https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/urteil-gegen-betreiber-von-kinderporno-plattform-boystown-18514715.html

Kinderporno-Plattform Boystown : „Niemand ist sicher, auch nicht im sogenannten Darknet“

  • -Aktualisiert am

Der Angeklagte Andreas G. wird am Dienstag vor der Verkündung des Urteils in den Saal geführt. Bild: dpa

Die Betreiber der weltweit größten Kinderporno-Plattform Boystown müssen für mehrere Jahre ins Gefängnis, zwei von ihnen mit anschließender Sicherungsverwahrung. Sie haben selbst Kinder missbraucht.

          3 Min.

          Andreas G. hört dem Vorsitzende Richter zu, als würde der nur eine Geschichte erzählen. Die Ellbogen hat er auf den Tisch gestützt, den Kopf seitlich in seine Hände, zur Strafkammer gewandt. Der Vorsitzende Richter sagt, Andreas G. stufe sein Rückfallrisiko selbst mit 90 Prozent ein. Er habe sich den Jungen immer freundlich genähert, aber nicht spontan gehandelt. Der Missbrauch sei geplant gewesen. Und ihm würde es auch in Zukunft, nach Absitzen seiner Strafe, möglich sein, einen solchen Kontakt zu Jungen aufzubauen. Der Zweiundvierzigjährige sei zwar bereit, sich therapieren zu lassen. Aber das spreche nicht gegen eine Sicherungsverwahrung.

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Es ist nicht das erste Mal an diesem Tag, dass sich viele im Saal I des Landgerichts Frankfurt wünschen, der Vorsitzende Richter würde wirklich nur eine Geschichte erzählen, wenn auch eine besonders grausame. Andreas G. aus dem Landkreis Paderborn ist einer von vier Angeklagten im Prozess um die kinderpornografische Plattform Boystown im Darknet. Mehr als 400.000 Nutzer auf der ganzen Welt hatten bis zur Abschaltung des Portals im Frühjahr 2021 Zugriff auf Bilder und Videos, die sexuellen Missbrauch von Kindern zeigten, hauptsächlich von Jungen.

          Das Gericht sieht es an diesem Dienstag als erwiesen an, dass Andreas G. als Moderator und Administrator der Seite tätig war – und selbst Kinder in 25 Fällen sexuell missbraucht hat. Strafmildernd, so der Richter, habe sich ausgewirkt, dass Andreas G. mit den Ermittlern zusammengearbeitet und etwa seine Passwörter preisgegeben habe. Das Gericht verurteilt G. zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Jahren und sechs Monaten, mit anschließender Sicherungsverwahrung. Dieses Mittel bezeichnet der Vorsitzende Richter als „schärfste Sanktion, die das deutsche Strafgesetzbuch kennt“. G. soll sich Kindern nie wieder nähern können.

          Taten gefilmt und weitergeleitet

          Hinter Andreas G. sitzt Alexander G. Er wird zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwölf Jahren, verurteilt, ebenfalls mit anschließender Sicherungsverwahrung. Nach Auffassung des Gerichts war der Neunundvierzigjährige für den Betrieb der in Moldau registrierten Server zuständig, der die illegale Plattform möglich machte. Er hat Kinder in Dutzenden Fällen missbraucht, darunter seinen eigenen Sohn. Unter anderem, so der Vorsitzende Richter, habe er seine Taten gefilmt und die Aufnahmen an Andreas G. geschickt.

          Im Fall des dritten und vierten Angeklagten ist dem Gericht zufolge nicht „mit der erforderlichen Sicherheit feststellbar“, dass sie selbst Kinder missbraucht haben. Der 60 Jahre alte Christian K., der in Paraguay festgenommen worden war und ebenfalls als Betreiber der Plattform agierte, wird zu acht Jahren verurteilt. Der 66 Jahre alte Fritz K. aus Hamburg hatte selbst keine festgelegte Tätigkeit auf der Plattform, war aber ein besonders aktiver Nutzer. Mehr als 3600 Forenbeiträge hat er verfasst. „Er prägte die Plattform durch seine inhaltlichen Beiträge mit“, sagt der Richter. K. muss nun für sieben Jahre ins Gefängnis.

          Der Vorsitzende Richter zählt akribisch auf, in wie vielen Fällen die Männer welche Straftaten begangen haben. Ins Detail geht er dabei nicht. Im Prozess hatte die Strafkammer immer wieder die Öffentlichkeit von den Verhandlungen ausgeschlossen, um die Identität der Opfer zu schützen. Die 45 Minuten, in denen der Vorsitzende Richter das Urteil verkündet, reichen dennoch, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie schwer die Taten der Männer wiegen. Es sei kein „alltägliches Verfahren“, so der Richter. Die psychischen und physischen Folgen von Kindesmissbrauch seien in ihrem Ausmaß nicht vorhersehbar.

          „Sie wollten die pädophile Community im Gesamten fördern“

          Nach Auffassung des Gerichts waren Andreas G., Alexander G., und Christian K. vor Boystown auf einer anderen Plattform aktiv, die im Sommer 2019 abgeschaltet wurde. Sie haben sich danach zusammengeschlossen, um eine Nachfolgeplattform aufzubauen. Das auf Boystown verbreitete kinderpornografische Material war nach Präferenzen kategorisiert, die Rollenverteilung im Forum streng hierarchisch organisiert. Die enorme Reichweite von Boystown habe sich auch dadurch bemerkbar gemacht, dass es zwei Wochen nach der Abschaltung im Frühjahr 2021 noch über 80 000 Zugriffsversuche gegeben habe.

          An Boystown waren mehrere weitere Chatplattformen angeschlossen, die dem Austausch kinderpornografischen Materials dienten, darunter auch von weiblichen Kindern. Das entspreche nicht den sexuellen Präferenz der Betreiber. „Sie wollten die pädophile Community im Gesamten fördern“, sagt der Vorsitzende Richter, die Angeklagten hätte eine „erhebliche kriminelle Energie“ besessen.

          Ein Sprecher der für den Fall zuständigen Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT), die zur Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt gehört, zeigt sich nach der Verhandlung zufrieden. Das Gericht sei den Anträgen der Staatsanwaltschaft fast vollständig gefolgt. Die Ermittlungen im Fall seien aber noch nicht abgeschlossen, eine „Vielzahl der Nutzer“ seien identifiziert. Der Anwalt eines nun 23 Jahre alten Nebenklägers erhofft sich vom Urteil eine „Signalwirkung, dass niemand sicher ist, auch nicht im sogenannten Darknet“. Es sei kaum absehbar, wie viel Leid entstanden sei – „und vielleicht auch noch in Zukunft entstehen wird“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Am vergangenen Wochenende demonstrierten in London Anhänger des schottischen Selbstidentifikations-Regelung für Trans-Rechte.

          Debatte über Transrechte : Vergewaltiger im Frauengefängnis

          Die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon ist im Streit um Transrechte in die Defensive geraten. Nachdem ein Vergewaltiger in ein Frauengefängnis sollte, beugte sie sich jetzt Protesten.
          Bernard Arnault (vierter von links) im Kreise der Familie

          Wer leitet künftig LVMH? : Der Schatz der Arnaults

          Der reichste Mann der Welt hätte allen Grund, sich zur Ruhe zu setzen – tut es aber nicht. Seine Nachfolgeplanung bleibt ein wohlbehütetes Geheimnis.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.