https://www.faz.net/-gzg-t3gv

Ungeklärte Mordfälle : Das Mädchen aus dem Main

Das Mädchen war an diesen Schirmständer gebunden Bild:

Spaziergänger entdeckten sie im Main. Die Knie angewinkelt, in Fötusstellung an den nackten Leib gepreßt, eingewickelt in einen gewöhnlichen Bettbezug. Das Kind wurde gefoltert, getötet, in den Fluß geworfen - und wird von niemandem vermißt.

          Spaziergänger entdeckten sie im Main. Die Knie angewinkelt, in Fötusstellung an den nackten Leib gepreßt, eingewickelt in einen gewöhnlichen Bettbezug. Sie trieb auf dem Wasser, das an diesem Dienstag nachmittag ungewöhnlich niedrig war. Die Strömung hatte sie getragen, von Griesheim bis nach Nied. Etwa zwanzig Stunden lang, zusammen mit einem Sonnenschirmständer, der an den dürren Körper gebunden war. Sie sollte sinken. Für immer unten bleiben auf dem Grund des Flusses, wo sie für alle Zeit verschwunden wäre. Am 31. Juli, einem der heißesten Tage des Jahres 2001, tauchte sie auf. Die Leiche des Mädchens, das bis heute niemand kennt.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Etwa 16 Jahre alt soll sie gewesen sein. Ein Teenager mit dunkelbraunen, halblangen Haaren. 1,57 Meter groß. 38,5 Kilogramm schwer. Sie muß hübsch gewesen sein, als sie noch lebte; wo immer das gewesen sein mag. Ohrringe hatte sie getragen, ebenso einen Nasenring. Vielleicht war sie ein fröhliches Mädchen, das lachen konnte, obwohl es Schmerzen litt. Nicht nur am Tag ihres Todes, sondern schon viele Jahre zuvor.

          Um 17 Uhr, wenige Stunden nachdem der Leichnam gefunden worden war, traf sich der Frankfurter Rechtsmediziner Hansjürgen Bratzke mit Vertretern der Staatsanwaltschaft und der Polizei zur Obduktion. Er entdeckte Knochenbrüche, Narben, Brandwunden - Verletzungen, die dem Mädchen von frühester Kindheit an zugefügt worden sind. Das linke Ohr war deformiert, ein „Blumenkohlohr“, wie man es nennt. Bei den meisten Menschen ist es genetisch bedingt, bei der unbekannten Toten Zeichen einer grausamen Tortur. Gestorben ist sie an massiven Schlägen oder Tritten gegen Bauch und Brust. Um 1.30 Uhr war Bratzke fertig - und stellte fest, daß diese Obduktion eine der längsten in der Geschichte der Frankfurter Rechtsmedizin war.

          Das Gesicht des ermordeten Mädchens (rekonstruiert)

          Aus Afghanistan, Indien oder Pakistan

          Fünf Jahre sind seitdem vergangen. Die Akte dieses Falles hat sich mit Gutachten gefüllt - von Schädelmessungen über DNS-Analysen bis hin zu Isotopenuntersuchungen. Sie besagen, daß das Mädchen aus Afghanistan, Pakistan oder Nordindien stammte, aber in den letzten zwei Jahren vor seinem Tod in Deutschland gelebt hat. Hunderte Seiten umfassen die Untersuchungen. Manchmal schaut sich Peter Kraft diese Gutachten an. Er kennt sie fast auswendig. Seit der ersten Stunde arbeitet der Kriminalkommissar an diesem Fall, kennt jedes Detail und sucht noch immer. Er sagt: „Die Hoffnung gebe ich nicht auf.“

          Hoffnung, die gab es genug. Da waren die Knoten, die keiner der Ermittler jemals zuvor gesehen hat. Sie fanden sie an dem Schal, mit dem der Sonnenschirmständer an den Leichnam gebunden war. Wie sich herausstellte, war das lila-weiß gestreifte Stück Stoff ein Gürtel. Ein sogenannter Nala aus dem pakistanischen oder afghanischen Raum, also jener Region, aus der auch das Mädchen den Untersuchungen nach stammen soll. Über den Nala wurde berichtet, im Fernsehen und in den Zeitungen. Aber niemand hat ihn wiedererkannt. Dann gab es das Laken, in das das Mädchen gehüllt gewesen war, mit einem Leopardenmuster bedruckt. Etikettenfahnder des Landeskriminalamts haben es untersucht, um herauszufinden, wo es möglicherweise gekauft worden war. Aber das Etikett hatte nichts Besonderes an sich, es war in fünf Sprachen bedruckt, mit Hinweisen auf die Waschtemperatur. So wie in jedem Laken, das man in Deutschland kaufen kann. Auch Mainschiffe wurden durchsucht. Jedes einzelne, das im Todeszeitraum zwischen der Griesheimer Schleuse und dem Fundort in Nied auf dem Main gefahren ist, insgesamt 105 an der Zahl. Die Spur führte ins Leere.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Signale des Bewusstseins, im Computer rekonstruiert: links ein fast bewusstloser Komapatient, rechts ein Gesunder, in der Mitte ein Komapatient mit Bewusstsein.

          Wegen Fehlverhaltens : Urteil gegen den Primus der Hirnforschung

          Der weltbekannte Hirnforscher Niels Birbaumer behauptet, Locked-In-Patienten wieder kommunikationsfähig zu machen. Jetzt hat ihn die DFG wegen Fehlverhaltens verurteilt. Er will trotzdem weitermachen.

          Europa League im Liveticker : Frankfurt geht volles Risiko

          Gegen den FC Arsenal legt die Eintracht von Beginn an mutig los. Bernd Leno indes steht bei den Engländern überraschend nicht im Tor. Wer setzt sich am Ende durch? Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.