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Überpopulation : Besser die Taube im Haus als auf dem Dach

  • -Aktualisiert am

Für den einen Streicheltier, für den anderen „Flugratte” - an Tauben scheiden sich die Geister. Bild: dpa

In Frankfurt gibt es zu viele Tauben. Das meinen sogar Liebhaber der Tiere. Mit Taubenhäusern will man nun den Bestand verkleinern – auch zum Wohl der Vögel.

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          Es riecht süßlich, nicht unangenehm. Ein monotones Gurren begleitet jeden Schritt zwischen den großen Volieren, in denen Raben, Dohlen und vor allem Hunderte von Tauben leben. In deren Mitte eine kleine Frau mit karierter Mütze und Lachfältchen. Es ist Gudrun Stürmer, die sich seit Jahren für einen tierfreundlichen Umgang mit Tauben engagiert und unter anderem in Oberrad eine Pflegestation für die Vögel aufgebaut hat. „Hier sind schon Tauben mit Büroklammern im Auge oder Imbissgabeln im Rücken abgegeben worden“, sagt sie, „einer wurden sogar Knallkörper umgebunden.“ Seit drei Jahren betreut Stürmer mit ihrem Mann dort die Tauben, derzeit sind es 400. Immer wieder würden kranke Tiere abgegeben, im Jahr sind es nach Angaben von Stürmer etwa 2000. Für manche Taube ist die Pflegestation nur noch ein Gnadenhof.

          Vor 23 Jahren hatte Stürmer ein Erlebnis, das sie dazu gebracht hat, sich der unbeliebten Vögel anzunehmen. Neben einem Gleis am Westbahnhof habe damals eine Taube mit gebrochenem Flügel gelegen. Tagelang. Niemand habe sich darum gekümmert. Dann sei sie elendig gestorben. „Bei jedem anderen Tier hätte man den Tierarzt gerufen. Aber bei Tauben ist Tierquälerei ein Kavaliersdelikt.“

          Tauben mit Sinn für Kunst

          Gudrun Stürmer kann nicht verstehen, warum aus dem Symbol für Liebe und Frieden die „Ratte der Lüfte“ geworden ist. Sie gilt als dreckig und krankheitsübertragend, als Ungeziefer. Den Tieren wird nachgesagt, sich ausschließlich von Müll zu ernähren – genau wie ihr Pendant auf dem Boden. Dabei seien Körner das artgerechte Futter, sagt Stürmer.

          Außerdem sind Tauben erwiesenermaßen sehr intelligent. Sie könnten Gesichter wiedererkennen und sogar einen Picasso von einem Rembrandt unterscheiden, sagt Daniel Haag-Wackernagel, Professor für Biomedizin an der Universität Basel. „Ein dummes Vieh hätte keine Chance in der Stadt.“ Dennoch kommt der Ruf der Tauben nicht von ungefähr. „Es gibt rund 100 verschiedene Infektionen, die auf Tauben zurückzuführen sind“, sagt Haag-Wackernagel. Aber gefährlich sei das nur für diejenigen, die mit Tauben arbeiteten und Kontakt zu Taubenkot hätten. „Tauben in der Luft sind ungefährlich, aber wenn mal welche auf dem Dachboden waren, kommen auch nach Jahren noch Taubenparasiten hervor und suchen sich neue Wirte.“ Auf Bisse von Taubenzecken reagierten 20 Prozent der Menschen allergisch.

          Taubenkot auf Ziegeln fördert Schimmelpilze

          Auch die Beschädigung von Fassaden durch Taubenkot ist offenbar kein Ammenmärchen. Eine Untersuchung der Technischen Universität Darmstadt hat gezeigt, dass besonders Metalle wie Kupfer, Stahl und Bronze mit dem Kot reagieren. Auf Sandstein und Granit habe das Exkrement zwar keine Wirkung, bei Ziegel und Klinker aber fördere es die Bildung von Schimmelpilzen. Laut Haag-Wackernagel fressen sich nach und nach Schimmelfäden in das Gestein, und wenn es dann friere, werde die Fassade gesprengt. Doch Haag-Wackernagel meint, die größte Schwierigkeit der Tauben sei ihre große Zahl, ihre Überpopulation, und zwar nicht für den Menschen, sondern vielmehr für die Tauben selbst. „Eine hohe Dichte erhöht erwiesenermaßen den Befall der Vögel von Parasiten und Krankheiten.“

          Stürmer hat deshalb außer der Pflegestation auch den Verein Stadttaubenprojekt ins Leben gerufen, der Tierquälern, aber vor allem dem Dichteproblem den Kampf angesagt hat. Spikes, Plastikraben, Netze oder Drähte seien keine dauerhaften Lösungen, sagt sie. Man vertreibe die Tauben damit nur an einen anderen Ort, und wenn die Aufbauten nicht regelmäßig gewartet würden, könnten sie sogar gefährlich für die Vögel werden. Die Population jedoch bleibe gleich groß.

          Abschreckung mit Raubvogelschreien

          Um der großen Zahl der Tauben Herr zu werden, hat die Stadt Frankfurt nach Lösungen gesucht. Die Stabsstelle Sauberes Frankfurt habe mit Ultraschall die Tiere vertreiben wollen, sagt Peter Postleb, Leiter der Stabsstelle. „Davon sind aber nicht nur die Tauben, sondern auch die Wellensittiche im Käfig verrückt geworden.“ Auch Raubvogelschreie habe man zeitweilig ertönen lassen, doch da hätten Anwohner sich beschwert.

          Im Jahr 2004 wurden dann Wüstenbussarde auf der Alten Oper angesiedelt. Die sollten durch ihr bloßes Dasein die Tauben fernhalten, sie aber nicht angreifen. Wüstenbussarde seien die natürlichen Feinde von Kaninchen, nicht von Tauben, sagt Postleb. Das Vorhaben gelang trotz aller Erfolge bei den Tauben dennoch nicht: Einer der Greifvögel griff einen kleinen Hund an. „Der Besitzer konnte ihn gerade noch mit einem Regenschirm vertreiben, bevor Schlimmeres passierte“, sagt Postleb. Die Vögel mussten wieder ausgesiedelt werden.

          100 Euro Strafe für den, der in Frankfurt Tauben füttert

          Erfolgreicher scheinen hingegen Taubenhäuser zu sein. Seit knapp einem Monat steht auf dem Parkhaus Hauptwache ein Schlag, in dem etwa 250 Tauben Unterschlupf finden. „Die Vögel halten sich etwa 80 bis 90 Prozent der Zeit dort auf“, sagt Stürmer, „so lockt man sie aus den Fußgängerzonen.“ Mehr noch: Wenn sie im Taubenhaus brüten, tauscht der Verein Stadttaubenprojekt die Eier der Vögel gegen Attrappen aus. Dadurch soll die Population nach und nach schrumpfen. Vergleichbare Häuser unterhält der Verein bereits am Westbahnhof und in Fechenheim.

          In den Taubenhäusern bekommen die Tauben auch Futter. Für Stürmer ist das ihr Beitrag, damit die Tiere gesünder und ansehnlicher werden. Doch Haag-Wackernagel hält das für kontraproduktiv. „Das Nahrungsangebot bestimmt die Populationsgröße“, sagt er. Die Zahl der Tauben verringere sich so nicht. Außerhalb des Schlags wüchsen neue Generationen von Tauben heran. Auch Postleb ist unsicher, ob der Weg des Fütterns im Schlag richtig ist. Außerhalb ist das Füttern in jedem Fall verboten. 100 Euro Strafe kostet es in Frankfurt, auch wenn man den Tieren nur Essensreste zu wirft.

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