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Zirkus Charles Knie : Tierschützer gegen Tierschützer

  • -Aktualisiert am

Tier-Zirkusfans finden das toll, Kritiker nicht: Kuss von einem Löwenmann für Alexander Lacey vom Zirkus Knie Bild: Michael Kretzer

Aktivisten protestieren gegen den Einsatz von Tieren beim Zirkus Charles Knie. Zum Glück gibt es aber auch Nummern, die ohne Vierbeiner auskommen.

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          Zirkusdirektor Sascha Melnjak hat die Premiere seines Zirkus Charles Knie am Mittwochabend nicht mit eigenen Augen verfolgen können. Denn Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte ihn und andere Zirkuschefs an diesem Tag zum Gespräch nach Berlin gebeten. Es ging um Tiere im Zirkus. Genauer: um ein Verbot von Wildtieren in der Manege, das Tierrechtsorganisationen, Parteien wie die Grünen und auch einzelne Bundesländer wie Hessen anstreben. Bisher sind alle derartigen Vorstöße am Bundestag gescheitert, der ein solches Verbot ablehnte.

          Ob Wildtiere wie Elefanten, Löwen, Tiger oder normale Nutztiere und Haustiere wie Pferde oder Rinder: Den Tierrechtlern, die vor dem Zelt von Charles Knie demonstrierten, war alles Katze wie Hund. „Wir sind generell gegen Tiere im Zirkus“, sagte Carsten Pochert, der Sprecher der Initiative „Frankfurt tierzirkusfrei“. Auch die Haltung von Kühen oder Schweinen lehne man ab: Als Veganer träten sie für eine Lebensweise ohne Nutztierhaltung ein.

          Löwen- und Tigernummer

          Die Verkörperung des Bösen ist in ihren Augen der Tierlehrer Alexander Lacey, der im Programm von Charles Knie mit einer Löwen- und Tigernummer auftritt. Der Engländer gilt als einer der Besten seines Fachs weltweit, beim amerikanischen Großzirkus Ringling Barnum & Bailey war er jahrelang der Star in der Manege. Seine 14 Raubkatzen stammen alle aus eigener Zucht, einige davon hat er mit der Flasche großgezogen. Warum man Tiger und Löwen in Gefangenschaft halten darf und soll? Die Lebensräume der Großkatzen schrumpften immer mehr, antwortet Lacey. Wolle man diese Arten erhalten, müsse man ihnen beim Überleben helfen – nicht zuletzt durch die Nachzucht in Zoos und Wildparks.

          Laceys Eltern betrieben einst in England zwei Zoos. Irgendwann, so erzählt Sohn Alexander, hätten sie gemerkt, dass viele Tiere sich langweilten. Die Lösung lautete: Training. Sein Vater und seine Mutter hätten damit begonnen, mit ihren Schützlingen zu arbeiten, wodurch sich deren psychischer Zustand sofort gebessert habe. Schließlich konzentrierten sich die Laceys auf Großkatzen und ließen ihre Tiere irgendwann im Zirkus auftreten.

          Kuss von einem Löwenmann

          Sohn Alexander begann mit 17 Jahren, Großkatzen zu trainieren, mit 20 Jahren besaß er seine erste Raubtiergruppe. Wer gesehen hat, wie er mit Tigern schmust oder sich von einem Löwenmann küssen lässt, merkt, wie eng und freundschaftlich sein Verhältnis zu diesen Katzen ist. Ihn als einen Tierquäler zu bezeichnen erscheint absurd.

          Angst, von seinen Tieren angefallen zu werden, braucht Marek Jama, der Chef der zirkuseigenen Tiere, nicht zu haben. Seine Rinder mit den seltsamsten Hörnern auf dem Kopf, auch die Kamele und Dromedare, seine Lamas und Zebras müssen keine Kunststücke absolvieren, Jama führt sie vielmehr nur in ihrer Erhabenheit und Schönheit vor. Gelehrsamer als diese Tiere sind seine Pferde, die dieser Pferdeflüsterer elegante Formationen bilden lässt.

          Der Dreiklang beim Zirkus Charles Knie lautet: Tiere, Artistik und Clownerien. Für viel Spaß sorgt der junge Venezolaner Henry, der ohne Worte auskommt und nur mit Gestik und Mimik arbeitet. Dieser Clown holt sich immer wieder Zuschauer in die Manege, macht sie aber nie lächerlich, sondern immer zum Star für eine Minute. Henry ist ein Sympathieträger, der nicht nur Kinder, sondern auch Väter und Omas zum Lachen oder zumindest zum Schmunzeln bringt.

          Erotische Ausstrahlung

          Im artistischen Teil der Show ragen zwei Nummern hervor: das fliegende Trapez der Flying Wulber, einer italienisch-chilenischen Familie, und der Handstand-Act der aus Australien stammenden Messoudi Brothers. Eigentlich müssten sie Messoudi Family heißen, denn es handelt sich um drei Söhne und ihren Vater. Ihnen gelingen Hebefiguren, die eine äußerste Kraftanstrengung erfordern und dennoch federleicht wirken. Artistisch können sie sich durchaus mit den Pellegrini Brothers messen, die schon so oft die Herzen der Damen im Frankfurter Varieté „Tigerplast“ verzaubert haben, von ihrer erotischen Ausstrahlung her können sie jedoch nicht ganz mit den vier Italienern mithalten.

          Auch die Wulber arbeiten im Familienverbund, wobei die Damen bei ihrer Trapeznummer eher Staffage sind. Die spektakulären Sprünge, Salti und Pirouetten führen die Männer hoch über dem Publikum im Manegenhimmel vor. Ihr Auftritt zählt zum Schönsten, was ein Zirkus bieten kann. In ihrer zweiten Nummer, einem Trampolin-Act, legen die Wulber mehr Wert auf Komik, verkleidet als Blues Brothers, veralbern sie den Trampolin-Sport, den sie freilich aus dem Effeff beherrschen.

          Rasend schnell drehen sich die beiden Medinis auf ihren Rollschuhen um die eigene Achse. Diese Kunst scheinen Italiener am besten zu beherrschen. Eine weitaus seltenere und dazu besonders schwere Disziplin, nämlich die Schlappseil-Artistik, hat sich Tatiana Kundyk ausgewählt, die zwei Beine eines Stuhl auf den dünnen Draht stellt, sich darauf setzt und freihändig balanciert. Diese Kunststücke, die Tiere und der Clownsspaß machen die Show von Charles Knie zu einem großen Vergnügen.

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