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Ungeklärte Mordfälle : Der letzte Spaziergang

Karin Holtz-Kacer Bild: Polizei

Im April 1998 wurde Karin Holtz-Kacer in einem Wald bei Kronberg erstochen. Der Pathologe stellte „massive Abwehrspuren beim Opfer“ fest, er zählte 25 Messerstiche und wies Spermaspuren nach. Der Mörder ist immer noch frei.

          Das Holzkreuz hing lange dort. An jenem Baum, an den es Ulrich Demmer vor acht Jahren genagelt hatte. Unscheinbar war es und ziemlich verwittert. Es erinnerte Demmer, den Polizisten, an einen Tag im April 1998, an dem sich Schreckliches ereignete im Kronberger Stadtwald. Jetzt ist das Kreuz fort, der Baum steht noch da. Bis zum Tatort sind es höchstens zehn Meter.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vielleicht hat Karin Holtz-Kacer ihrem Mann noch „bis später“ zugerufen. Vielleicht ist sie einfach gegangen. Um 14 Uhr, soviel ist sicher, hat sie die Tür der Wohnung in Niederrad hinter sich zugezogen. Karin Holtz-Kacer - 44 Jahre alt, blond, hübsch - wollte einen Spaziergang machen. Es ist Ostermontag, 13. April, ein klirrend kalter Tag. Die Lufthansa-Angestellte wird ihre grüne Barbourjacke fest geschlossen und den dunkelbraunen Hut tief ins Gesicht gezogen haben. Dann wird sie losmarschiert sein. Allein. Wie so oft.

          Wenn Ulrich Demmer von seinem Schreibtisch aufblickt, sieht er es gleich. Das Plakat, mit dem die Polizeidirektion Hochtaunus in den Monaten nach der Tat auf Zeugen hoffte und nach Hinweisen suchte. Daneben hängt ein Foto. Es zeigt eine lächelnde Frau. Blond und hübsch. Demmer leitete damals die Sonderkommission. Der Mann mit den schwarz-grauen Haaren und dem Schnauzbart deutet auf die Pinnwand. Dann sagt er so leise, als wollte er niemanden stören: „Die Bilder sind immer da. Nichts ist abgeschlossen.“

          Gegen 17 Uhr gellte ihr Schrei

          Erst Monate nach der Tat wird die Polizei den Weg von Karin Holtz-Kacer rekonstruiert haben. Wird wissen, daß sie zuerst mit der U-Bahn nach Oberursel fuhr, an der Haltestelle „Hohemark“ ausstieg und anschließend über den Arbeiterweg zum Friedhof Falkenstein lief. Das Wanderstück im Vordertaunus ist sonst recht belebt. An diesem Nachmittag ist das anders. Die Menschen hocken lieber auf dem Sofa, nahe am Ofen. Ein paar Spaziergänger werden Karin Holtz-Kacer trotzdem gesehen haben. Vielleicht haben sie ihr „frohe Ostern“ gewünscht. In Raum 214 lagern 22 Ordner. Der Fall Holtz-Kacer, verwahrt in einem Büro der Polizei Bad Homburg. „Zeugenvernehmung“ steht auf einem der orangefarbenen Rücken, „Gutachten“ auf einem anderen. „Viele Spuren ziehen viele Spuren nach sich“, sagt Ulrich Demmer und fischt eine Akte aus dem Regal. Sie enthält Fotos. Vom Tatort. Vom Fundort. Von einer Feuerstelle.

          Der Schrei muß gegen 17 Uhr durch den Fichtenforst gegellt sein. Da war es schon fast dunkel. Eine Frau will den Schrei gehört haben. Vielleicht 200 Meter vom Tatort entfernt stand sie in diesem Moment. In einer Kurve auf dem Schotterweg im Kronberger Stadtwald. Nach dem Schrei war es still. „Ein spielendes Kind“, dachte die Frau. Sie konnte nicht wissen, was eben geschehen war. Sie konnte nicht ahnen, daß der Täter Karin Holtz-Kacer Sekunden zuvor angegriffen hatte, von hinten wohl, in der Hand ein Messer. Die Polizei wird später am Wegesrand eine abgerissene Kapuze finden, blutgetränkt. Der Pathologe wird „massive Abwehrspuren beim Opfer“ feststellen, er wird 25 Messerstiche zählen und Spermaspuren nachweisen. Der Schrei, das weiß Ulrich Demmer heute, war das letzte Lebenszeichen von Karin Holtz-Kacer.

