Anfang, wo er Eiweiß herbekommen solle. Seitdem stehen mehr Hülsenfrüchte auf seinem Speiseplan.

          Ressourcen schonend leben

          Als einziger Veganer in seinem Bekanntenkreis lebt Altvater durchaus „in einer gewissen Außenseiterposition“. Wenn er einen Beilagensalat bestellt, kann es vorkommen, dass jemand einen Spruch macht. Ob denn auch wirklich keine Schnecken in seinem Salat seien? Erst als Altvater auf seine Beweggründe zu sprechen kommt, wird er ernst. Er lehnt die Bedingungen ab, unter denen Fleisch produziert wird. Zudem würden durch vegane Ernährung Ressourcen geschont.

          Diego Morisco hört aufmerksam zu. Ab und zu nickt er. Bildung, Erziehung und Sensibilität seien für diese Lebensweise wichtig, fügt der 42 Jahre alte Mann hinzu. Dann gesteht er jedoch, dass er ein sogenannter Flexi-Veganer sei. Das bedeutet, er lebt „weitgehend vegan“. Morisco ist der Meinung: „Ein Minimum an tierischen Produkten ist gut.“ Das Fleisch wähle er sorgfältig aus. Natürlich habe es am Stammtisch Versuche gegeben, ihn umzustimmen. Doch eine „zu dogmatische Haltung“ lehnt er ab.

          Michael Ströbel wiederum mag keine halben Sachen. „Ich mache es ja aus ethischen Gründen“, sagt der 50 Jahre alte Frankfurter. Unsinnig findet er, dass einige Veganer kein Vitamin B12 zusätzlich zuführen wollten. „Und dass nur, damit es nicht heißt, Veganer nehmen Tabletten.“ Ein Nährstoffmangel sei außerdem nicht nur für Veganer ein Thema. „Viele Allesesser haben ja ein ähnliches Problem.“

          Infos zum Stammtisch finden Interessierte unter www.veganinfrankfurt.de.

          Vegan einkaufen und ausgehen in Frankfurt

          Die Zeiten, in denen Veganer Sojawürstchen und Pizzakäse im Internet bestellen mussten, sind passé. Längst haben Rewe, Tegut und Aldi in ihren Regalen Platz gemacht für ein veganes Sortiment. Mehr als 6000 Artikel finden Verbraucher seit zweieinhalb Jahren im veganen Supermarkt Veganz in Bornheim. Hier ist ohnehin gut sein für alle, die nichts vom Tier mögen, also auch keine Eier und keinen Honig. Für sie gibt es das Café Extravegant an der Berger Straße.

          Auch im Café Edelkiosk an der Rhönstraße wird die Latte Macchiato mit Sojamilch serviert. Wie-Wurst-Produkte verkauft Bio-Metzger Spahn an der Berger Straße 22. Wondergood heißt ein rein veganes Restaurant an der Preungesheimer Straße. Zu den vegetarischen Restaurants, die Veganes im Programm haben, zählt unter anderen die Naturbar am Oeder Weg. Eine beliebte Anlaufstelle für alle Fleisch-Verweigerer in der Innenstadt ist die Ragbar in der Zeilgalerie. Auch einige Eisdielen haben vegane und laktosefreie Sorten im Programm. Einen Überblick gibt es auf www.frankfurt-vegan.de. (hoff.)

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