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Gefahr für Radfahrer : Die Autotür als tödliche Falle

Sicherheitsabstand: Schutzstreifen wie dieser in Frankfurt sollen verhindern, dass Radler gegen Autotüren fahren. Bild: Lucas Bäuml

Ende August starb in Frankfurt eine Radfahrerin, weil sich neben ihr die Tür eines geparkten Autos öffnete. Unfallforscher fordern mehr Schutzstreifen, und Frankfurts Mobilitätsdezernent sagt: Es wird sich noch viel tun in der Stadt.

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          Ob sie noch einige Sekunden Zeit gehabt hat, um die Fahrertür des Autos wahrzunehmen, die sich plötzlich rechts neben ihr öffnete, ob ihr bewusst wurde, dass sie auf dieses Hindernis prallen und stürzen würde, das weiß niemand. Radfahrer, die vergleichbare Situationen erlebt und überlebt haben, berichten, man habe keine Zeit zum Denken. Und sie sprechen vom Gefühl der Ohnmacht, des Sich-ausgeliefert-Fühlens, das lange anhalte.

          Mechthild Harting
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die 60 Jahre alte Frankfurterin, Architektin und Mutter einer Tochter, die am Abend des 30. Augusts an der Taunusanlage, an der Straße vis-à-vis des Opernplatzes, mit dem Fahrrad auf dem Weg zu ihrem „geliebten Sport“ war, wie ihr Ruderverein auf seiner Homepage schreibt, hatte keine Zeit zu reagieren. Sie erlitt beim Aufprall auf dem Boden schwerste Kopfverletzungen und starb am nächsten Tag. Dies war, soweit es die Frankfurter Vertreter von ADFC und der Initiative Ghostbike wissen, in der Stadt der erste Unfall eines Radfahrers seit mehreren Jahren, der durch das plötzliche Öffnen einer Autotür – in der Regel ist es die des Fahrers – tödlich endete.

          Einer Studie zufolge haben solche „Dooring“-Unfälle, wie sie genannt werden, „sehr, sehr deutlich zugenommen“, wie Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) mitteilt. Nach deren Untersuchungen hat jeder fünfte Radfahrunfall mit geparkten Autos zu tun, die Hälfte davon ereignen sich wegen Autotüren, die sich öffnen. Die Zahlen der Versicherer liegen über denen amtlicher Statistiken. Die Unfallforscher führen die hohe Zahl auf den steigenden Radverkehrsanteil zurück und darauf, dass viele Radfahrer gern die ruhigeren, aber auch schmaleren Nebenstraßen nutzen, in denen es selten Radwege gibt.

          „Die Verantwortung liegt ausschließlich beim Autofahrer“

          In Frankfurt weist die Statistik der Polizei die „Dooring“-Unfälle nicht explizit aus. Das Straßenverkehrsamt hat aber ermittelt, dass es 2021 in Frankfurt 67 solcher Kollisionen bei insgesamt 1115 Unfällen gab, an denen Radfahrer beteiligt waren. 2019 lag die Zahl bei 87 „Dooring“-Unfällen. 2017, als es insgesamt gut 1000 Unfälle mit Radfahrern gab, sogar bei 155. Wie diese Kollisionen im Einzelnen ausgingen, ist nicht bekannt.

          Doch wer ist schuld, wenn sich ein solcher Unfall ereignet? Frankfurts Mobilitätsdezernent Stefan Majer (Die Grünen), dem die Verkehrssicherheit besonders am Herzen liegt, weiß, dass in dieser Situation in der öffentlichen Diskussion den Radfahrern mindestens immer eine Teilschuld zugeschrieben wird. Unfallforscher Brockmann weist aber darauf hin, dass „der Radfahrer kein Chance hat, wenn die Fahrertür plötzlich aufgeht, er kracht in die Tür“. Denn bei einer Geschwindigkeit von rund 20 Kilometern pro Stunde hat ein Radler einen Bremsweg von etwa elf Metern, das entspricht etwa drei Wagenlängen. Keiner könne auch nur erahnen, was sich in dieser Entfernung in einem Auto tue, sagt Brockmann. Für ihn steht fest: „Die Verantwortung liegt ausschließlich beim Autofahrer.“ Diese Auffassung vertrat auch das Landgericht Köln Ende August in einer viel beachteten Entscheidung: Demnach haftet der Autofahrer zu 100 Prozent. In dem Fall war ein Rennradfahrer, der von Beruf Unfallchirurg ist, gegen die geöffnete Autotür geprallt.

          Der Autofahrer und dessen Versicherung wollten nur für drei Viertel des Schadens aufkommen und argumentierten, dass den Radfahrer eine Mitschuld treffe. Er sei nicht mit ausreichendem Abstand an dem Auto vorbeigefahren und hätte wahrnehmen können, dass der Fahrer seine Tür infolge des Einparkens gleich öffnen würde. Dem folgte das Gericht nicht: Der Radfahrer trage keine Mitschuld, urteilten die Richter. Er habe nicht die Pflicht gehabt, so viel Abstand zu halten, dass er auch bei einer vollständig geöffneten Autotür nicht kollidieren würde. Außerdem habe er nicht mit einer derart groben Unachtsamkeit des Autofahrers rechnen müssen. Dieser und seine Versicherung müssen dem Urteil zufolge für alle materiellen und immateriellen Schäden aufkommen und zudem Schmerzensgeld und Schadenersatz zahlen.

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