          Wochenlang fand sie niemand. Wochenlang bangte ihr Mann, wochenlang hofften die Freunde. Dann meldeten sich zwei Wanderinnen. „Es war der 13. Mai 1998“, sagt Demmer. Diesen Sonntag vergißt er nicht. Der Hund der beiden Wanderinnen war in ein Waldstück gelaufen und hatte die Leiche aufgestöbert. Kaum bedeckt war sie von ein paar Fichtenzweigen. Demmer war im Kosovo und in Thailand, um Opfer zu identifizieren. Er sagt: „Drei Wochen sind eine lange Zeit.“

          „Habe ich nicht doch etwas übersehen?“

          Die Ermittlungen liefen an. Polizisten suchten die Wege ab, nahmen Speichelproben vom Ehemann, von den Angehörigen, von ein paar portugiesischen Bauarbeitern. Verglichen sie mit der Erbinformation aus dem Sperma. Nichts. Die Beamten machten Luftaufnahmen vom Waldstück, pinnten Pfeile in das Zelluloid, suchten Zeugen. Nichts. Sie fragten Waldarbeiter, Jogger, Spaziergänger. Nichts. Sie klapperten die psychiatrischen Kliniken ab. Wer saß, wer hatte Freigang? „Das war kein Normalbürger, der irgendwann in den Wald gegangen ist“, sagt Demmer. „Die Tat selbst ist ein Zeugnis von etwas.“

          Dann entdeckten die Polizisten die Feuerstelle. Etwa 30 Meter entfernt vom Fundort des toten Körpers. Auf der Asche: die zerstörte Brille des Opfers. „Nach der Tat handelte der Täter rational“, sagt Demmer. Spurensucher klaubten einen Computerchip aus den Resten, vom Feuer unversehrt. Neue Hoffnung. Die Recherchen dauerten Monate. Vereinigte Staaten, Glasgow, Stuttgart. Dann wußte Demmer: Der Chip stammte aus der Kreditkarte des Opfers. Die Hoffnung war dahin. Schließlich kamen die Medien. RTL, Sat.1, die Tageszeitungen. Sie berichteten von mehr als 1500 Spuren, präsentierten ein Phantombild, das einen 40 bis 50 Jahre alten Mann zeigte. Unreine Gesichtshaut mit Pockennarben sollte er haben. Sieht so der Mörder aus? Demmer glaubte es damals nicht, er glaubt es auch heute nicht. Die Medien konnten nicht helfen und verloren das Interesse. Der Fall stockte. Die Tür zu Raum 214 wurde verschlossen.

          Manchmal, wenn die Fragen kommen, denkt Ulrich Demmer: „Habe ich an alles gedacht? Habe ich nicht doch etwas übersehen?“ Wahrscheinlich ist das nicht - und dennoch. Demmer will sichergehen. Mit den Kollegen und den Spezialisten vom Bundeskriminalamt wälzt er den Fall noch einmal hin und her. Bespricht jeden Messerstich, diskutiert über jeden Schnipsel Alupapier. Schließlich ist er sicher: Es gibt nichts mehr zu entdecken. Aber Karin Holtz-Kacer ist tot. Und der Mörder ist frei. Irgendwann, denkt Ulrich, wird das anders sein. Manchmal dauert es 20 Jahre, bis ein Täter wiederauftaucht. Die Kriminaltechnik hat Fortschritte gemacht, die DNS-Spuren häufen sich, es gibt ein neues Register. Irgendwann, glaubt Ulrich, wird er einen Anruf bekommen. Dann wird er aufstehen und zur Pinnwand gehen. Und das Foto von Karin Holtz-Kacer abnehmen.

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