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„Sudfass“ in Frankfurt : Käufliche Liebe und Kunstblumen

  • -Aktualisiert am

Präsentierteller: Auto Peter Zingler im „Sudfass”, dem er ein Buch gewidmet hat Bild: dpa

Im Bordell „Sudfass“ entspannten sich Bankdirektoren und Messegäste. Doch das fast 40 Jahre alte Haus soll verkauft werden. Peter Zingler würdigt es mit einem Buch.

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          Männer mögen Plastikblumen. So muss es sein, sonst sähe es im berühmtesten Bordell der Welt nicht so aus wie im Wohnzimmer einer kitschverliebten Großtante. Männer mögen, das ist wohl bekannter, auch Bier und Erdnüsse, deswegen stehen die im Frankfurter „Sudfass“ auf dem Tresen. Schnaps, Kaffee und noch mehr verspricht die kleine Getränkekarte. Männer mögen, und das ist die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg des Hauses, Frauen. Deshalb sieht der Bordellbesucher, lässt er seinen Blick schweifen, recht schnell nicht nur Plastikblumenarrangements und plüschige Sofas, sondern nackte Frauen. Echte und gemalte. Das kann man ordinär finden, oder man hält es wie Peter Zingler: Der nennt die echten Nackten „Damen“ und den Raum mit den auf die Zimmerdecke Gemalten „die sixtinische Kapelle“.

          Zingler hat gute Gründe dafür, das Etablissement zu preisen: Zum einen war er dort gern gesehener Gast und erinnert sich an manch schönen Abend mit den echten wie den gemalten Damen. Zum anderen hat er ein Buch über das „Sudfass“ geschrieben: „Ein Sachbuch, weil alles darin stimmt – mehr oder weniger“, sagte er gestern bei der Buchvorstellung am Ort des Geschehens. Der Autor behauptet, dass das Bordell an der Flößerbrücke das berühmteste der Welt sei. Der Superlativ ist verkaufsfördernd und von Zingler, allerdings nicht empirisch, belegt: „Wenn ein Australier seinen Freunden sagte, dass er nach Frankfurt fährt, sagten die: Geh ins ,Sudfass‘! Nicht: Geh ins Goethehaus!“

          „FKK-Sudfass“ steht zum Verkauf

          Nun hat Zingler sicher nur ausgewählte Herren befragt, doch außer Frage steht, dass das Haus Tradition hat und stets gut gefüllt war. Das gilt jedenfalls für die Zeit, als Dieter Engel die Geschäfte führte: von der Eröffnung 1971 bis Ende 2008. Seitdem ist das Bordell verpachtet, heißt „FKK-Sudfass“ und steht zum Verkauf. Dass es in den nächsten Jahren abgerissen wird, ist wahrscheinlich. Mit dem alten Laden hat es laut Zingler nur noch wenig zu tun.

          Arbeitszimmer: Prostituierte „Jenny” im Bordell „Sudfass” in Frankfurt
          Arbeitszimmer: Prostituierte „Jenny” im Bordell „Sudfass” in Frankfurt : Bild: dpa

          Doch die Sofas, Bilder und Betten sind geblieben. Fast kleinbürgerlich-bieder sieht mancher Winkel aus – selbst die Pole-Dance-Stange ist am oberen Ende mit einem Kränzchen aus künstlichen Blumen geschmückt. Dicke Teppiche, wuchtige Sessel und Blümchentapeten sorgen für Wohnzimmergemütlichkeit, und die Theke mit den Schnapsflaschen sieht so aus, als könnte hier sonntags auch Eisbein mit Sauerkraut bestellt werden. So weit geht der Service dann aber doch nicht – die Karte ist überschaubar, wahrscheinlich, weil die Herren ihr Geld für die Frauen und für die Getränke brauchen. Ein kleines Bier kostet fünf Euro, eine Piña Colada 20 und ein Glas Sekt gar 25 Euro. Früher, berichtet Zingler, habe schon der Eintritt 40 D-Mark gekostet, dafür gab es aber Kaffee, Wasser und Sauna umsonst.

          Überhaupt, die Sauna. Davon erzählt Zingler gern, denn dort begann seine Freundschaft mit Dieter Engel. Köln in den Sechzigern: Der junge Zingler wurde auf ein Werbeschild aufmerksam, es versprach „Sauna, täglich gemischt“. Männer und Frauen nicht getrennt, also viel zu sehen. Zingler ging hin – die Sauna war tatsächlich nur eine Sauna –, lernte den Betreiber Engel kennen und traf ihn fünf Jahre später wieder: im „Sudfass“, das der Kölner derweil in Frankfurt eröffnet hatte. Der Autor sieht im Bordellbetreiber einen „Romantiker“, denn er habe versucht, den Frauen durch die Sicherheit im Haus und finanzielle Absicherung aus dem großen Straßenstrich-Elend zu helfen. Vielleicht auch eine Romantisierung – doch Engel dachte sich etwa aus, die Männer erst durch einen Pool zu den Frauen schwimmen zu lassen. So wurden sie zwangsläufig sauberer.

          Sogar eine Sexualpädagogin befragt

          Dass es ihm nicht nur ums Geschäft geht, beweist auch seine Erotika-Sammlung, von der er den größten Teil allerdings inzwischen dem Beate-Uhse-Museum vermacht hat. Auch in seiner neuen Bar „Venusberg“ kann man einige Objekte begutachten – und natürlich im „Sudfass“, das durch die eher bizarren als kitschigen Figuren und Bilder fasziniert, die in jedem Winkel, an jeder Wand und in Vitrinen zu sehen sind. Was sich dazwischen abspielte, erzählt Zingler in seinem Buch „Rotlicht im Kopf“. So berichtet er etwa, dass Messegäste ihre Koffer im Bordell abstellten, tagsüber dienstlich unterwegs waren und „von abends bis morgens um sechs“ bei den Frauen weilten. 950 Prostituierte arbeiteten in den vergangenen 40 Jahren dort. Frankfurter Bankdirektoren verloren Tresorschlüssel im „Sudfass“, andere Gäste wurden im „Frankfurter Hof“ wiedergesehen – die Geschichte des Bordells erzählt auch viel über Frankfurt.

          Dass ausgerechnet Zingler dieses Buch verfasst hat, ist für das Haus ein Glücksfall. Der Autor, als „Ein- und Ausbrecher“ erfahrener Gefängnisinsasse, kam hinter Gittern auf die Idee, zu schreiben. Die Texte klingen nach Augenzeugenschaft: laut, lustig, ehrlich. Doch auch die wirtschaftliche Not vieler Prostituierter verschweigt Zingler nicht. Warum Männer ins Bordell gehen, will er in seinem Buch ebenfalls beantworten. Dafür hat er Kunden, Prostituierte und sogar eine Sexualpädagogin befragt. Und Zingler selbst? „Da kann ich sein, wie ich bin, muss keine Rolle spielen“, sagt er und schwärmt von Lina und Angelika. Die arbeiten hier allerdings schon lange nicht mehr.

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