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Urban Explorer : Der Einstieg in Geschichten

  • -Aktualisiert am

„Die Angst spüren“: Alexander erkundet als „Urban Explorer“ gern verlassene Kasernen, Fabrikhallen und Bahnhöfe. Bild: dpa

Villen, Bunker, Kliniken: Auf der Suche nach Abenteuer dringt der Urban Explorer in verlassene Gebäude ein - und kann manchmal selbst nicht glauben, was sich in ihnen versteckt.

          Am Ende des Waldweges hält Alexander an und holt einen Metallkoffer aus dem Kofferraum. Bevor es losgeht, will er nur noch seinen Begleiter vorstellen, das hatte er auf der Fahrt gesagt, als der Weg schlechter und der Wald dichter wurden. Der Koffer schnappt auf, aus dem großen Koffer nimmt Alexander einen kleinen Koffer und aus dem kleinen Koffer eine polierte Pistole. Er schiebt das Magazin ein, lädt durch, und es knallt ohrenbetäubend. „Das macht garantiert jedem Angst“, sagt er und steckt die Schreckschusspistole zurück in die Kiste.

          Alexander, der eigentlich anders heißt, arbeitet als Dachdecker in einer kleinen Stadt im Süden Hessens. Er ist 30 Jahre alt, er trinkt nicht, er raucht nicht, und er sammelt Modellautos. Seine Kollegen sind okay, und zu seinem Chef fällt ihm nur wenig Nettes ein. Manchmal finde er sein Leben zu normal, sagt er über sich selbst.

          Es gibt noch einen anderen Alexander. Der zieht freitagabends Tarnjacke, Militärhose und Springerstiefel an. Er packt Taschenlampen, Messer, Nachtsichtgeräte, Erste-Hilfe-Set und die Schreckschusspistole in den Kofferraum. Seiner Freundin nennt er eine Uhrzeit: Wenn er sich bis spätestens dahin nicht bei ihr gemeldet hat, soll sie Krankenhäuser anrufen und nachfragen, ob die etwas von ihm wissen. Dann fährt Alexander ein paar Stunden bevor es dunkel wird, los zu Orten, die er nicht im Navigationsgerät findet. Sein Ziel sind Bunker, Kurkliniken, Villen, Klöster, Fabrikhallen, Kasernen oder Abwasserkanäle. Alles, was verlassen und vergessen wurde.

          Auf der Suche nach Freiheit, einem anderen Leben

          Sobald es ihm dunkel genug erscheint, streift er das Brusthalfter über, in dem die Pistole steckt, setzt ein Nachtsichtgerät auf und schultert das restliche Gepäck. Er sucht sich einen Weg auf das Gelände oder in das Gebäude, das er erst im Morgengrauen wieder verlassen wird.

          Alexander ist Urban Explorer, ein Wort, das er vor drei Jahren selbst noch nicht kannte. Urban Explorer erkunden verlassene oder scheinbar unzugängliche Orte. Sie machen Fotos, schauen sich um, manchmal bleiben sie über Nacht. Das ist alles. Nur: Warum machen sie das? Für die einen ist es ein Sport, für die nächsten Hobbyforschung. Viele suchen nach Freiheit und einem anderen Leben, das nicht morgens um acht Uhr an der Bürotür endet.

          Der Londoner Geograph Bradley Garrett sieht in Urban Exploring eine Reaktion auf die „zunehmende Überwachung und Kontrolle des öffentlichen Raums“. Egal, was sie antreibt, die „Forscher“ eint, dass ihr Tun meist illegal ist. Sie betreten fremdes Eigentum und begehen damit strenggenommen Hausfriedensbruch. Bestraft worden ist Alexander deshalb noch nie. Im Normalfall merkt überhaupt niemand, dass er da war.

          Er nimmt nichts mit von den Orten

          Auch an diesem Abend ist Alexander auf Erkundungstour. Ein mehrere Hektar großes Militärareal im Taunus ist sein Ziel. Als Alexander vor dem aufgegebenen Bundeswehrgelände parkt und aus dem Auto steigt, sieht er aus wie ein Soldat, der in den Krieg zieht. Er trägt ein dunkles Camouflage-Shirt und eine breite Militäruhr, an seinem Gürtel hängen Multifunktionsmesser, Werkzeug und eine kleine Taschenlampe. Auf seinen Unterarmen und im Nacken schlängeln sich Tattoos. Er geht am mit Stacheldraht gekrönten Zaun entlang, der das Gelände umgibt, und sucht das Loch, von dem Bekannte ihm erzählt hatten.

          Alexanders oberste Regel lautet: Alles bleibt, wie es war. Nichts mitnehmen, nichts zerstören. „Nach einer Tour ist die Speicherkarte der Kamera voll, aber der Rucksack bleibt leer“, sagt er. Ein Loch in den Zaun zu schneiden wäre gegen seine Regeln. Findet er kein Loch, klettert er über den Zaun. Ist der aus Stacheldraht, sucht Alexander die Verbindungsstellen der Zaunstücke. Er hakt sie auf und später wieder zu, beschädigt wird dabei nichts. Die Technik kennt er aus dem Fernsehen. Dass sie nicht immer schmerzfrei funktioniert, beweisen Alexanders Hände, die von Narben zerfurcht sind. „Auch Narben sind Erinnerungen“, sagt er.

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