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Tai-Chi in Frankfurt : Ein Leben im Fluss

  • -Aktualisiert am

Weber bei einer Tai-Chi-Übung in seiner Frankfurter Schule. Bild: Etienne Lehnen

Immer mit der Ruhe, außer manchmal. Der ehemalige Lehramtsstudent Rolf Weber hatte einen Traum. Heute lehrt er seit Jahrzehnten Tai-Chi und hat am Klavier den Blues.

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          Der Satz fällt beim Plaudern über den Lebensweg. Taxifahren sei für ihn immer Teil einer Übung gewesen, sagt Rolf Weber. Vor mehr als 40 Jahren, als Lehramtsstudent für Sport und Sozialkunde, hatte er einen Traum, der mit dem Dienst in einer Schule nichts zu tun hatte, und diesen Traum finanzierte das Taxifahren. Auslöser dafür waren eine Fernsehserie mit einem Kung-Fu-Priester als Hauptdarsteller und später eine Begegnung. Die Folge: Rolf Weber gründete zu Beginn der achtziger Jahre in Frankfurt eine Tai-Chi-Schule, sie gehört zu den ältesten im Land.

          Es war die Zeit des Auf- und des Umbruchs, doch Rolf Weber stand nicht mittendrin in den Revolten der Achtundsechziger. Ihn zog es nicht auf die Straße, sondern in die Ferne. 1974 reiste er in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er ein Jahr lang blieb. Zurück in Deutschland, galt es, die eigene Zukunft zu packen. „Ich war immer sportlich, also suchte ich einen Job, wo ich das Sportliche mit einbringen konnte. Und ich hatte das Gefühl, ich brauche Freizeit.“ Die Entscheidung war einfach: „Ich habe angefangen, Sport zu studieren.“ Denn als Sportlehrer, habe er gedacht, werde er viel draußen sein, Bewegung haben und Ferien. Das Wort Ferien betont er bei diesem Rückblick wie einen von ihm hoch geschätzten Titel von Tom Jones, Sexbomb.

          „Du bremst, oder du fährst durch“

          Das Studium mit dem Zweitfach Sozialkunde begeisterte ihn trotzdem nicht, bald ließ er es schleifen und verdiente sich den Lebensunterhalt, wie so viele damals, mit Taxifahren. Bis es zu der Begegnung kam, die seinem Leben eine neue Richtung gab und zu neuer Fahrt verhalf. Bei einer Vorführung fernöstlicher Kampf- und Bewegungskunst lernte er Chee Soo kennen, einen Briten, der nach Frankfurt gekommen war, um das altchinesische Tai-Chi zu demonstrieren, die Kampfkunst, die manchmal auch als Schattenboxen bezeichnet wird.

          Soo flog nach Hause, einen seiner Schüler ließ er in Frankfurt zurück, um Interessierten Unterricht zu geben. Der Sportstudent Weber war wie ein Schwamm, sog alles auf und bekam alsbald von seinem ersten Lehrer die Aufforderung: „Geh nach England, geh zu Chee Soo, damit du in die Künste reinkommst.“ Und Weber ging für ein erstes Jahr nach London.

          Von da an klebte er seinem Meister an den Fersen. Jeden Abend gab es vier Stunden Unterricht, er folgte Chee Soo zu Vorführungen und Lehrgängen quer durch Großbritannien. Zwischendurch kam er heim, um Geld zu verdienen, hinter dem Steuer, mit Personenbeförderung. Das Taxifahren war nicht mehr nur Broterwerb, es wurde für Weber zum Bindeglied zur Lehre seines Tai-Chi-Meister, zum Vehikel, ihre Gültigkeit im Alltag zu überprüfen. Chee Soo stehe für die taoistische Richtung, dafür, dass alles im Fluss sei, sagt Weber. Und das Taxifahren habe ihm gezeigt, „dass die soeben getroffene Entscheidung entscheidend ist dafür, wie die nächsten Momente verlaufen“. Ein Beispiel nennt er auch: „Wenn du frei bist und auf eine Ampel zufährst, die gerade gelb wird, gibt es zwei Möglichkeiten: Du bremst, oder du fährst durch. Je nachdem wird der Abend einen ganz anderen Verlauf nehmen. Bremst du, bist du vielleicht nicht mehr der Erste am Halteplatz. Dann kommt eben ein anderer Gast, und der will wo ganz anders hin, als ein anderer gewollt hätte.“

          Ursprünge liegen in der Kampfkunst

          Während Weber das sagt, macht er mit den Händen fließende Bewegungen wie bei einer seiner Übungen. „Du bist immer eingebunden in Läufe. Du kannst ja den Lauf nicht anhalten.“ Das Taxifahren war für ihn wie das ganze Leben in einem kleineren Format, jeder Augenblick entscheidend für den nächsten. „Biegst du rechts ab, wird sich alles ganz anders entfalten, als wenn du links abbiegst.“ Und damit waren die vielen Stunden am Lenkrad für Weber Übungen.

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