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UN-Simulation an Goethe-Uni : Sieben Resolutionen und eine Geiselnahme

  • -Aktualisiert am

In nicht moderierten Sitzungen haben die Delegierten die Möglichkeit an Resolutionsentwürfen zu arbeiten. Bild: Sina Magdalene Schmeiter

Beim UN-Simulationsspiel an der Uni Frankfurt lernen Studenten, wie schwierig internationale Diplomatie sein kann und warum die besten Deals während des Mittagessens vereinbart werden.

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          Manchmal hilft auch auf diplomatischem Parkett nur die Holzhammermethode. Julian Beck schlägt mit seinem Vorsitzenden-Werkzeug auf den Tisch und ruft „Dekorum, bitte!“ – ein vornehm formulierter Ruf zur Ordnung. Jetzt kommt endlich Ruhe in die Reihen der Delegierten, die bei der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation die Interessen ihrer Länder vertreten. Zuvor hatten sie lebhaft über einen Resolutionsentwurf diskutiert, auch dann noch, als Beck die „nicht moderierte Sitzung“ schon beendet hatte. Jetzt möchte der Sitzungsleiter mit der Tagesordnung fortfahren. „Als Nächstes auf der Rednerliste ist Australien“, sagt Beck und mahnt den Delegierten des Fünften Kontinents gleich zur Disziplin. „Sie haben zwei Minuten Zeit.“

          Im wirklichen Leben ist Beck mit seinen Kommilitonen natürlich per du. Aber beim Planspiel „Main Model United Nations“ (MainMun), das kürzlich zum 15. Mal an der Uni Frankfurt stattgefunden hat, soll es eben so authentisch und seriös wie möglich zugehen. Etwa 180 Schüler und Studenten aus der ganzen Welt haben an der diesjährigen Konferenz teilgenommen; der Frankfurter Bachelorstudent Beck war einer von ihnen. Das Motto lautete „Not another Brick in the Wall – Renewing the Global Dialogue“. Wie ihre realen Vorbilder in der Weltpolitik sollten die Studenten angesichts einer Vielzahl aktueller Krisen Wege zur Verständigung suchen.

          Diplomat für vier Tage

          Bei dem Planspiel wird die Arbeit der Vereinten Nationen simuliert. Ob im Sicherheitsrat, beim Hilfswerk Unicef, in der Generalversammlung, auf einem Außenministertreffen oder in der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation – die Delegierten müssen versuchen, die Interessen ihres Landes zu vertreten, und mit Abgesandten anderer Staaten so zusammenarbeiten, dass schließlich eine Resolution beschlossen werden kann. Zu vergeben sind außerdem die Rollen von Zeitungsjournalisten, die über das Konferenzgeschehen berichten, und von Vertretern der Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam und Amnesty International.

          „Ich möchte ausprobieren, wie es wäre, Diplomat zu sein“, sagt Joshua Marinescu-Pasoi, der an der Goethe-Uni Friedens- und Konfliktforschung studiert. Er hat als Außenminister Kolumbien bei einem simulierten Gipfeltreffen zu vertreten und musste in dieser Funktion immer wieder auf internationale Krisen reagieren. So wurde etwa eine Geiselnahme in der philippinischen Botschaft in Oslo durchgespielt: Die Täter, so das Szenario, hatten eine Wohltätigkeitsveranstaltung für Unicef gestürmt. „Die Krisen sind realistisch und gehen mir wirklich nah“, sagt Marinescu-Pasoi. Es sei ziemlich stressig, als Außenminister in kritischen Situationen immer direkt reagieren zu müssen. „Wir haben es in der Gruppe geschafft zu entscheiden, was passieren soll.“ Marinescu-Pasoi gehört auch zur Delegation der Goethe-Uni, die im April ihr diplomatisches Geschick beim „National Model United Nations“ in New York zeigen will.

          Bevor die viertägige Konferenz in Frankfurt beginnen konnte, hat ein Team von 25 Organisatoren unter der Leitung von Jan-Luca Bauß, Sarah Greifeld und Tsisia Ninikelashvili neun Monate lang auf die Veranstaltung hingearbeitet. „Als wir im Juni 2019 mit der Planung für das MainMun 2020 begannen, konnten wir noch nicht ahnen, wie viel uns dieses Projekt bedeuten würde und wie sehr uns die Teammitglieder ans Herz wuchsen“, sagt Greifeld. Alle zwei Wochen kam das Team zusammen und trainierte zusätzlich an mehreren Wochenenden die Vorsitzenden der Komitees in Übungsdebatten, damit sie die Verfahrensregeln der Vereinten Nationen einstudieren konnten.

          Lernen durch Simulationen

          Dabei war nach dem Abschied der Politologie-Professorin und MainMun-Initiatorin Tanja Brühl von der Goethe-Uni im vergangenen Jahr lange Zeit nicht klar, ob das Projekt in Frankfurt fortgesetzt werden kann. Als sich mit Brühls Fachkollegen Constantin Ruhe ein neuer Schirmherr gefunden hatte, stand der Konferenz zumindest für 2020 nichts mehr im Weg. „Uns war es besonders wichtig, das Projekt zu erhalten“, hebt Greifeld hervor.

          Marc Kerstan ist schon seit fünf Jahren an der Organisation des MainMun beteiligt. Er hatte nun zusammen mit Nathalie Ferko den Vorsitz im Sicherheitsrat inne. „Dieses Jahr haben wir einen sehr harmonischen Sicherheitsrat und häufig einstimmige Abstimmungen“, berichtet er. „Solche Simulationen sind unglaublich lehrreich.“ Durch die Arbeit in den Gremien verstünden die Teilnehmer, wie schwierig es sei, in internationalen Konflikten Lösungen zu finden. Gleichzeitig lernten sie die Strukturen in Institutionen wie den Vereinten Nationen kennen. Kerstans Kollegin Ferko sieht dies ähnlich: „Viele denken, dass die Vereinten Nationen unnütz seien, weil vieles nicht funktioniert. Doch bei einer Model UN lernt man, wie schwer es ist, Resolutionen zu verabschieden.“

          Joshua Marinescu-Pasoi als Außenminister im Gespräch mit anderen Delegierten bei dem Gipfeltreffen der MainMUN. Bilderstrecke

          In den vier Tagen Planspiel haben die Delegierten über viele Themen von der Meeresverschmutzung bis zur Terrorismus-Finanzierung diskutiert und sieben Resolutionen beschlossen. So hat sich etwa die Generalversammlung auf ein Expertengremium für die Restitution von Kulturgütern geeinigt, das Fälle analysieren und einen Bericht mit Handlungsempfehlungen verfassen soll.

          Gelegenheit, einander kennenzulernen, hatten die Teilnehmer nicht nur in schwierigen Debatten über ernste Themen. Bei einem Empfang im Casino der Uni, einer Party in Bockenheim, dem „Delegates Dance“ oder während des gemeinsamen Essens gab es viel Zeit für internationale Kontaktpflege. Gleich ihren Vorbildern in der realen Politik verstehen es die MainMun-Delegierten, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Das hat auch Sarah Greifeld festgestellt: „Die besten Deals werden während des Mittag- oder Abendessens vereinbart.“

          Mitarbeit: Maximilian Wien

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