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Trauerredner : „Wir beerdigen gerade Opa, was gibt’s?“

  • -Aktualisiert am

Sokrates statt Gott: Bernd Litke ist nicht gläubig, aber belesen. Bild: Maria Irl

Trauerredner sprechen über Menschen, die sie nie kannten. Sie finden Worte, wenn andere weinen – oder aber das Handy zücken. Manche der Gäste schimpfen gar auf die Toten.

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          Bernd Litke kennt sie gut, die Liebe. Er sieht sie, wenn ihm eine alte Frau ein Glasauge hinhält, das Glasauge ihres Mannes, der noch keine 48 Stunden tot ist, ein Andenken an den Geliebten. Er sieht sie auch, wenn ein Greis ihn in das Schlafzimmer führt, das er ein Leben lang teilte mit seiner Frau, die gestern gestorben ist, und ihm das große Ehebett zeigt, in dem er auf der Seite der Frau ihr Nachthemd ausgebreitet hat. Über das Gewand, dorthin, wo das Kragenloch ist, hat er ein Kinderbild gelegt: ein Porträt der Frau, krakelig gemalt vom Enkel; ein letztes bisschen Vertrautheit in dem Raum, in dem er nun allein sein wird bis zum eigenen Tod. Bernd Litke sieht dann dort nicht das Groteske, das Traurige. Er sieht die Liebe, und er fasst sie in Worte.

          Litke ist Trauerredner von Beruf, und so aufmerksam und herzlich, wie er ist, muss man dafür wohl sein. Es ist, wenn man es genau betrachtet, eine unmögliche Aufgabe, die Litke täglich wieder übernimmt: auf einen völlig fremden Menschen eine Rede zu halten, die seine Bekannten, Freunde, Kinder, Eltern berührt, sie aber auch tröstet, den Toten noch einmal zurückholt, wenn auch nur mit Worten. Wenig Zeit hat er dafür, oft nur ein paar Tage. Stirbt ein Mensch, suchen die Angehörigen einen Bestatter auf. Der Bestatter empfiehlt, wenn die Angehörigen es wünschen, einen Trauerredner. Immer häufiger geschieht das in den vergangenen Jahren: denn der Trauerredner spricht, wenn kein Pastor spricht, wenn also der Tote nicht Mitglied der Kirche war. Etwa 5500 Menschen werden jedes Jahr in Frankfurt bestattet, nur die Hälfte von ihnen christlich. Der freie Trauerredner hat Konjunktur.

          „Aber Amen sage ich nicht“

          Und es gibt viele von ihnen; viele bieten auch Reden auf Hochzeiten an oder Trauerbegleitung. Es sind Quereinsteiger aus anderen Berufen, viele Theologen, die in der Kirche keine Arbeit gefunden haben, auch Pädagogen, oder, wie Litke, Journalisten. Bei einem Fachverlag war er lange angestellt, schrieb Porträts über Manager und Branchenberichte. Dann irgendwann sei für ihn, den Ältesten, kein Platz mehr gewesen, sagt er. Das war vor vier Jahren. Da kam er auf die Idee, sein Schreibtalent anders zu nutzen. Aus der Kirche ist Litke, evangelisch getauft, mit 18 Jahren ausgetreten, las dann lieber Sokrates als die Bibel. Heute spricht er, wenn die Trauergäste das Vaterunser unbedingt wünschen, zwar das Gebet mit ihnen: „Aber Amen sage ich nicht.“

          Wichtige Accessoires: Spiegel, Taschenmesser und Deckel fürs Wasserglas
          Wichtige Accessoires: Spiegel, Taschenmesser und Deckel fürs Wasserglas : Bild: Maria Irl

          Vermittelt ihm ein Bestattungsunternehmer einen Kunden, beginnt Litkes Arbeit damit, dass er ihm einen Fragebogen schickt. Viel werde da erfragt, Details wolle er nicht in der Zeitung lesen, damit kein Konkurrent die Fragen übernehme, sagt Litke. Bald darauf besucht er die Menschen, meist dort, wo der Verstorbene lebte. Die Verwandten zeigen dann sein Bücherregal, seine alten Fotoalben, seine Lieblingskleidung, sie reden, weinen und reden weiter. In Litkes Kopf wächst dabei eine Vorstellung von dem Menschen, über den er bald sprechen soll; er fragt nach Spitznamen, Haustieren, Anekdoten, die sich für einen heiteren Schluss der Rede eignen. Sechzehn, siebzehn Minuten hat er meist Zeit; die Trauerfeiern sind eng getaktet auf Frankfurts Friedhöfen. Wenn denn getrauert wird.

          „Gell, Sie machen’s doch kurz“

          Zehn Prozent seiner Fälle, sagt Litke, seien gar keine echten Trauerfälle. „Da sind die Leute heilfroh.“ Nur aus Angst vor dem Gerede der Nachbarn kümmerten die sich überhaupt um eine würdige Feier. „Gell, Sie machen’s doch kurz“, sagten sie aber zu ihm. Er wurde Zeuge absurder Sparversuche: Ein Mann, der aus einer anderen Stadt als einziger Angehöriger zu einem Begräbnis nach Frankfurt kam, bat den Bestatter um einen Schlafplatz bei diesem zu Hause: „Er wollte kein Hotel bezahlen, obwohl er durchaus nicht arm war.“ Jemand anders wollte dem Bestatter das Kissen im Sarg ausreden mit den Worten „Das ist doch eine Leiche, kein Mensch“, wieder andere, ebenfalls gut betucht, begnügten sich mit der Innenurne, einer Art Rohling, über den normalerweise eine Schmuckurne gestülpt wird. So wie Bernd Litke die Liebe kennt, kennt er auch den Geiz.

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