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Tatortreiniger : „Teppichboden ist am schlimmsten“

Wenn die Polizei einen Tatort räumt, rücken die Tatortreiniger an. Bild: dapd

Nach dem gewaltsamen Tod eines Menschen rücken die Tatortreiniger an. Ein körperlich und seelisch anstrengender Beruf.

          3 Min.

          „Blut ist ein heikles Thema“, sagt Martin Müller gleich zu Anfang des Gesprächs. Der große junge Mann mit den kurzen blonden Haaren und der leicht gebräunten Haut sieht eigentlich nicht so aus, als ob er Angst vor Blut hätte. Aber Müller fürchtet, sich bei seiner Arbeit zu verletzen und anzustecken. Fast jeden Tag kommt er mit Blut, Urin und Kot in Berührung. Den meisten seiner Bekannten hat Müller gesagt, dass er Spezialreinigungen vornehme, was auch stimmt. Die Firma, für die Müller arbeitet, heißt Akut SOS Clean.

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten.

          Wenn ein Mensch auf gewaltsame oder unklare Art stirbt, kommt in der Regel die Polizei und schaut sich den Auffindeort an. Anschließend bringt ein Bestatter die Leiche weg. Doch manchmal bleiben Spuren zurück, die eine Wohnung für eine gewisse Zeit unbewohnbar machen. In der Regel rufen die Angehörigen oder der Hausverwaltung dann ein Spezialunternehmen. Oft klingelt dann bei Martin Müller das Handy.

          Der Geruch ist eine besondere Herausforderung

          Dann sollte es schnell gehen. Müller erklärt, was zum Beispiel nach einem Selbstmord mit der Leiche passiert: „Nach vier bis zwölf Stunden setzt die Leichenstarre ein. Der Körper stellt kein Adenosintriphosphat mehr her und die Muskeln können sich nicht entspannen. Nach weiteren ein bis sechs Stunden löst sich die Starre, die Muskelzellen zerfallen, der Körper zersetzt sich und beginnt zu verwesen. Dabei verliert er Flüssigkeit.“ Das nennt man Leichenbrand. Körpereigene Säuren treten aus dem Körper aus und ziehen in Matratzen und Böden ein. Hinzu kommen nicht selten viele Liter Blut, gerade nach einem Suizidversuch. Teppichboden sei einer der schlimmsten Beläge, weil an ihm alles haften bleibe, sagt Müller.

          Der erste Arbeitsschritt ist oft das Einweichen und Absaugen der Flüssigkeiten. Das passiert mit einem Sauger, der aussieht wie ein Metalltrolley und 45 Kilogramm wiegt. Ein spezielles Reinigungsmittel entfernt dann die restlichen organischen Stoffe, die zum Beispiel in Ritzen hängen bleiben. Schließlich wird alles desinfiziert. Besonders schwierig sei es, den Geruch zu neutralisieren. Manchmal müsse ein Ozongerät, das die Geruchsmoleküle zerstöre, mehrmals eingesetzt werden.

          Eine Fliege findet immer den Weg zur Leiche

          Zwischen 300 und 400 Orte reinigt das Team jedes Jahr. Müller zeigt einige Bilder. Mit der Kamera dokumentiert er jeden Arbeitsschritt. Wo zu Anfang noch mehrere Liter Blut auf einem Laminatfußboden klebten, ist nach ein bis zwei Stunden nichts mehr zu sehen.

          Dann ist da noch das Ungeziefer. Eine Fliege findet immer den Weg zur Leiche. Mit einem Heißnebelpräparat geht Müller gegen die Insekten vor. „Gerade im Sommer vermehren sich die Dinger wie verrückt“, sagt er.

          Ausrüstung im Wert von 25000 Euro

          Müller hat Biologie studiert und kennt sich aus mit Schädlingen. Das Studium brach er ab, weil er schon immer lieber Vollzeit gearbeitet habe, erzählt er. Bei seinem heutigen Arbeitgeber war er früher aushilfsweise als Schädlingsbestimmer tätig. In der Abendschule machte er dann die Ausbildung zum Gebäudereiniger, später kamen noch der Desinfektoren- und der Schädlingsbekämpfungsschein hinzu. Das war vor 17 Jahren. Heute ist er Gebietsleiter für die Rhein-Main-Region.

          Müller öffnet die Schiebetür eines der weißen Einsatzfahrzeuge. An den Seiten ist das Logo der Firma aufgeklebt, auf dem Autolack findet sich kein Krümel Schmutz. Auch privat möge er es sehr sauber, fast klinisch rein, sagt Müller. „Bei mir sieht es aus wie in den Magazinen von ,Schöner Wohnen‘.“ Sein Arbeitswerkzeug ist in flachen Metallboxen untergebracht: Nebelgenerator gegen den Geruch, flache Düsen gegen die Schädlinge hinter der Fußleiste und Atemmasken, um acht Stunden durcharbeiten zu können. Zusammen ist die Ausrüstung rund 25.000 Euro wert.

          Eine Psychologin betreut die Mitarbeiter

          Wenn Müller seine Einsatzkleidung trägt, bleibt er selbst sauber. Der weiße Overall, der dem eines Lackierers ähnelt, aber zusätzlich mit Teflon beschichtet ist, verhindert, dass äußerlich Spuren des Tatorts haften bleiben.

          Innerlich sieht es anders aus. Regelmäßig besucht eine Psychologin das aus 20 Frauen und Männern bestehende Team. „Die Kollegen sprechen untereinander fast jeden Abend über das, was sie erlebt haben. Das sind richtige Gesprächskreise“, sagt Müller. Das Team kommt sehr oft mit Angehörigen in Kontakt. Die reagierten ganz unterschiedlich auf einen Todesfall, sagt Müller. Manchmal müsse er eine hinterbliebene Mutter oder Ehefrau dann einfach in den Arm nehmen. Nach einem Suizid fragt er sich immer wieder, warum sich ein Mensch umgebracht hat. Manchmal erkundigt er sich vorsichtig bei den Angehörigen.

          Große Ansteckungsgefahr

          Einmal machte sich Müller auch Sorgen um seine körperliche Gesundheit. Vor einem halben Jahr wurden er und sein Kollege in eine Wohnung gerufen. Ein Mann hatte sich umgebracht, indem er sich eine Hand abtrennte und so im Bad verblutete. Um das Gröbste zu reinigen, zog sich Müller Gummihandschuhe an, die kaum dicker sind als die, die man aus dem eigenen Haushalt kennt, und begann das Blut aufzuwischen. Er wusste nicht, dass seinem Kollegen vorher aus Versehen ein Parfümfläschchen auf die Fliesen gefallen war. Müller schnitt sich beim Putzen in den Daumen, er verletzt sich sonst nur selten bei seiner Arbeit. Die Wunde war nicht groß, aber es blutete recht stark. Nachdem er seine Arbeit getan hatte, erkundigte er sich, ob der Verstorbene krank gewesen sei. Er hatte Hepatitis C und war HIV-positiv.

          Bis man einen Test machen kann, dauert es zwölf Wochen. „Das war eine ziemlich lange Zeit“, sagt Müller. Alle Tests seien negativ ausgefallen. Seither arbeitet die Firma nur noch mit den Spezialsaugern. Die Lappen bleiben erst einmal im Auto.

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