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Tuesday Skate Night : Mit sattem Bass auf leisen Rollen durch die Nacht

Gleitzeit: Jeden Dienstag um 20:30 Uhr machen sich die Skater auf den Weg, die Polizei eskortiert sie. Bild: Wolfgang Eilmes

Seit fast zwanzig Jahren fahren am Dienstagabend Hunderte Skater durch Frankfurt. Dirk May hat das Tuesday Night Skating ins Leben gerufen – und rollt immer noch mit.

          Hinter einem Polizeiwagen mit Blaulicht saust ein Inline-Skater, die Rollen an seinen Füßen blinken grün. Geschmeidig legt er sich in die Kurve, gleitet leise an den staunenden Passanten am Roßmarkt vorbei. Dann ist es vorbei mit der Ruhe: Mit wummernden Bässen nähert sich das Hauptfeld des Tuesday Night Skating. Einige Fahrer tragen Rucksäcke mit Bassboxen, zwei Skater haben Kinderwägen umfunktioniert und schieben auf ihnen Musikanlagen vor sich her. Fußgänger klatschen und jubeln, die Gesichter der Skater strahlen. Auch an diesem Dienstag werden um die 900Sportler durch die Frankfurter Innenstadt rollen.

          Die nächtliche Skate-Session hat Tradition: Schon beinahe zwanzig Jahre treffen sich die Sportbegeisterten am Dienstag, um 25Kilometer oder mehr zu fahren. Frankfurt ist die erste deutsche Stadt, in der es die Veranstaltung gab. Die Idee dazu hatte Dirk May. Der Einundfünfzigjährige arbeitet seit langem bei der Lufthansa. Als er in den neunziger Jahren beruflich in New York unterwegs war, entdeckte der Frankfurter die Inline-Skates. Er nahm ein Paar mit, brachte sich das Fahren selbst bei und suchte Gleichgesinnte, um den Sport auch in Deutschland groß zu machen.

          Die Teilnahme ist kostenlos

          May hatte den richtigen Riecher: Nachdem er 1998 eine Schnitzeljagd auf Rollen veranstaltet hatte, trafen sich immer mehr Skater, um zusammen über Frankfurts Straßen zu gleiten. Bald wurde die Gruppe so groß, dass auch das Ordnungsamt und die Polizei aufmerksam wurden. May lief von Behörde zu Behörde, versuchte die Stadt als Partner zu gewinnen – und hatte Erfolg.

          Seit 1999 ist das Tuesday Night Skating eine offizielle Veranstaltung, die Kommune unterstützt die Organisatoren mit 5000Euro im Jahr, den Einsatz von Polizei und Ordnungsamt übernimmt sie auch. Für die Teilnehmer ist die Tour kostenlos. Ohne Anmeldung können sie einfach vorbeikommen, Sport treiben und die gute Stimmung genießen.

          Begehrte Schicht bei der Polizei: „Endlich nette Leute.“

          Die erinnert ein bisschen an ein Festival. Manche fahren mit Blumenketten am Helm, ein anderer hat sich rote Teufelshörner aufgesetzt und flitzt besonders schnell zwischen den Bürotürmen im Westend herum. Die Strecken kennen vorher nur die Polizei und natürlich Organisator May. Er arbeitet die Pläne im Winter aus, wenn die Skater pausieren. Im Sommer dröhnt die Musik jeden Dienstag von halb neun an über die Straßen, und selbst die Polizisten, die den Zug anführen, haben gute Laune. „Das ist eine begehrte Schicht“, sagt der Einsatzleiter. „Da haben wir endlich mal mit freundlichen Menschen zu tun.“ Und die Beamten dürfen Motorrad fahren, denn der Skate-Zug wird von drei Krafträdern angeführt.

          Weiter hinten in der Gruppe sind auch Ralf Thies und Eva Zeifang dabei. Thies ist Sozialpädagoge und skatet seit zehn Jahren am Dienstagabend. Der Neunundvierzigjährige steht seit 1998 auf Rollen. Die sind bei ihm übrigens extragroß, er fährt sogenannte Speed-Skates. Mit 110Millimetern Durchmesser sorgen sie für ein schnelleres Tempo als übliche Rollen. Aber es geht Thies nicht nur um Geschwindigkeit. Er liebt den Sport: „Es ist viel gelenkschonender als Joggen, und du bist voller Adrenalin.“ Für die Figur tut ein Skater übrigens auch etwas: Der Ausdauersport macht schlank.

          Anfänger fahren am besten am ersten Dienstag des Monats

          Manchmal muss man aber auch hart im Nehmen sein. Die 27Jahre alte Eva Zeifang ist seit zwei Jahren fast jeden Dienstag an der EZB, wo die Skate-Tour losgeht. Heute trägt sie an der linken Hand einen dicken roten Boxhandschuh, mit dem sie Thies vor der Abfahrt neckt. Auch andere Skater kommen und posieren mit Zeifangs Faust. „Ich habe mir beim Skaten auf Mallorca drei Finger gebrochen“, erklärt sie. Der Boxhandschuh soll sie jetzt schützen, falls sie angerempelt wird oder hinfällt, wie ein Airbag für die Hand. Einen Helm und Knieschützer trägt sie zusätzlich. Zeifang ist schon als Kind geskatet und nimmt auch an Wettkämpfen teil, zuletzt zum Beispiel am Berlin-Marathon für Skater.

          Zum Tuesday Night Skating kommen nicht nur Profi-Fahrer, sondern auch Kinder und Jugendliche, Rentner und Familien. Wer schneller unterwegs sein will, fährt vorn mit, hinten ist es etwas gemütlicher. Jeden ersten Dienstag im Monat gibt es eine kürzere Tour mit mehr Pausen und einer Route durch die Innenstadt, bei der die, denen es zu viel wird, einfach aussteigen können. May hat mit diesem Angebot versucht, auf die schrumpfende Teilnehmerzahl zu reagieren. Zu Spitzenzeiten kamen an einem Abend 6700 Skater zusammen. Seit einigen Jahren werden es weniger. Bei der leichten Version können Neulinge sich gefahrlos ausprobieren. Für die längeren Touren müssen die Skater nämlich gute Kondition und Technik mitbringen.

          Es geht nur ums Skaten

          Dass die Veranstaltung weiterhin beliebt ist, liegt auch an den vielen ehrenamtlichen Helfern. Erfahrene Skater unterstützen in gelben Warnwesten die Polizei beim Regeln des Verkehrs, in der letzten Reihe fahren Stadtpolizei und Rettungswagen. Niemand verdient an dem Projekt. „Es steht keine Agentur mit Geld dahinter“, sagt May. Es geht nur ums Skaten, nicht um Rekorde, auch nicht um politische Botschaften. May glaubt, dass das Dienstagsskaten dadurch eine bessere Chance hat, auch in den nächsten zwanzig Jahren Leute anzuziehen. „Es hängt an keiner Partei, an keinem Verein. Es ist einfach ein gutes Aushängeschild für die Stadt, wirkt offen, jung und dynamisch. Und für uns ist es Leidenschaft.“

          Nicht alle freuen sich über die Skater am Dienstagabend. Ein Autofahrer ärgert sich lautstark über die lange Wartezeit, als der kilometerlange Skater-Zug an ihm vorbeirollt, steigt aus seinem Wagen aus und wettert gegen die Sportler, bis das Ordnungsamt demonstrativ vor seinem Mercedes hält. Kleinlaut steigt er wieder ein. Der Beamte von der Stadtpolizei legt den ersten Gang ein und tuckert weiter hinter den leisen Rollen her. Die Stadt steht hinter ihren Skatern.

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