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Urbanes Bauen : Wohnexperimente für die wachsende Stadt

Treppen bleiben draußen: Die Wohnungen in dem ABG-Projekt in Oberrad werden für weniger als zehn Euro pro Quadratmeter vermietet. Bild: Schneider + Schumacher

Wohnungen müssen nicht teuer sein. Das zeigen Architekten mit neuen Modellen und Bautechniken. Aber an einigen Stellen knirscht es noch.

          Wer in ein Modellhaus zieht, muss selbst im Winter nicht frieren. Obwohl die Wand des „Cubity“ nur weniger Zentimeter dick ist und aus Kunststoff besteht, ist es drinnen dank einer Fußbodenheizung angenehm warm. Auf dem Tisch in der Mitte der Halle steht ein Adventskranz, in der gemeinsamen Kochecke eine Schale mit Orangen. In den zwölf Wohnwürfeln in der Halle in Niederrad ist es noch etwas wärmer. Trotzdem produziert das Haus mehr Energie, als es verbraucht - ein Wärmetauscher und Photovoltaikzellen machen es möglich. Einige Studenten sind schon eingezogen. „Ab Januar wird das Haus beforscht“, sagt der Architekt Matthias Schönau von der TU Darmstadt.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Cubity, von der Nassauischen Heimstätte realisiert, ist eines von mehreren Wohnexperimenten, die derzeit in Frankfurt entstehen oder geplant sind. Der Bund Deutscher Architekten widmete solchen Projekten am Mittwoch seine Zukunftskonferenz im Architekturmuseum. Im Mittelpunkt stehen Wohnhäuser, die innovativ, ansehnlich und auch bezahlbar sein sollen. Denn viele Städte suchen nach Lösungen, wie sie die wachsende Bevölkerung mit Wohnraum versorgen können.

          Holzmodule sparen Kosten

          Die städtische ABG hat sich zu diesem Zweck sogar von ihrem geliebten Passivhaus verabschiedet, wie der Architekt Michael Schumacher sagt. In einer Baulücke in Oberrad entsteht nach Plänen des Büros Schneider und Schumacher ein Wohnhaus, in dem der Quadratmeter weniger als zehn Euro Miete kosten soll - im Neubau und trotz hoher Grundstückskosten. In dem kompakten Gebäude wird die Erschließung nach außen verlagert, um das Volumen klein zu halten. „Treppen und Aufzüge müssen leider draußen bleiben“, sagt Schumacher. Ende Dezember soll der Bau beginnen. Die Architektin Nicole Berganski aus dem Büro NKBAK empfiehlt die Modulbauweise, um Baukosten zu senken. Wie bei der Erweiterung der Europäischen Schule könne man auch im Wohnungsbau Holzmodule im Werk fertigen und auf der Baustelle zusammensetzen. „Das spart Zeit und Kosten.“ Nach dem Prinzip könnten günstige Wohnhäuser entstehen.

          Der Architekt Hans Drexler wählt einen ganz anderen Ansatz. Sein Projekt an der Friedberger Landstraße im Nordend soll auf einer jener Flächen entstehen, die mit dem „Liegenschaftsfonds“ der Stadt gefördert werden. Die Stadt erwirbt die Grundstücke für gemeinschaftliche Wohnprojekte und gibt sie zum Verkehrswert an den Bewerber mit dem besten Konzept weiter. Am 12. Dezember solle sich entscheiden, ob das Projekt tatsächlich realisiert werde, sagt die Koordinatorin Birgit Kasper vom Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen. Denn noch gebe es offene Fragen.

          Weniger Fläche bedeutet niedrigere Erstellungskosten

          Kasper ist offenbar nicht glücklich, dass die Baugruppe um Drexler zunächst Wohneigentum plante. „Das ist nicht im Sinne des Erfinders“, meint sie. Daher hat sich die Gruppe - vier Familien, zwei Singles, zwei Senioren - inzwischen entschieden, unter das Dach einer Genossenschaft zu schlüpfen. In dem Gebäude entstehen acht Wohnungen, die mit geringer Fläche auskommen, weil sich die Bewohner bestimmte Räume teilen wollen, darunter eine Waschküche im Keller, eine gemeinsame Wohnküche im ersten Obergeschoss und in der höchsten Etage ein Gästezimmer, in dem Besuch einquartiert werden kann. Dadurch sparen die Bewohner Platz in ihren individuellen Wohnungen, die kaum größer als 70 Quadratmeter sind. Der Leitgedanke sei gewesen, auf kleiner Fläche eine hohe Wohnqualität zu bieten, sagt Drexler. „Wenn ich weniger Fläche verbrauche, reduzieren sich auch die Erstellungskosten.“ Von Car-Sharing und einer Kita im Erdgeschoss sollen auch Nachbarn profitieren können.

          Mit dem Liegenschaftsfonds will die Stadt gemeinschaftliche Wohnprojekte fördern und mit Grundstücken versorgen. Denn solche Wohngruppen kommen in Bieterverfahren selten zum Zug. Ist eine Wohngruppe bei der Konzeptvergabe erfolgreich, wird das Grundstück ein Jahr lang für sie reserviert. In dieser Zeit kann sie ihre Pläne konkretisieren und die Finanzierung sichern. Dann erwerben die Gruppen das Grundstück in Erbpacht, und das Geld fließt zurück in den Fonds. Die Gruppe um Drexler ist allerdings schon etwas weiter gegangen und hat eine Architektur ausgearbeitet. In Holzskelettbauweise und mit Plus-Energie-Technik soll das Haus entstehen, wie Drexler auf der Tagung im Architekturmuseum sagt.

          Der gemeinschaftliche Gedanke soll gefördert werden

          So sinnvoll die Idee des Liegenschaftsfonds in der Theorie auch klingt, an der Umsetzung hapert es noch. Anfangs war beispielsweise die Bildung von Wohneigentum nicht ausgeschlossen. Erst im Nachhinein wurden die Kriterien geändert. Bei den ersten Verfahren habe sich gezeigt, dass ganz normale Eigentumswohnungen geplant gewesen seien, sagt der Sprecher des Planungsdezernats. „Wir wollen städtisches Eigentum mit bestimmten Zielen vergeben und den gemeinschaftlichen Gedanken fördern.“ Daher würden nun andere Rechtsformen, etwa Genossenschaften oder Vereine, bevorzugt. „Es ist nicht ganz einfach, aber die Leute sollen sich auch ins Zeug legen.“ Immerhin sei der Preiswettbewerb ausgeschaltet.

          Professionelle Regeln für die Baugruppen klingen allerdings anders. Dabei sind sie auf sichere Verfahren angewiesen, denn es entstehen Kosten und Risiken. Unklar ist etwa, wer für die gemeinschaftlichen Wohngruppen als Auslober und als Vertragspartner fungiert. Denn der Liegenschaftsfonds ist keine juristische Person, sondern „nur ein Topf Geld“, wie Kasper sagt. Sie selbst kann nicht plausibel erklären, wer eigentlich als Auslober auftritt. Die stadtnahe KEG verwalte das Geld und kümmere sich um das Exposé. Die Geschäftsstelle des Liegenschaftsfonds im Wohnungsamt koordiniere das Verfahren. Auf der Internetseite des Netzwerks und im Amtsblatt würden die Grundstücke dann ausgeschrieben.

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