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Unterrichtsausfall : Eltern sprechen von "Maulkorb" des Kultusministeriums

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"Mitteleuropäischer Höflichkeit" angeblich nicht entsprochen hat ein Brief des hessischen Kultusministeriums an das Staatliche Schulamt Frankfurt. "Das Schulamt hat das Schreiben ins Nette übersetzt und ...

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          "Mitteleuropäischer Höflichkeit" angeblich nicht entsprochen hat ein Brief des hessischen Kultusministeriums an das Staatliche Schulamt Frankfurt. "Das Schulamt hat das Schreiben ins Nette übersetzt und an uns weitergeleitet", sagte Wilfried Volkmann, Vorsitzender des Stadtelternbeirats, am Donnerstag auf einer Pressekonferenz des Stadtelternbeirats, des Gesamtpersonalrats der Frankfurter Lehrer und des Stadtschülerrats. Der Stadtelternbeirat hatte erfahren wollen, wie viele Unterrichtsstunden an Frankfurter Schulen wegen Krankheit oder Weiterbildung ausfallen, und sich deshalb an das Staatliche Schulamt gewandt. Dieses wiederum hatte das Ansinnen an das vorgesetzte Kultusministerium weitergeleitet, selbst Antwort erhalten und den Eltern eine gegeben. Darin heißt es: Der Stadtelternbeirat sei dafür zuständig, die Arbeit der Schulelternbeiräte zu bündeln, nicht aber dafür, Daten zu erheben. Zudem sei die Ausfallquote schwer zu erfassen. "Damit legt das Ministerium der Elternschaft einen Maulkorb an", so Volkmann.

          Da die Elternvertretung keine Fakten genannt bekommt, schätzt sie: Zwischen fünf und 15 Prozent des Unterrichts falle an den Schulen in Frankfurt aus - ungeplant. "Geplant werden im nächsten Schuljahr etwa sieben Prozent fehlen", sagte Marianne Friemelt, Vorsitzende des Gesamtpersonalrats Frankfurter Lehrer. Das sei jetzt schon erkennbar, weil das Ministerium Lehrer für nur 93 Prozent des Unterrichtsbedarfs zuweise. Die Mehrarbeit von bis zu einer Wochenstunde, die die hessischen Lehrer seit dem 1.Januar leisten, kompensiere diesen Ausfall nicht. Verschärft werde die Situation dadurch, daß für die Lehrer, die Ende dieses Schuljahres pensioniert werden, keine neuen nachrückten. "Besonders Englisch, Mathe und Physik werden jetzt schon notdürftig unterrichtet", sagte Friemelt. Sie rechnete vor, daß für eine Grundschulklasse im nächsten Schuljahr wöchentlich ein bis zwei Stunden weniger Unterricht vorgesehen seien. Der Sprecher des Kultusministeriums, Ralf Hörnig, wies das am Donnerstag zurück; die Zuweisung werde im neuen Schuljahr den Bedarf decken.

          Die geplante Novelle des hessischen Schulgesetzes läuft nach Ansicht von Stadtelternbeirat Volkmann "jeglichen Erkenntnissen internationaler Vergleichsstudien" zuwider. Sie erschwere es Schulen etwa, Förderstufen einzurichten. Schülern sei es nach diesem Gesetzesentwurf nicht mehr möglich, von der Haupt- auf die Realschule oder von der Realschule auf das Gymnasium zu wechseln. Aus "Durchlässigkeit" innerhalb des Schulsystems werde "Anschlußfähigkeit". "So zementiert die Landesregierung das dreigliedrige Schulsystem ab der vierten Klasse", sagte Volkmann. Friemelt sieht das "zynische Menschenbild" der Regierung belegt: Die Schwachen sollten "in ihren schulischen Auffangbecken für Loser bleiben, der Arbeitsmarkt braucht sie ohnehin nicht" - das sei die Botschaft der hessischen Bildungspolitik. Stadtelternbeirat, Gesamtpersonalrat und Stadtschülerrat kündigten Protest an. Kontakt zu den Offenbacher Gremien habe er schon aufgenommen, sagte Volkmann. Sie wollten allerdings nicht "auf den Putz hauen", sondern "mit mitteleuropäischer Höflichkeit" und guten Argumenten überzeugen.

          Die Fraktion der Grünen im Landtag und die SPD in Frankfurt haben am Donnerstag ebenfalls Kritik an der hessischen Schulpolitik und an Kultusministerin Karin Wolff (CDU) geübt. Die Grünen bezogen sich auf die Anfrage des Stadtelternbeirats, der über den Unterrichtsausfall in Frankfurt hatte informiert werden wollen, und sprachen ebenfalls von einem Maulkorb. "Alle Eltern bemerken inzwischen, wie viele Schulstunden überhaupt nicht mehr gehalten werden. Da hilft auch der Versuch, die Daten unter der Decke halten zu wollen, nicht weiter", sagte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Priska Hinz. Sie kündigte an, in einer parlamentarischen Anfrage Auskunft über nicht gehaltene Stunden verlangen zu wollen.

          Unterdessen hat der bildungspolitische Sprecher der SPD im Römer, Jürgen Hupe, die vorgesehene Schulgesetznovelle negativ bewertet. Hupe nannte als Beispiel für eine Einrichtung, auf die sie unvorteilhafte Auswirkungen haben werde, die Carl-von-Weinberg-Schule in Goldstein, eine kooperative Gesamtschule mit Schwerpunkt Sportförderung. Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit damit die Erweiterung der Stundentafel mache es der Schule unmöglich, ihren Schwerpunkt beizubehalten. "35 Wochenstunden plus Sportunterricht sind schlicht nicht mehr zu schaffen", sagte Hupe. Die SPD wolle sich dafür einsetzen, daß die Einrichtung eine integrierte Gesamtschule werden und damit die Möglichkeit bekommen könne, die Schüler weiterhin in 13 Jahren zum Abitur zu führen, sagte der SPD-Stadtverordnete. (nebr./jv.)

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