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Oh Schreck

Illustrationen: SERGE BLOCH

12. Januar 2021 · Am Dienstag benennt eine Jury aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten das „Unwort des Jahres“ 2020. Die Redaktion hat mal selbst überlegt.


Mund-Nasen-Schutz

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Wie viele Nasen hat der Mensch? Eine. Warum werden dann mehrere geschützt durch den Mund-Nasen-Schutz? Ja, das Fugen-N ist erlaubt wie beim Nasenbären oder dem Nasenbein, wie uns der Sprachforscher erklärt. Gekoppelt geschrieben irritiert der Mund-Nasen-Schutz, ohnehin ein aus der Not des Maskenmangels der ersten Corona-Wochen genutzter Begriff, noch viel mehr, auch wenn man nun darauf verweisen kann, dass doch nahezu jeder mittlerweile seine Nase bedeckt und somit der Plural wenigstens in dieser Hinsicht gerechtfertigt sei und es in Deutschland auch keiner Werbeaktion bedarf wie in Wiener Bussen und Bahnen, wo es im Spätsommer „Naserl rein, so muss das sein“ hieß. Daniel Meuren

Einzelverzimmerung

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Das Wort sollte Schrecken verbreiten: Einzelverzimmerung. Bei der Neuplanung neuer Büroflächen war es vor Corona ein Einrichtungskonzept für Gestrige, Ewiggestrige vielleicht sogar. Modernes Arbeiten? Das bedeutete offene Räume, flexible Arbeitswelten, gar keine festen Schreibtische mehr. Bloß keine Tür, die man schließen kann. Wer für einen Teil der Arbeitsplätze zur Einzelverzimmerung riet, der erweckte den Anschein, Hasenställe für vor sich hin mümmelnde Mitarbeiter bauen zu wollen, anstatt der kommunikativen Kreativität Luft und Raum zu verschaffen. Wohl dem, der das Arbeiten in der Pandemie anders organisieren und auf einzelne Zimmer für seine Mitarbeiter zurückgreifen konnte, um so eine Mischung aus Nähe und Ferne zu erreichen. Und so wurde aus einem Unwort plötzlich ein modernes Konzept. Wie so oft ist alles eine Frage der Verhältnismäßigkeit: Es ist weder sinnvoll, nur noch Großraumbüros zu bauen, noch, alles in einzelnen Büros erledigen zu lassen. Wer möchte schon verzimmert worden sein? 2020 haben wir gelernt: Selbst in einem Einzelzimmer kann man aktives Subjekt bleiben und muss nicht zum passiven Objekt werden. Carsten Knop

Social distancing

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Abstand hilft, Infektionen zu vermeiden, das wissen wir nach diesem Jahr. Aber „social distancing“? Diese unselige Wortschöpfung hat sich ziemlich breit gemacht und verkennt den entscheidenden Punkt: Physische Distanz hilft. Auf sozialer Ebene sollten wir dagegen zusammenrücken, sonst drehen wir nicht nur mental durch, sondern gehen im Kampf gegen die Pandemie unter. Alles, um andere zu schützen, ist gut, wie auf einen Besuch zu verzichten, den Geburtstag nicht zu feiern, an Weihnachten nur ein Zoom-Anruf statt weinseligem Beisammensein unterm Baum – aber andererseits hilft auch, älteren Mitbewohnern im Haus anbieten, für sie einzukaufen. Zum Glück sind wir so oft sozial zusammen gerückt. Viele Menschen haben Masken genäht und sie an Bedürftige gespendet, haben Rücksicht genommen und geholfen. Eher ein „social associating“, das glatte Gegenteil von diesem Unwort. So soll es bleiben. Theresa Weiß

Ein-Freund-Regel

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Zuerst hat man sie den Kindern ans Herz gelegt: Sie mögen sich für die harten Winterwochen auf einen einzigen Spielkameraden festlegen. Da hätte man auch gleich die Kein-Freund-Regel ausrufen können: Diejenigen, die nicht die Auserwählten sind, werden dem Kumpel das nie vergessen. Ganz sicher aus ist es mit der Freundschaft, wenn der oder die Eine schon einen anderen Krisenbegleiter gewählt haben. Seit nun auch für Erwachsene eine Ein-Freund-Regelung gilt, fällt sie großzügiger aus, die Auserwählten können von Treffen zu Treffen wechseln. Das bringt die Karten auf den Tisch, dass man den Freund der alten Schulfreundin eher für verzichtbar hält … Für jüngere Kinder bleibt es eine Regel, bei der die Freundschaft aufhört: Ohne Begleitung können Kindergartenkinder nicht zum Spielplatz oder zu Freunden gehen – aber zwei Mütter, zwei Kinder, ganz zu schweigen von Geschwistern, sind ja schon zu viel. Inga Janovic

Kann mich jemand hören?

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Guten Tag, Hallo, Ähm – wenn früher ein Gesprächsbeitrag eröffnet wurde, dann meist mit Begrüßungsformeln. Seitdem wir aber uns noch per Webcam gegenseitig in die Augen schauen dürfen und nicht einfach telefonieren, sondern skypen, zoomen und teamen, scheint sich jeder erst einmal des Gehörs aller versichern zu müssen: „Kann mich jemand hören?“ wird dann ins virtuelle Auditorium gefragt. Meist ist die Antwort ein kollektives Ja – sofern man selbst es geschafft hat, den „Mute“-Schalter zu deaktivieren. Es mag an der relativen Neuheit von Web-Konferenzen liegen, dass man der Technik immer noch nicht traut, bei vielen ist sie ja erst seit Corona im Einsatz. Aber langsam müsste mit dieser Hörverunsicherung Schluss ein. Am klassischen Telefonhörer müssen wir das ja auch nicht mehr vor jedem Gespräch fragen. Falk Heunemann

