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Übergriffe auf Schiedsrichter : Fairplay statt Foulspiel

  • -Aktualisiert am

Platzverweis: Auch Gewalt sollte vom Spielfeld verbannt werden. Bild: Getty

Respektvoller Umgang mit dem Parteilosen: Beim interkulturellen Fußballturnier in Fechenheim geht es auch um Übergriffe auf Schiedsrichter. Anlass ist der Faustschlag im südhessischen Münster.

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          Ganz so hoch wie bei der fast zur selben Zeit gegen die Bayern triumphierenden Eintracht ist das spielerische Niveau in der Fabriksporthalle in Fechenheim vielleicht nicht. Aber auch dort ist der Jubel groß, als die Mannschaft der Praunheimer Werkstätten ihr erstes Tor schießt. Die Spieler klatschen einander ab, umarmen sich, brüllen vor Freude. „Ohne Emotionen geht so ein Spiel nicht“, erklärt der Trainer. „Da meine Spieler alle ein Handicap haben, steht die sportliche Höchstleistung aber nicht im Vordergrund. Gewinnen wollen natürlich trotzdem alle.“

          Auch für die anderen Teams stehen am Samstag in Fechenheim weder die Leistung noch der silberne Pokal, den es zu gewinnen gibt, an erster Stelle. Zum fünften Mal haben der Sportkreis und die Schiedsrichtervereinigung Frankfurt dort zum interkulturellen Fußballturnier eingeladen. „Das Turnier ist vor allem eine Veranstaltung mit und für Flüchtlinge“, erklärt Haci Hacioglu von der Schiedsrichtervereinigung, der das Event federführend organisiert hat. Gestellt werden die Teams vom Arbeiter-Samariter-Bund, von der Flüchtlingsunterkunft Nied, vom Sportkreis Frankfurt, hinzu kommt eine Mannschaft Geflüchteter aus Bad Vilbel. Viele Spieler stammen aus Syrien und Eritrea.

          Dieses Jahr sind mit den Fußballspielern aus den Praunheimer Werken zudem auch Menschen mit geistiger Behinderung mit von der Partie. „Das ist die große Stärke am Fußball: Spielen können alle, egal, ob sie vielleicht kein Deutsch können oder ein Handicap haben“, sagt Thomas Kimmig vom Sportkreis Frankfurt. Die verbindende Kraft des Fußballs zeige sich beim Interkulturellen Turnier wunderbar: „Fairplay und gegenseitige Rücksichtnahme sind hier das Wichtigste.“

          Nach der gelb-roten Karte bewusstlos geschlagen

          Dass Hacioglu und Kimmig an diesem Samstagnachmittag immer wieder von fairem und respektvollem Umgang sprechen, hat auch einen anderen Grund: Vergangene Woche wurde ein Schiedsrichter bei einem Kreisliga-Spiel im südhessischen Münster bewusstlos geschlagen, nachdem er einem Spieler die gelb-rote Karte gezeigt hatte. Anschließend musste der Unparteiische mit dem Helikopter ins Krankenhaus geflogen werden. Der Vorfall hat deutschlandweit eine Debatte über Gewalt auf dem Fußballplatz ausgelöst.

          So ein Vorfall lässt auch die Spieler, Schiedsrichter und Organisatoren des interkulturellen Fußballturniers nicht kalt. „Das macht mich extrem traurig, Gewalt sollte im Fußball nichts verloren haben“, meint Mokhtar Djellouli, der im Team der Schiedsrichtervereinigung mitkickt. „Hier nimmt jeder Rücksicht auf jeden, aber das ist leider nicht selbstverständlich.“

          Auch Haci Hacioglu meint: „Was in Münster passiert ist, ist kein Einzelfall.“ Auch in Frankfurt habe es bereits einen ähnlichen Vorfall gegeben. Dass jetzt sehr starker Druck auf der Verbandsebene ausgeübt wird, findet Hacioglu nicht ausreichend. „Meiner Meinung nach muss jeder Verein die Sache angehen. Die Thematik muss auch an die Spieler herangebracht werden“, betont der Integrationsbeauftragte der Frankfurter Schiedsrichtervereinigung.

          Kein Ansprechpartner für Schiedsrichter

          Hashim Rehman sieht das etwas anders. Der Jugendliche ist Schiedsrichterassistent, pfeift die Spiele der unteren Ligen aber auch allein. „Das wirklich Erschütternde an dem Vorfall in Münster ist, dass er mich eigentlich nicht überrascht hat“, so Rehman. Der Sechzehnjährige wurde selbst schon von Spielern beleidigt, bedroht und auch körperlich angegriffen.

          Als Schiedsrichter werde man zu einem Spiel bestellt und sei ganz auf sich gestellt. „Man fährt allein hin und hat keinen Ansprechpartner“, erzählt der Schüler. Eigentlich sollten die Vereine immer auch Schiedsrichterbeauftragte stellen, die als Ansprechpartner fungieren. Das sei aber selten gegeben. „Das ist sicher auch Teil des Problems – genauso, wie dass die Sanktionen gegen Schiedsrichterangriffe zu gering sind.“

          Seiner Meinung nach müsste der Druck aber von oben kommen, vom Deutschen Fußballbund beispielsweise. Allein könne man nicht viel bewirken, bei der Gewalt gegen Schiedsrichter handele es sich um ein weltweites Problem, findet Rehman. Schon in der E-Jugend, also bei Zehn- bis Elfjährigen, erlebe er regelmäßig, wie aggressiv das Verhalten gegenüber den Unparteiischen sei. „Manchmal frage ich mich, warum mir das Pfeifen überhaupt noch Spaß macht.“

          Bei einer Veranstaltung wie dem interkulturellen Fußballturnier muss man sich um Gewalt zum Glück keine Sorgen machen. „Wir haben von Anfang an klargestellt, dass wir hier keine Fouls sehen wollen“, betont Kimmig vom Sportkreis Frankfurt. „Und das ist auch der Vorteil an Turnieren außerhalb der Punktespiele: Hier gehen alle respektvoll miteinander um, und der Spaß steht im Vordergrund.“

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