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Suizidprävention in Frankfurt : Den Ausweg aus dem Tunnel finden

Ausweg gesucht: Sich das Leben zu nehmen kann in extremen Situationen als zwangsläufig erscheinen. Bild: Picture-Alliance

Suizide sind unter jungen Leuten die zweithäufigste Todesursache. Viele wären zu verhindern. Das will das Netzwerk „Frans“ aus Frankfurt zeigen.

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          Er litt unter dem Mobbing der Mitschüler, sie verkraftete die Trennung von ihrem Freund nicht, er war verzweifelt, weil er durchs Abitur gefallen war – so oder ähnlich lauten die Erklärungen, wenn sich ein junger Mensch das Leben genommen hat. „Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit“, sagt Christiane Schlang, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum. Für einen Suizid oder einen Suizidversuch müssten zwei weitere Faktoren hinzukommen: eine entsprechende Persönlichkeit – denn um den natürlichen Lebenswillen zu übergehen, bedürfe es einer gewissen Aggressivität und Impulsivität – sowie eine körperliche oder seelische Beeinträchtigung.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schlang steht, als sie das erklärt, in der Aula des Goethe-Gymnasiums. Anlass ist der Welttag der Suizidprävention am 10.September. Vor der Ärztin sitzt der zehnte Jahrgang des Gymnasiums, später wird sie den Vortrag noch einmal vor Oberstufenschülern halten. Sie fragt, wie viele Menschen sich in Deutschland jedes Jahr das Leben nähmen. 4000, 6000, schätzen die Schüler. Im Jahr 2017 waren es 9253. Also mehr als die addierte Zahl der im Verkehr, an Aids, an Drogen und an Gewaltverbrechen Gestorbenen.

          Noch weit höher, vermutlich um den Faktor 20, ist die Zahl der Suizidversuche. Allein in Frankfurt seien es wohl jedes Jahr 2000, sagt Schlang. In der jungen Generation sei Selbsttötung die zweithäufigste Todesursache. Betroffen von Suiziden seien auch Freunde und Angehörige. Auf die rund 10.000 Menschen, die sich in Deutschland jährlich das Leben nähmen, kämen schätzungsweise 60.000, die davon in tiefe Trauer gestürzt würden.

          Das Klischee vom an der Welt gescheiterten Genie

          Mit alldem will sich das „Frankfurter Netzwerk Suizidprävention“, das den Tag im Goethe-Gymnasium organisiert hat, nicht abfinden. Das Netzwerk, das sich „Frans“ abkürzt und eine Initiative des Gesundheitsamts ist, greift die jährliche Zahl der Suizide im Titel seiner Kampagne „Zehntausend Gründe“ auf. Zu der Aufklärungskampagne gehört das Kreativprojekt „Ich krieg’ die Krise“, für das Nora Hauschild vom Gesundheitsamt in der Aula des Goethe-Gymnasiums wirbt. Bis Jahresende kann sich jeder mit einer Einsendung zum Thema beteiligen. Für dieses Wochenende geplant sind in Niederrad ein Infostand und am Mainufer eine Gedenkveranstaltung für die 98 Menschen, die sich im vergangenen Jahr in Frankfurt das Leben genommen haben.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

          Die Liste der Suizide in Literatur, Film und Popkultur ist lang – von den „Leiden des jungen Werthers“ über die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ bis zu den Youtube-Videos über den japanischen „Todeswald“ Aokigahara. Gemeinsam sei vielen dieser Darstellungen, dass der Weg zum Suizid als alternativlos dargestellt werde, teils sogar in heroisierender Form, sagt Psychotherapeutin Schlang. Ein Positiv-Beispiel sieht sie in den Berichten über Kurt Cobain. Anders als in ähnlichen früheren Fällen sei nach dem Tod des Nirvana-Sängers nicht das Klischee vom an der Welt gescheiterten Genie bedient, sondern zwischen künstlerischer Brillanz und selbstzerstörerischem Charakter getrennt worden. „Das eine ist von dem anderen unabhängig.“

          Noch wichtiger für die Prävention ist nach Meinung von Fachleuten die Darstellung von Fällen, in denen eine suizidale Krise erfolgreich überwunden wurde. Psychologen sprechen – im Gegensatz zum „Werther-Effekt“ – vom „Papageno-Effekt“: Der Vogelfänger aus Mozarts „Zauberflöte“ will sich aus Sehnsucht nach seiner Geliebten aufhängen, wird aber von drei Knaben davon abgehalten und kann seine Papagena letztlich doch in die Arme schließen.

          Ein Anstoß von außen

          Den Betroffenen komme der Weg zum Suizid oft wie ein Tunnel vor, sagt Schlang. Das entspreche aber nicht der Realität, denn auch scheinbar unlösbare Probleme und unaushaltbare Zustände seien überwindbar. Um das zu erkennen, bedürfe es aber oft eines Anstoßes von außen. Was Freunde und Angehörige tun können, erklärt Inga Beig, Psychologin und Koordinatorin für „Frans“ im Gesundheitsamt. Wichtig sei es, mit Mythen aufzuräumen. Zum Beispiel damit, dass man jemanden erst auf suizidale Gedanken bringen könne, indem man ihn darauf anspreche. Die allermeisten Betroffenen seien erleichtert, wenn sie Gehör fänden. „Reden kann Leben retten.“

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          Ein anderes Vorurteil sei, dass jemand „nur eine Show abzieht“ oder es „doch nicht ernst meint“. Acht von zehn Menschen, die sich umbrächten, hätten vorher darüber geredet, sagt Beig. Solche Ankündigungen seien weder Show noch Erpressungsversuche, sondern Hilferufe. Ein Argument, mit dem sie oft konfrontiert werde, sei das der Autonomie nach dem Motto: „Aber sie will doch sterben.“ Die Entscheidung zum Suizid falle jedoch nicht aus freiem Willen, sondern aus der Zwangslage einer tiefen Krise heraus. Die allermeisten wollten nicht wirklich sterben, sondern nur „so“ nicht weiterleben.

          Entscheidend ist, einen Ausweg aus dem Tunnel zu finden. Um dabei zu helfen, sollten nahestehende Personen vor allem eines tun: nachfragen. „Sie sollten zeigen, dass sie sich sorgen, und sich Zeit für das Gespräch nehmen.“ Wichtig sei es, weder panisch zu reagieren noch zu bagatellisieren. Ratschläge wie „Geh doch mal wieder in die Sonne“ oder vermeintlicher Trost wie „Mir ging es auch mal schlecht“ würden dem Problem meist nicht gerecht. Gefährlich sei es, Druck auszuüben oder nach dem Motto „Du traust dich ja doch nicht“ zu provozieren.

          „Am besten ist es vielleicht, selbst nicht viel zu sagen, sondern zuzuhören und das Leid auszuhalten.“ Vor allem sollten keine Versprechen wie „Ich bin immer für dich da“ gegeben werden, wenn sie nicht einzuhalten seien. In Situationen akuter Tötungsabsicht dürften die Betroffenen nicht allein gelassen, Hilfe müsse gerufen werden. Und bei allem habe der Helfer auch auf sich selbst zu achten: Niemand sei verantwortlich für das Handeln eines anderen.

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