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Umzug hat begonnen : Doppelter Aufbruch für die Zentralbank

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Neubeginn: Der Umzug der EZB vom Willy-Brandt-Platz in den neuen Turm im Frankfurter Ostend hat am Samstag begonnen. Bild: dpa

Von Samstag an heißt es: die Umzugswagen rollen. Der Bezug des neuen EZB-Turms hat begonnen. Zugleich nimmt die neue Bankenaufsicht ihre Arbeit auf. Zwei Zeitenwenden.

          Ganz oben im Eurotower sind die Wände schon kahl. In den ersten 16 Jahren seit der Gründung der Europäischen Zentralbank haben hier regelmäßig die Notenbankgouverneure der Eurostaaten über die Geldpolitik entschieden. Nun wurden die Bilder von den Wänden genommen, Hilfskräfte entfernen gerade die Schildchen, die einmal beschrieben haben, was hier zu sehen war. Der Blick auf den nahen Hauptbahnhof, die noch nähere Commerzbank und das Schauspielhaus zu Füßen des Turmes - all das wird für die Notenbanker schon bald Geschichte sein.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es sind die letzten Tage der EZB im Bankenviertel. Vor 20 Jahren haben die Pioniere der Gemeinschaftswährung in dem früheren Hochhaus der Bank für Gemeinwirtschaft ihre ersten Vorarbeiten für die Einheitswährung begonnen, damals noch unter dem Namen Europäisches Währungsinstitut; im 25. Stockwerk, während überall um sie herum noch gebaut wurde. Von diesem Wochenende an wird über mehrere Wochen Abteilung für Abteilung in Kartons gepackt. Aktenordner, Bücher, Computer - alles wird nach und nach in der Tiefgarage des Turms am Willy-Brandt-Platz in Umzugswagen geräumt, zum neuen Turm im Osten der Stadt gefahren und dort in den neuen Büros wieder ausgepackt.

          Bankenaufseher beginnen ab Dienstag im Japan-Center

          Viel Aufhebens wollen die Herren der Geldpolitik um ihren Umzug nicht machen. Je weniger darüber bekannt ist, desto niedriger ist das Risiko, dass irgendjemand die logistische Meisterleistung stört, so die Hoffnung. Doch ganz unbemerkt wird sich so ein Umzug von 1600 Mitarbeitern von einem markanten Turm der Stadt in einen noch viel auffälligeren nicht bewerkstelligen lassen.

          Die Zentralbank steht gleich im doppelten Sinn vor dem Aufbruch in eine neue Ära. Denn während ein Kapitel der EZB im Frankfurter Bankenviertel zu Ende geht, beginnt gleichzeitig ein neues, nur einen Block vom Euroturm entfernt. Dort, in dem roten Turm namens Japan-Center, übernehmen am Dienstag die Bankenaufseher der EZB die Kontrolle über die 120 wichtigsten Geldhäuser des Euroraums. Die Zentralbank ist dann nicht mehr nur für die Stabilität der Preise in der Eurozone zuständig, sondern auch für die der Großbanken - zwei Rollen, die nur schwer sinnvoll zu vereinen sein werden.

          Danièle Nouy leitet die Bankenaufsicht

          Eigentlich sind die Aufseher schon lange da. Die erste Mammutaufgabe, die große Buchprüfung samt Stresstest bei ihren künftigen Schützlingen, haben sie gerade abgeschlossen. 1000 Mitarbeiter soll die Bankenaufsicht einmal haben, entgegen vielen Erwartungen sind es schon jetzt mehr als 900 Frauen und Männer, obwohl die Behörde bloß ein Jahr Zeit hatte, die Aufseher aus allen Staaten des Euroraums nach Frankfurt zu locken. In internationalen Teams haben sie sich nun zusammengefunden, um Häuser wie die Deutsche Bank und die Commerzbank umfassender zu kontrollieren und zum Beispiel auch die Geschäfte in Frankreich und Italien im Blick zu behalten.

          Am vergangenen Sonntag hat die Welt schon einen Eindruck davon bekommen, wie sie aussieht, die neue Aufsicht: streng, schmallippig und blond. So trat die Chefin der neuen Behörde, Danièle Nouy, vor die Kameras, um die Ergebnisse des umfassenden Bilanzchecks der Banken vorzustellen. Lächeln sieht man sie selten, die bisherige Chefin der französischen Bankenaufsicht. Am Finanzplatz hat sie sich schon den Ruf einer Gouvernante eingehandelt. Aber das ist ja vielleicht nicht das Schlechteste für eine, die den mächtigen Herren in den Bankentürmen auf die Finger schauen und im Notfall auch hauen soll. Die 64 Jahre alte Bretonin selbst beschreibt sich als „hart, fair und unabhängig“.

          Mit ihren neuen Mitarbeitern soll sie lockerer und freundlicher umgehen. Eine Gewohnheit, die sie aus ihrer bisherigen Wirkungsstätte mit nach Frankfurt gebracht hat, kommt bei den meisten sehr gut an: regelmäßige Frühstücksrunden mit Kollegen aus unterschiedlichen Abteilungen und Hierarchiestufen. Sowohl fachliche als auch private Fragen sind hier erlaubt - etwa, wie sie Karriere und zwei Kinder unter einen Hut gebracht habe. Teilnehmer berichten, dass sie fachkundig auf die einen, offen und ehrlich auf die anderen Fragen antwortet.

          Eine Eröffnungsfeier für die neue Aufsicht soll es vorerst nicht geben. Dafür sind die Neu-Frankfurter viel zu sehr in ihre Arbeit vertieft. Für das, was sie hier aufbauen, eine Aufsicht über Landesgrenzen hinweg, gibt es keine Blaupause. Vieles muss sich erst einmal einspielen. Wie der Umzug findet auch dieser Aufbruch in neue Gefilde unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Wer in die Etagen der Aufseher gelangen will, muss mehrere Schleusen und gut abgeriegelte Türen passieren. Für Externe ist der Zutritt im Moment streng verboten.

          Zur Eröffnung des neuen Turms im Ostend soll es freilich einen Festakt geben. Doch wann und wie gefeiert wird, ist noch offen. In diesem Jahr wird es auf jeden Fall noch nichts.

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