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Traditionsunternehmen : Die Frankfurter Schiffer-Familie

Generation für Generation, zwischen Mainz und Frankfurt, im Einklang mit dem Fluß: Seit 125 Jahren betreibt die Familie Nauheimer Geschäfte mit Ausflugsbooten auf dem Main.

          Zartbesaitet war Peter-Josef Nauheimer nicht. Der Urgroßvater von Anton Nauheimer, dem heutigen Eigentümer der Ausflugsflotte auf dem Main, war noch ein echter Seemann. Mit einem Reis-Segler war er nach Java gefahren. Die auf solchen Touren erworbenen Eigenschaften soll er auch nicht abgelegt haben, als er 1880 mit dem Geld einiger Schwanheimer Bürger einen kleinen Raddampfer kaufte. Mit dem brachte er die Bauern von Schwanheim morgens nach Frankfurt zum Markt und Arbeiter zur Fabrik. Als er eines Tages bei der Ausschreibung einer Main-Fähre unterlegen war, soll er dem siegreichen Konkurrenten mit dem Ruder auf den Kopf geschlagen haben.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Nachfrage nach Bootsdiensten in jener Zeit muß groß gewesen sein: Das Königliche Amt sah sich genötigt, den Nauheimers schwere Strafen anzudrohen, falls sie mehr als 200 Personen auf einem Schiff transportierten oder behördlich nicht genehmigte Anhänger an ein Schiff hängen würden. Später wurde eine Eisenbahnlinie gebaut, gleichsam der Vorläufer der heutigen S-Bahn, und übernahm den Pendlerverkehr. Die Nauheimers verlegten sich aufs Ausflugsgeschäft und brachten die Frankfurter für 55 Pfennig zu Schwanheims Gartenwirtschaften.

          Mit dem Main verbunden

          Seit jenen Tagen fährt die Familie Nauheimer mit ihren Booten auf dem Main, mittlerweile in der vierten Generation: Frankfurter, die in besonderem Maße mit dem Wasser verbunden sind - über Generationen hin auch Mainfisch-Angler. Der heutige Chef, Anton Nauheimer, ist dreimal in seinem Leben in den Fluß gefallen. Das erste Mal als Kind, noch mit Schulranzen. Damals wohnten sie auf einem Hausboot. Die Mutter schrie, der Vater rettete ihn. Das zweite Mal fiel er von einem Steg, der früher das Bassin der Badeanstalt im Main mit dem Ufer verband. Beim dritten Mal fuhr er auf dem Fischernachen des Vaters mit - und rutschte von Bord. Aber da konnte er schon schwimmen.

          Zur wirtschaftlichen Situation bemerkt Nauheimer, daß die Seeleute bei den alten Griechen Flauten durch das Opfern von Jungfrauen zu bekämpfen pflegten. Zu solch harschen Seefahrtspraktiken sah sich der Reeder zum Glück nicht gezwungen, als vor drei Jahren das Geschäft etwas nachließ. Statt dessen dachte man sich neue Dinge aus, brachte Kultur an Bord, organisierte Salsa-Partys und lädt jetzt sogar regelmäßig zu Krimi-Nächten auf dem Fluß ein, bei denen die Gäste gemeinsam einen Fall lösen müssen. Mit Erfolg: 160000 Fahrgäste hatte die Primus-Linie mit ihren fünf Schiffen im vorigen Jahr. Der Umsatz soll bei rund vier Millionen Euro liegen.

          „Ein unverwüstliches Partyschiff“

          Nauheimers längstes Schiff ist mit 50 Metern die „Nautilus“, benannt nach dem U-Boot des Kapitän Nemo in Jules Vernes Roman „20000 Meilen unter dem Meer“. Ihre Innenausstattung hat Nauheimer zufolge „Kreuzfahrt-Niveau“, während die kleinere „Wappen von Frankfurt“ eher rustikal-gutbürgerlich eingerichtet ist, ähnlich wie die mittelgroße „Primus“. Die „Johann Wolfgang von Goethe“ hat Nauheimer im Designer-Look renovieren lassen. Die „Wikinger I“, das kleinste Schiff, preist er als „unverwüstliches Partyschiff“ an.

          Jetzt soll es bald auf dem Main „Wassertaxis“ geben: Konkurrenz, fürchtet Nauheimer. Das Argument, die kleinen Schiffe sollten eher Aufgaben des öffentlichen Nahverkehrs übernehmen, hält er für wenig überzeugend. Auf diesem Gebiet sei die S-Bahn doch haushoch überlegen. Es werde auf ein touristisches Angebot hinauslaufen. Und das mit finanzieller Unterstützung von Sponsoren - oder sogar mit öffentlichen Subventionen, die er nie erhalten habe.

          20 konkurrierende Ausflugsschiffe

          Der Wettbewerb auf den verschiedenen Rhein- und Main-Abschnitten ist bislang sehr unterschiedlich stark. Während rund um die touristenträchtigen Sehenswürdigkeiten zwischen Koblenz und Rüdesheim etwa 20 verschiedene Ausflugsschiffe konkurrieren, hat die Primus-Linie in Frankfurt derzeit mehr oder minder ein Monopol. Bis Mitte der achtziger Jahre legten in der Nähe des Eisernen Stegs auch Schiffe des deutschen Marktführers, der Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt AG, an. Das Häuschen am Ufer steht bis heute.

          Aber irgendwann kam man in Düsseldorf zu der Erkenntnis, Frankfurt lohne sich nicht mehr, und beschränkte sich auf Mainz als südöstlichen Vorposten im Rhein-Main-Gebiet. Bis Juli 1998 gab es noch die Wikinger-Linie, die Anton Nauheimers Vetter zweiten Grades, Adolf Ulfrid Nauheimer, betrieb. Weil dieser aber aufs Rentenalter zuging und keinen Nachfolger hatte, verkaufte er seine Schiffe an den Verwandten.

          Zusätzliche Anlegestellen angedacht

          Verschrottet worden ist ein anderes Schiff, das seinerzeit in der Region für Aufregung gesorgt hatte: der „Rheinjet“, ein Tragflächenboot russischer Bauart, mit dem die Köln-Düsseldorfer seinerzeit die Schwierigkeit überwinden wollte, daß man zwischen Köln und dem Rhein-Main-Gebiet wegen der langen Fahrtzeit nur schwer Tagesausflüge auf dem Wasser organisieren kann. Von Köln bis Mainz brauchte es weniger als vier Stunden. Allerdings schwappte nicht nur der Kaffee oft aus den Tassen, die Technik stellte sich auch als störanfällig heraus. Und schon kurz nach seiner Inbetriebnahme rammte der „Rheinjet“ auf dem stark befahrenen Strom ein anderes Schiff.

          Vorsichtig testen will Nauheimer jetzt vom Sommer an, ob sich zusätzliche Anlegestellen in Frankfurt für die Ausflugstouren lohnen. Einen neuen Anleger an der Friedensbrücke hat er gerade beantragt. Traditionell starten seine Schiffe am Eisernen Steg. Vor vier Jahren kam ein weiterer Anleger am Museumsufer beim Städel hinzu; vor zwei Jahren ein dritter am Theodor-Stern-Kai beim neuen Gebäude der Allianz.

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