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U-Bahn-Kriminalität in Frankfurt : Nachts ist seine Angst zu groß

Nichts wie weg von hier: Viele Frankfurter U-Bahn-Stationen wirken wenig einladend - so wie diese am Niddapark Bild: Tobias Schmitt

Schläger bringen den öffentlichen Nahverkehr auch in Frankfurt in Verruf. Mehr Personal für die Sicherheit und eine gestärkte Zivilcourage sollen helfen.

          4 Min.

          Die U-Bahn-Station im Stadtteil Heddernheim wirkt heute ein wenig heller. Irgendwie freundlicher. Fast schon einladend. Vielleicht liegt das an der neuen Beleuchtung. Die Erinnerung an den Abend des 5. Januar 2008 fällt schwer. In jener Nacht waren Jugendliche aus dem Viertel „Am Bügel“ unterwegs. Sie hatten Whiskey getrunken, den ganzen Abend schon. Es muss gegen Mitternacht gewesen sein, als sie beschlossen, sich in die U-Bahn zu setzen und in die Stadt zu fahren. Raus aus dem „Getto“, wie sie ihre Siedlung nennen.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          In einer U-Bahn schlagen sie mit dem Nothammer mehrere Scheiben ein. Als sie gegen halb eins schließlich an der Station Heddernheim stranden, begegnen sie dem U-Bahn-Fahrer Knut Z. Sie greifen den ahnungslosen Mann an, schlagen und treten ihn, brechen ihm fast das Jochbein und fügen ihm eine Gehirnerschütterung zu. Noch heute leidet Knut Z. unter dem Überfall. Bis heute fährt er nur tagsüber. Nachts ist die Angst zu groß.

          Dass man sich an „Heddernheim“ wie in einem Reflex erinnert, wenn über Gewalt im öffentlichen Raum der Großstadt Frankfurt geredet wird, hat viele Gründe. Der Fall schockierte viele, weil noch die Videobilder vom Überfall auf einen Rentner in München präsent waren. Und der Fall wurde aufgeladen, weil mit ihm das Thema Jugendkriminalität danach den hessischen Wahlkampf beherrschte. Aber der Angriff auf den U-Bahn-Fahrer in Heddernheim bleibt auch an sich ein Zerrbild für Gewalt, die ohne erkennbaren Anlass ausbricht in einer vermeintlichen Schutzzone, die nicht von ungefähr betulich bieder öffentlicher Personennahverkehr heißt.

          Oder diese in Bonames

          84 Auseinandersetzungen zwischen Fahrgästen

          Dabei war „Heddernheim“ längst nicht der erste Anlass zur Sorge: Wenig später gab die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) bekannt, in den Bussen, Straßen- und U-Bahnen hätten solche Vorfälle im Jahr zuvor deutlich zugenommen. 31 Mal wurden Fahrer angegriffen, zehn von ihnen verletzt. 84 Mal kam es zwischen Fahrgästen zu Auseinandersetzungen, die in etlichen Fällen mit Körperverletzungen endeten. Diese Zahlen sind zwar in den vergangenen Monaten zurückgegangen. Auch steht Frankfurt im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten gut da. Von Mitte 2008 bis Mitte 2009 wurden aber immer noch 19 Übergriffe auf Fahr- und Prüfpersonal sowie 38 Angriffe auf Fahrgäste und Passanten registriert.

          Polizei und Verkehrsbetriebe beklagen eine immer größer werdende Aggressivität der Angreifer. Polizeisprecher Jürgen Linker sagt, bei fast allen Übergriffen, die sich in den vergangenen Jahren in Frankfurt ereignet hätten, handele es sich um Mehrfachtäter. Fast immer stünden die jungen Männer bei ihren Taten unter Alkoholeinfluss, fast immer kämen sie aus einem schwierigen Umfeld. „Sind sie dann noch in der Gruppe unterwegs, entwickelt sich ein Gemisch aus Aktivität und Aggressivität, das sich irgendwann entlädt.“

          Frankfurt, das seit vielen Jahren mit dem Image „Hauptstadt des Verbrechens“ zu kämpfen hat und deshalb besonders sensibel auf Auswüchse von Kriminalität reagiert, sucht nun nach Lösungen. Denn obwohl es den städtischen Präventionsrat gibt und die Polizei bekannte U-Bahn-Schläger bisher immer schnell ermittelt hat, hat man erkannt, dass offenbar gerade in den Abend- und Nachtstunden zu wenig Sicherheitspersonal eingesetzt war; laut einer Umfrage des städtischen Präventionsrats hatten 68 Prozent der Fahrgäste dieses Defizit beklagt, 45 Prozent sprachen sich für mehr Videoüberwachung aus. Frankfurter Ordnungsdezernent Volker Stein (FDP) will Mitarbeiter der „Stadtpolizei“ zur Verfügung stellen. In den S-Bahnen hat der Rhein-Main-Verkehrsverbund reagiert. Seit einigen Jahren schon fahren ab 21 Uhr jeweils im ersten Abteil Sicherheitsleute mit. In den Frankfurter U-Bahnen fehlen sie noch immer.

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