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Tinnitus : Mit Kortison und Noiser gegen den Dauerlärm im Ohr

  • -Aktualisiert am

Beschallt Rennmäuse: die Neuroforscherin Manuela Nowotny. Bild: Helmut Fricke

Tinnitus kann viele Ursachen haben – oft müssen die Betroffenen lernen, damit zu leben. Eine Uni-Forscherin sucht nun nach neuen Therapieansätzen.

          Nach einem besonders stressigen Arbeitstag ist Georg Völker nachts aufgewacht und hatte plötzlich ein Pfeifen im linken Ohr. Das war 2002, und seitdem ist das Geräusch nicht mehr verschwunden. Anfangs habe er sehr darunter gelitten, sagt Völker. Er habe sich auf nichts anderes mehr konzentrieren können als auf den Ton im Ohr. Das Einschlafen fiel ihm schwer, er bekam Angstzustände, wurde depressiv.

          Völkers Schicksal teilen in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen. Etwa bei der Hälfte aller Patienten, die von Ohrgeräuschen oder Tinnitus befallen werden, kommt es zu schwerwiegenden psychischen oder sozialen Folgen bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Nachdem Völker monatelang krankgeschrieben war, wurde er versetzt und konnte bald darauf in Frührente gehen. Das sei sein Glück gewesen, sagt er. Heute ist er einer der Leiter der Tinnitus-Selbsthilfegruppe Frankfurt.

          Grundlagenforschung

          Tinnitus ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Oft entsteht er bei einem Hörsturz, durch Lärm, Durchblutungsstörungen oder Stress. Aber auch Fehlstellungen der Halswirbelsäule oder des Kiefergelenks können dazu führen. Die Hörminderung, die damit verbunden sei, bilde sich häufig von selbst zurück, sagt Manuela Nowotny vom Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaft der Goethe-Universität. Das Pfeifen, Rauschen oder Piepen im Ohr allerdings bleibe in vielen Fällen – eine wirksame Behandlung gebe es nicht.

          Nowotny beschäftigt sich seit Anfang des Jahres mit Tinnitus. „Wir betreiben hier absolute Grundlagenforschung.“ Durch Experimente an Wüstenrennmäusen versucht sie die Entstehung der Ohrgeräusches nachzuvollziehen. Den Mäusen wird unter Narkose durch Lärm ein vorübergehender Hörschaden beigebracht. Dann wird mit einem akustischen Trick festgestellt, auf welcher Frequenz sich dadurch bei dem Tier ein Ohrgeräusch entwickelt hat. So will die Wissenschaftlerin herausfinden, wie schnell sich ein Tinnitus entwickelt und wie sich die Lärmfrequenz auf die Tonlage des Geräusches auswirkt. Ziel sei es, den richtigen Zeitpunkt für eine Therapie zu finden.

          Wer sich schnell behandeln lässt, hat Heilungschancen

          Tinnitus sei in den seltensten Fällen auf eine einzelne Ursache zurückzuführen, sagt der Frankfurter Hals-Nasen-Ohrenarzt Gerd Unglaube. Dies habe zur Folge, dass die Patienten sich oft unverstanden fühlten und verunsichert seien. Vielen Betroffenen, die in seine Praxis kämen, könne er schon am Gesichtsausdruck ansehen, wie sehr sie litten. Oft würden sie vom Hausarzt zu ihm geschickt, von ihm zum Neurologen, von dort zum Internisten und schließlich zum Psychologen.

          Gleich nach dem ersten Auftreten des Ohrgeräuschs sind die Heilungschancen am größten. Wer sofort zum HNO-Arzt geht und behandelt wird, kann seinen Tinnitus wieder loswerden, wenn er Glück hat. Oft werden Infusionen verabreicht, etwa aus Kochsalzlösung und Kortison, um die Durchblutung und Aktivität der Sinneszellen im Ohr zu fördern. Allerdings ist nicht klar, ob dabei das Medikament, der Placebo-Effekt oder die Selbstheilung des Körpers zum Erfolg führt. Selbsthilfegruppen-Sprecher Völker und Facharzt Unglaube halten nicht viel von Infusionen. Beide sind der Ansicht, das helfe nur in Einzelfällen. „In acht Jahren habe ich noch keinen kennengelernt, der durch Infusionen geheilt worden ist“, sagt Völker.

          Die beste Therapie: Ablenkung

          Vor 20 bis 30 Jahren hätten Menschen, die sehr unter ihrem Tinnitus litten, sich den Hörnerv durchtrennen lassen, um die Geräusche loszuwerden, berichtet die Forscherin Nowotny. Danach habe man festgestellt, dass diese Menschen dann zwar taub gewesen seien, das Geräusch aber immer noch zu hören meinten. Der Ton sei dem Gehirn sozusagen antrainiert worden. Innerhalb von drei bis sechs Monaten werde so aus einem akuten ein chronischer Tinnitus. Unglaube vergleicht das mit chronischen Schmerzen. Auch diese würden nach einer gewissen Zeit nicht mehr von der betroffenen Stelle ausgelöst, sondern direkt vom Hirn. Die Chancen, die lästigen Töne wieder loszuwerden, sind dann rapide gesunken. In solchen Fällen versucht der Arzt die Menschen vor allem zu beruhigen. „Ich will nicht den Tinnitus wegkriegen, sondern erreichen, dass der Patient damit leben kann“, sagt er. 20 Prozent der Betroffenen könne er durch Gespräche helfen. Bei einem weiteren Fünftel erziele er durch homöopathische Mittel Linderung. „Ich weiß auch nicht, wie das funktioniert“, gibt er zu. Aber: „Wer heilt, hat recht.“ Weitere 30 Prozent würden durch eine technische Hilfe, den „Noiser“, lernen, den Tinnitus als nicht mehr störend zu empfinden. „Bei dem Rest streiche selbst ich die Segel“, sagt Unglaube.

          Auch Völker hat dreieinhalb Jahre lang einen „Noiser“ getragen – mit Erfolg. Der kleine Apparat, der aussehe wie ein Hörgerät, lenke vom Tinnitus ab, indem er ein „wohliges Rauschen“ erzeuge. Nowotny sagt, der „Noiser“ könne so eingestellt werden, dass er alle Frequenzen außer der des Tinnitus aussende. So lerne das Gehirn, sich auf die normalen Töne zu konzentrieren. Losgeworden ist der Patient den Tinnitus damit aber nicht – er empfindet ihn nur nicht mehr als so störend.

          Die erfolgreichste aller Therapien heißt allerdings noch immer Ablenkung, wie Völker deutlich macht: „Das oberste Gebot ist, absolute Stille vermeiden.“

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