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„Strickguerilla“ : Die kleine brave Schwester des Graffito

  • -Aktualisiert am

Wolllust: Eine von Guerillastrickern verzierte Bank im Rothschildpark. Bild: Maria Irl

In Amerika ist Handarbeit zum Teil der Subkultur geworden. Auch in Frankfurt schmücken „Guerrillastricker“ die Stadt mit Wolle.

          Von Weitem sehen die sieben Statuen im Frankfurter Rothschildpark ein bisschen wie Schiffbrüchige aus, deren Hüften und Brüste nur wenige fadenscheinige Stofffetzen bedecken. Eigentlich sind die Bronzestatuen von Georg Kolbe Akte, doch jemand hat ihnen grobmaschig gestrickte Bikinioberteile und Lendenschürzen umgehängt – als hätte er ein Problem mit deren Freizügigkeit.

          Der Schriftzug auf einem Aufnäher gibt an, dass die „Strickguerilla“ die Kunstwerke mit Wolle behängt hat. Auch die Lehne der Parkbank daneben hat ein Ringelmuster aus Wolle. In anderen Frankfurter Parks, auf Brücken und Straßen tragen Klettergerüste, Poller, Fahrradständer, Zäune und Schilder solchen Schmuck. Lange Zeit galt Stricken und Handarbeit als altmodisch, neuerdings ist es Teil der Subkultur.

          Statuen sind ein beliebtes Ziel der Stricker

          „Guerillaknitting“ (von „to knit“, zu deutsch „stricken“) heißt die neue Form der Straßenkunst, die 2005 in Texas aufkam und inzwischen in Städten auf der ganzen Welt zu finden ist. Mit anderen Varianten der Streetart haben die Strickkünstler gemein, dass sie den öffentlichen Raum mitgestalten und Passanten zum Schmunzeln oder Nachdenken bringen wollen. Anders als Graffiti- oder Schablonensprüher machen sie sich nicht der Sachbeschädigung schuldig und müssen keine Strafverfolgung befürchten. Denn ihre Werke lassen sich leicht wieder entfernen – meist genügt eine Schere.

          Mit der Aktion im Rothschildpark sind ihr die Leute von der Frankfurter Strickguerilla zuvorgekommen, wie die junge Frau mit dem Künstlernamen Qucma sagt, das ähnlich wie „Guck mal“ ausgesprochen wird. Statuen sind ein beliebtes Ziel der Stricker; bis vor einigen Tagen trug der metallene Fischer an der Friedensbrücke bunte Stulpen. Dass die kreativen Mitstreiter manchmal dieselben Ideen hätten, störe sie nicht weiter, sagt Qucma.

          Es machen auch Männer mit

          Die gebürtige Spanierin beschäftigt sich viel mit Kunst, malt, fotografiert und töpfert. Stricken hat sie von ihrer Großmutter gelernt. Auf die neue Strömung war sie durch das Buch „Yarnbombing“ von Magda Sayeg gestoßen, die als Begründerin der gestrickten Straßenkunst gilt. Die Fotos von Sayegs farbenprächtigen Strickwerken – in Wolle gehüllte Lüftungsrohre bis zu Kleinwagen – verbreiteten sich rasch im Internet und haben sie zur Szenegröße gemacht.

          Als eine der ersten Frankfurter begann Qucma im vergangenen Herbst, hier und da eine gehäkelte Blume an Geländer oder Zäune zu binden und suchte über Facebook Gleichgesinnte. Nun sitzt sie mit den Künstlerinnen Raketa und Puttis in einem Café in Bornheim, strickt und plant gemeinsame Aktionen. Mit den Leuten der Frankfurter Gruppe „Strickguerilla“, bei der auch Männer mitmachen, stehen die befreundeten Frauen in Verbindung.

          Ein Schild „bestrickt“

          Ein wenig erinnern die Objekte und der Antrieb der drei Straßenkünstlerinnen an den Flowerpower-Gedanken der sechziger Jahre. Vor Puttis liegt ein Peace-Zeichen in Neonfarben auf dem Tisch. Es gehe darum, den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und die harte, graue Welt etwas bunter und weicher zu machen, meint sie. Qucma findet es wichtig, die Gestaltung öffentlicher Orte mitzubestimmen. Radikale Protestkultur lehne sie aber ab: „Das schöne am Guerillaknitting ist eben, dass es keinen Ärger bereitet.“

          Raketa, die Mutter zweier Kinder ist, erzählt, dass sie in einem Wohngebiet ein Schild „bestrickt“ habe, welches das Fußballspielen auf der Wiese verbiete. Jetzt sei dort nur noch „Fußballspielen“ zu lesen, und das gefalle ihr.

          Viele Woll-Accessoires finden sich in Frankfurt dort, wo es auch ohne sie schon angenehm ist

          Für viele Vertreter der Strömung steht nicht die künstlerische Seite im Vordergrund. Sie wollen eine Spur hinterlassen, kommunizieren und Spaß haben. Der Künstlerin Ute Lennartz-Lembeck, deren eingehäkelte Trauerweide im Mai Titelbild dieser Zeitung war, ist hingegen wichtig, dass „ein gewisses Konzept dahinter steht und es auch handwerklich gut gemacht ist“.

          Im Günthersburgpark stehen Kinder um einen Poller herum und zerren an dessen wollenen, farblich nicht allzu geschmackvollen Überzug. Dann verlieren sie das Interesse und laufen zum Spielplatz. Niemand scheint die einer Socke oder einem Kondom ähnelnde Hülle zu stören. Im Rothschildpark dreht sich ein älterer Herr noch einmal verwundert um, als er an der bunt bestrickten Parkbank vorbeigeht. Parks zählen ohnehin nicht zu den unansehnlichen Orten der Stadt – das ließe sich auf den Anspruch, die Stadt zu verschönern, einwenden. Viele Woll-Accessoires finden sich in Frankfurt dort, wo es auch ohne sie schon angenehm ist: in Bornheim, am Mainufer und in verschiedenen Grünanlagen.

          Noch nicht wie in London

          Mit der Bezeichnung „Yarnbombing“, wie die Aktionen der Strickguerrilleros auf Englisch genannt werden, übernehmen diese Begriffe der Graffitisprüher. „Bombing“ bezeichnet das Malen mit Sprühdosen, bei dem schnell und mit viel Farbe gearbeitet wird. Die Namensschildchen, die manche Stricker an ihren Werken hinterlassen, erinnern an die „Tags“ im Graffiti, die Signaturen der Inkognito-Künstler. Zählte man das Guerillaknitting zur Familie der Graffitikunst, könnte man es als dessen brave kleine Schwester bespötteln.

          Mit komplett umstrickten Telefonzellen wie in London kann Frankfurt seine Passanten aber nicht überraschen – zumindest noch nicht. Die Aktionen der Guerillastricker beschränken sich auf Zierden an Geländern, gehäkelte Spinnennetze in Bäumen oder Kleidungsstücke für Statuen. Aber wer weiß: Vielleicht wird im Untergrund ja schon an einem wollenen Vorhang für den hässlichen Bauzaun vor dem Schauspielhaus gestrickt.

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