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Schmerztherapie : Wie ein Blitz durch den Kopf

  • -Aktualisiert am

Nicht mehr auszuhalten: Wenn die Schmerzen den Alltag zu sehr beeinflussen, hilft nur noch eine Therapie Bild: dpa

Eine Patientin leidet seit Jahren an Schmerzen. Neurologen und eine Operation konnten ihr nicht helfen. Erst in einem Frankfurter Schmerzzentrum lernt sie, mit dem plötzlich auftretenden Beben zu leben.

          5 Min.

          Wenn das Wetter umschlägt, rast der Schmerz wie ein Blitz über Hannelore Grays Gesicht. Er fängt im Kiefer an, zieht über die Haut bis zum Haaransatz. Manchmal verschwindet er sofort wieder, und der Alltag geht normal weiter. Manchmal aber bleibt er in ihrem Kopf. Es ist ein Stechen, das ihr Denken beherrscht. Sie erstarrt dann, denn sie weiß: Jede Erschütterung kann ein weiteres schmerzhaftes Beben auslösen. Hannelore Gray ist 69 Jahre alt, hat kurze, rotgefärbte Haare und ein breites Lächeln. Wie rund zehn Millionen Menschen in Deutschland leidet sie an chronischem Schmerz. Wenn sie liegt, hämmert er in ihrer linken Gesichtshälfte, wenn sie laute Musik hört, kriecht er ihr unter die Haut. Seit 15 Jahren bestimmen die Schmerzen ihr Leben, sie werden Gray nie wieder loslassen. Eine Therapie soll ihr helfen, damit zu leben. Heute ist einer der guten Tage. Gray sitzt in ihrem großen Wohnzimmer in Erlensee und gießt sich großzügig Kaffee in eine weiße Tasse.

          Ein Ventilator wirbelt heiße Luft durch den Raum. Bis vor wenigen Jahren hatte Gray mit ihrem Mann in der Innenstadt gelebt, dann hielt sie den Verkehr nicht mehr aus. Sie sagt, sie habe jeden Lastwagen, der vorbeifuhr, im Gesicht gespürt. Der Fachbegriff für Grays Schmerz ist „Trigeminus-Neuropathie“. Gray nennt ihn „den Blitz“. Der Trigeminus-Nerv zieht sich wie ein verzweigter Ast vom Ohr über die ganze Gesichtshälfte. Er ist einer der sensibelsten Nerven im ganzen Körper. Wird er verletzt oder eingedrückt, kann es zu starken Schmerzen kommen. Als Gray im Sommer 2003 zum Zahnarzt geht, weiß sie nicht, dass dieser Tag ihr Leben verändern wird. Die damals 54 Jahre alte Frau hat Zahnschmerzen, der Arzt entschließt sich zu einer Wurzelbehandlung. Er spritzt Gray ein Betäubungsmittel und kratzt das entzündete Gewebe aus dem Zahnmark heraus. Am nächsten Morgen wacht Gray auf, weil sich ein stechender Schmerz über ihr Gesicht zieht. Was sie nicht weiß: Vermutlich hat der Arzt ihren Trigeminus-Nerv verletzt.

          Der Schmerz selbst wird zur Krankheit

          Hannelore Gray hatte ihr Leben lang Schuhe verkauft. In einem kleinen Geschäft in Hanau vermaß sie Füße und beriet die Kunden. Sie sagt, sie habe gerne mit Menschen gearbeitet. Als die Schmerzen anfangen, hält sie es nur noch wenige Stunden im Laden aus, dann geht sie wieder nach Hause. Ihr ganzes Denken kreist nun um das Stechen im Gesicht. Es beginnt eine Leidenszeit. Sie kann kein Fahrrad mehr fahren, nicht arbeiten, nichts tun, was ihren Körper anstrengt. Sie lässt sich krankschreiben und kehrt nie wieder in das Schuhgeschäft zurück. Zwei Wochen nachdem ihre Schmerzen angefangen haben, bekommt sie einen Termin beim Neurologen. Er untersucht ihren Kopf, schickt sie ins MRT, erklärt, er könne ihr nicht helfen. Eine Woche später ruft ihr Mann den Notarzt. Hannelore Gray hält die Schmerzen nicht mehr aus. Im Krankenhaus geben sie ihr starke Medikamente, die sie ruhigstellen.

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