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Unterkiefer, Schulterblätter, Wirbel : Menschenknochen im Frankfurter Stadtwald gefunden

Mit Stöcken suchten Bereitschaftspolizisten die Parzelle im Frankfurter Stadtwald ab, auf der ein Spaziergänger am Dienstag skelettierte Leichenteile gefunden hatte Bild: Manz

Im Frankfurter Stadtwald sind Teile eines menschlichen Skeletts aufgetaucht. Nachdem ein Spaziergänger zwei Schulterblätter, Armknochen und Wirbel in einer schwarzen Jacke entdeckt hatte, fanden Polizisten einen Unterkieferknochen.

          3 Min.

          Schreie hallen durch den Wald. „In einer Reihe aufstellen. Durchkämmen bis zum Feldweg.“ Dreißig Beamte stehen in einer Reihe, mit langen Stöcken in der Hand, zwischen Stoltzeschneise und Tränkweg und setzen sich langsam in Bewegung. Erst am Morgen haben sie erfahren, was sie an diesem Mittwochmorgen in dem kleinen Waldstück in der Nähe des Lerchesbergs suchen sollen. Es sind die Überreste eines Menschen.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.


          Erste Knochen hatten Polizisten schon am Dienstagabend gefunden, nachdem sie einen anonymen Hinweis bekommen hatten. An der von dem Anrufer beschriebenen Stelle lagen Schulterblätter, Oberarmknochen und eine Wirbelsäule. Die Überreste waren in eine dunkle Regenjacke gehüllt. „Wir stehen vor einem Rätsel“, sagt Polizeisprecher Alexander Kießling. „Wenn wir noch weitere Knochen oder sonstige Gegenstände finden würden, die Auskunft über die Identität des Toten geben, wäre das gut.“

          „Das ist schlimm. Die Welt ist schlecht.“


          Die Polizisten durchkämmen langsam das etwa einen Hektar große Waldstück. Immer wieder bleibt einer von ihnen stehen, weil er meint, etwas gefunden zu haben. Einmal ist es eine Ansammlung von Maden, die aber eher darauf schließen lassen, dass dort vor kurzem noch Aas gelegen hat. An blanken Knochen hätten die Larven kein Interesse mehr. Aber auch manchen Stock sehen sich die Beamten genauer an.

          Nach Schulterblättern fanden Polizisten im Frankfurter Stadtwald diesen Unterkieferknochen...
          Nach Schulterblättern fanden Polizisten im Frankfurter Stadtwald diesen Unterkieferknochen... : Bild: Florian Manz


          Als ein Spaziergänger mit seinem Hund vorbeikommt und die Polizisten sieht, sagt er, er habe schon gehört, dass hier nach einer Leiche gesucht werde. „Das ist schlimm. Die Welt ist schlecht. Bestimmt ist hier ein Verbrechen passiert. Warum sollte hier sonst jemand liegen? Hierher verirrt sich doch sonst keiner.“

          Suche nach DNA


          Diese Frage stellt sich auch die Polizei: Ist es möglich, dass jemand in dem Wald getötet und verscharrt wurde, ohne dass es jemand mitbekommen hat? Die Ermittler zögern. Für einen Mord gibt es bisher keine Anhaltspunkte, aber ebenso wenig könne man das ausschließen, sagen sie. Nach etwa einer halben Stunde werden die Beamten plötzlich fündig. Auf dem nassen Laub liegt ein etwa zwanzig Zentimeter langer Knochen. Weiß und blank, mit grünlich angelaufenen Stellen. „Der liegt hier offenbar auch schon länger“, sagt Kriminaloberkommissar Lars Mitmanski von der Mordkommission. Allerdings sei unklar, ob dieser Knochen von einem Menschen oder einem Tier stamme. „An der gleichen Stelle haben wir gestern schon einige Wirbelknochen gefunden“, erinnert sich Mitmanski. „Die waren aber von einem Reh.“


          Wenig später werden eine Uhr und ein Unterhemd gefunden. Das Armband der silbernen Herrenuhr ist verrostet, das Unterhemd zerschlissen - ebenso wie die anderen Gegenstände, die schon am Tag zuvor gefunden worden: die Jacke, ein Pullover und ein Rucksack. Mitmanski packt die neuen Fundstücke für weitere Untersuchungen in eine Tüte. „Sollte sich daran noch DNA befinden“, sagt er, „hätte man gute Chancen, sie zu analysieren.“

          Je länger die Suche dauert, desto sicherer sind sich die Ermittler


          Überhaupt lässt sich aus den Knochen einiges herauslesen: das Alter und das Geschlecht des Toten und sogar die Herkunft oder zumindest, wo der Mensch in den vergangenen Jahren gelebt haben könnte. Molekularbiologische Tests machten es möglich, sagt Hansjürgen Bratzke, Leiter der Frankfurter Gerichtsmedizin. Dort werden die Knochen derzeit untersucht. Das Alter etwa lässt sich nach den Worten des Mediziners durch Verschleiß oder Wachstumsfugen an den Knochen feststellen. Das sei jedoch mitunter schwierig. „Besser ist es, wenn man die Zähne des Toten hat.“


          In dieser Hinsicht haben die Ermittler Glück. Kurz, bevor sie den ersten Abschnitt im Stadtwald abgesucht haben, wird ein Unterkiefer entdeckt - eindeutig von einem Menschen. In einem Zahn steckt noch eine Plombe. Sofort ist Mitmanski zur Stelle und betrachtet das Knochenstück. Dann legt er es vorsichtig in eine Tüte. Möglicherweise geben die Zähne am Ende Auskunft über die Identität des Toten - sofern man aufgrund von Hinweisen aus der Bevölkerung oder anhand der Vermisstendatei eine Ahnung hat, um welche Person es sich handeln könnte und den behandelnden Zahnarzt ausfindig machen kann.


          Je länger die Suche dauert, desto sicherer sind sich die Ermittler: Der Mensch, der im Stadtwald starb, ist offenbar keinem Kapitaldelikt zum Opfer gefallen. Denn noch weiter hinten im Wald entdecken die Polizisten später eine Art Schlafstätte: Reste einer Luftmatratze, eine Spraydose und Kleidungsfetzen. Auch diese Gegenstände sind so stark verrottet, dass die Beamten annehmen, dass sie schon etliche Monate, wenn nicht gar Jahre dort liegen - ebenso wie die Knochen, die möglicherweise von Tieren im Wald verteilt worden sind. Die Polizisten packen alles ein und bringen es ins Labor. Dort und in der Gerichtsmedizin wird das Geheimnis des unbekannten Toten vermutlich früher oder später gelöst.

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