Haushalt

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Ein Haushalt oder ein Hausstand, das ist inzwischen eine bedeutende Größenordnung. Das Wort, zuvor im Zusammenhang mit Reinigungsmitteln oder einem Etat gebraucht, ist mit der Pandemie zum Maßstab der neuen Normalität geworden. Wenn es heißt, dass Menschen eines Haushalts nur noch Menschen eines weiteren treffen dürfen, bedeutet das für Singles, dass sie beispielsweise einen alleinstehenden Freund treffen können, während im Nachbarhaus zwei Paare zusammensitzen. Angesichts der neuen Beschränkung auf eine Person aber bedeutet das, dass dort immer noch drei Personen zusammen sein können. Für Eltern mit vier studierenden Kindern war die Weihnachtsplanung schon fast unmöglich: Zusammen mit den Großeltern wären sie acht Personen aus fünf Haushalten gewesen. Und zu welchem Haushalt gehören eigentlich Teenager, die zwischen getrennten Eltern pendeln? Die neuen Regeln werfen viele Haushaltsfragen auf. Patricia Andreae

Querdenker

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So neu, wie es uns die Kämpfer gegen die Corona-Maßnahmen verkaufen wollen, ist der Begriff Querdenker gar nicht. Geprägt hat ihn, und das darf man gerne für Ironie halten, ein Wissenschaftler und Mediziner. In den siebziger Jahre regte der Brite Edward de Bono dazu an, die Welt mit Hilfe des Querdenkens aus anderen Sichtweisen zu betrachten. Wohlgemerkt: Ihm ging es darum, Probleme aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Querdenken bedeutete, sich in andere, einem selbst erst einmal fremd und unverständlich erscheinende Standpunkte zu vertiefen. Die heutigen Querdenker aber treibt etwas ganz anderes an, ihre Devise lautet: Hauptsache dagegen. Dass sie mit ihrer Sicht auf die Welt falsch liegen könnten: unvorstellbar. Populismus, Wut und Staatsskepsis prägen ihre Radikalopposition, nicht die Fähigkeit, um die Ecke zu denken. Einer der ersten Deutschen, der als Querdenker bezeichnet wurde, war übrigens Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen. Man nannte ihn auch Lügenbaron. Alexander Jürgs

Notbetreuung

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Wann wird ein Kind zum Notfall? Doch wohl dann, wenn der Nachwuchs zu Hause verbaler oder körperlicher Gewalt ausgesetzt wird und das Kindeswohl gefährdet ist. Aber ist ein Kind ein Notfall, weil Mutter und Vater arbeiten müssen? Das genügt nämlich, damit ein Kind in die Notbetreuung geschickt werden darf. Die Unterscheidung nach „Systemrelevanz“, also wichtigen und weniger wichtigen Berufen, ist zum Glück passé. Berufstätige Eltern und deren Kinder sind keine Not-, sondern Normalfälle. Mit dem Begriff Notbetreuung macht man den Erziehungsberechtigten ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Kinder trotz Corona in die Kita schicken. Die Alternative wäre, sie ruhigzustellen, während der Videokonferenz vor den Fernseher zu setzen, spätabends seine Arbeit zu erledigen, um tagsüber ein unausgeschlafener, übelgelaunter Elternteil zu sein. Rainer Schulze

Übersterblichkeit

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Als ich das Wort zum ersten Mal im Mai in der Tagesschau hörte, dachte ich, das sei ein Versprecher. Aber dann tauchte es wieder und wieder auf, offenbar ein gängiger Begriff aus der Horrorkiste der Statistiker. Er soll aussagen, dass in einer Periode mehr Menschen zu Tode gekommen sind als in einem vergleichbaren Zeitraum unter vergleichbaren Bedingungen. Gerade, als man sich an das herzlose Wort zu gewöhnen schien, verschwand es für Monate, dann war es zum Jahresende wieder da. Weil täglich „an und mit Corona“ bis zu Tausend Menschen in Deutschland sterben. Ein Wort dafür, das mehr Empathie für das Leid der Erkrankten und das der Angehörigen ausdrückt, ist schwer zu finden. „Erhöhte Sterberate“ oder „Exzess-Mortalität“ befremden in ähnlicher Weise. Keine Frage: Es muss darüber gesprochen werden, wie tödlich das Virus ist. Aber man kann das auch in Relativsätzen tun, die erklären und Mitgefühl zeigen. Helmut Schwan

Ausscheider

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Die menschlichen Ausscheidungen sind eigentlich eine höchst intime Privatangelegenheit. Das gilt aber offenbar nicht, wenn es um das grassierende Corona-Virus geht. Für jene bedauernswerten Infizierten, die das tückische Virus ohne jede Absicht verbreiten, weil sie sich mangels eigener Symptome nicht selbst einer Infektion und Krankheit verdächtigen, hat das Robert-Koch-Institut jetzt den unschönen und unappetitlichen Namen Ausscheider geprägt. Im kafkaesken Sinne sind das die unschuldig Schuldigen, die der Allgemeinheit ohne jede Absicht schaden, weil sie das Virus verbreiten, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das ist im Sinn der Epidemiologen zwar schlimm, doch viel schlimmer ist für den jeweiligen Virenträger wohl die Erkenntnis, die eigenen Freunde und Verwandten angesteckt zu haben. Sie als heimtückische „Ausscheider“ zu klassifizieren, darauf können nur Wissenschaftler kommen. Oliver Bock

Wohnen in Zentrumsnähe Zehn unterschätzte Stadtteile
Kinderarmut Am seidenen Faden

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 12.01.2021 09:01 Uhr