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Tag der offenen Tür im Römer : Linkes Popcorn und Graf Zahl

Halboffen: Das Büro des Oberbürgermeisters darf fotografiert werden. Zu betreten ist es am Sonntag nicht. Bild: Kretzer, Michael

25.000 Bürger sind in den Römer gekommen, um beim „Tag der offenen Tür“ hinter die Kulissen des Frankfurter Rathauses zu schauen. Es stellt sich die Frage, warum die Veranstaltung nicht jedes Jahr stattfindet.

          Die Welt ist bunt, und am buntesten ist sie mitten in Europa. Einige hundert Fähnchen stecken im Zentrum des Kontinents, das selbstverständlich Frankfurt ist. Neben der „Welt-Stadt-Karte“ im Römer steht Manuel Stock. Sein Fähnchen hat der Grünen-Politiker nicht in den Welt-Teil der Karte gepinnt, sondern in den links davon gezeichneten Stadt-Teil, genau ins Westend. Dort kam Stock vor gut 32 Jahren zur Welt. Hausgeburt in einer WG. Seine politische Zukunft war fortan wohl alles andere als offen.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ganz im Gegensatz zu den Türen an diesem Sonntag, dem 44.„Tag der offenen Tür“ im Rathaus. Den Besuchern, deren Zahl die Stadt für das ganze Wochenende auf 25.000 schätzt, bleibt nahezu nichts verschlossen. Auch das Büro des Oberbürgermeisters hat immerhin offene Türen, allerdings hängt eine Metallkette davor, und außerdem versperrt ein rotes Tau den Eingang. „Kann man ja verstehen“, findet eine Frau in roter Daunenjacke, „nicht, dass noch was wegkommt.“ Das stimmt natürlich, aber eine andere Dame fragt sich, was überhaupt wegkommen könnte: „Das Büro ist ganz schön kahl.“

          Zentrum der lokalen Politik: der Römer in Frankfurt.

          Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Über Popcorn schon. Linken-Politikerin Carmen Thiele gibt anhand eines fraktionsinternen Popcornautomats drei Jungs Nachhilfe zur Funktion des Marktes. Die drei behaupten nämlich einfach, dass die Portion Popcorn am Samstag nichts gekostet habe – weshalb sie es nicht einsähen, am Sonntag zehn Cent zu entrichten. Doch Thiele lässt sich nicht bequatschen. Sie verweist auf das derzeit knappe Popcorn-Angebot in der Maschine und sagt, die Jungs könnten froh sein, wenn der Preis deshalb nicht noch steige.

          Im Plenarsaal ist kaum etwas los. So wenige Leute sind sonst nur im Raum, wenn der einzige NPD-Stadtverordnete zu einer Rede ansetzt. Fünfmal am Tag wird auf einer Leinwand ein Film über die Arbeit der 93 Stadtverordneten gezeigt. Doch gerade ist Pause. Ein junges Paar steht am Rednerpult und versucht, auf einen roten Knopf zu drücken. Das geht nicht, denn der Knopf ist nicht zum Drücken, sondern zum Leuchten da. Er zeigt an, dass die Redezeit abgelaufen ist.

          Wer Bürger erreichen will, muss sie treffen

          Im Ratskeller riecht es nach Wurst. Auf einer Bühne diskutieren vier Leute. Leider hört keiner zu. Die Moderatorin sagt soeben „Herr Doktor Winkler, äh, Herr Doktor Wolter“, und Herr Doktor Winkler-Wolter sagt dann: „Viele wissen das nicht. Aber viele Migrantinnen und Migranten beherrschen drei oder vier Sprachen.“ Das sei wichtig für seine Arbeit. Denn, so stellt sich heraus, Herr Doktor Winkler-Wolter heißt eigentlich Hans-Georg Wolter und arbeitet im Gesundheitsamt. Er freut sich immer, wenn ihm „in der persönlichen Gesundheitskommunikation“ Ehrenamtliche helfen, die sich mit den Patienten unterhalten können.

          Am Nachmittag werden die Gänge und Treppen belebter. Viele verbinden einen Spaziergang mit einem Sprung ins Rathaus. Wer kurz darüber nachdenkt, für was diese Stadt alles Geld ausgibt, fragt sich, warum 150.000 Euro für eine solche Veranstaltung nur jedes zweite Jahr zur Verfügung stehen. Wer Menschen, Bürger, Wähler erreichen will, muss sie treffen. Muss mit ihnen reden. Ist doch logisch.

          Klaus Oesterling klingt ein wenig sentimental. „Früher“, sagt der SPD-Politiker, „früher“ sei ein Tag der offenen Tür noch ein richtiger Tag der offenen Tür gewesen. Da hätten an einem Tag alle städtischen Einrichtungen ihre Türen geöffnet. Aber heute? Na ja. Jeder veranstalte einen eigenen Tag. Davon hält Oesterling nichts: unnötige Profilierung. Zwei Holzstände weiter in der Wandelhalle wartet die FDP. Sie verteilt sehr gelbe Taschen und fragt die Bürger nach ihrer Meinung. Wer die Frage, ob es richtig ist, die 150 Millionen Euro für die Schulsanierungen zu tätigen, ohne anderswo zu kürzen, auf einer Karte beantwortet, kann eine Kiste Wein gewinnen. Einer der FDP-Ansprechpartner trägt eine Graf-Zahl-Maske.

          Oben im Rathaus, abseits vom Trubel, empfängt Stephan Siegler die Gäste. Der neue Stadtverordnetenvorsteher von der CDU hat ein großes Bild in sein Büro gehängt. Es ist von Costa Bernstein. Siegler hat es gefallen, weil es Köpfe und Sprechblasen zeigt. „Viel heiße Luft, viel kalte Luft“, sagt er und grinst. In der Schwanenhalle gibt es „Hebräisch in zehn Minuten“. Wer will, kann seinen Namen auf einen Button bannen. Zu lernen ist, dass im Hebräischen die Vokale durch Symbole und bestimmte Konsonanten ersetzt werden. Nahe dem Ausgang wartet das Frauenreferat. Es geht um die Not der Frauen, aber es geht auch um geradezu Sprachphilosophisches, das jedes Nachdenken lohnt, denn dort heißt es: „Armut ist eine Frau.“

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