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F.A.Z.-Bürgergespräch : Rekonstruktionen in Frankfurt sorgen für Zündstoff

  • -Aktualisiert am

Abreißen und neu bauen: Rekonstruktionen in Frankfurt werden heiß diskutiert. Bild: Wiesinger, Ricardo

Für die neue Altstadt gibt es großes Lob, selbst Gegner haben sich überzeugen lassen. Trotzdem bleibt umstritten, ob sich die Stadt noch weitere Rekonstruktionen leisten soll.

          Das, was seit ihrer Eröffnung zur Altstadt noch zu sagen ist, und was auch die Gäste des Bürgergesprächs dieser Zeitung dazu zu sagen hatten, ist schnell zusammengefasst: Experiment gelungen, Stadt lebt.

          Selbst Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums, anfänglich ein großer Gegner des Vorhabens, hat sich umstimmen lassen: Die Rekonstruktionen der mittelalterlichen Häuser erwärmten sein Herz zwar weniger, aber: „Es ist ein beeindruckendes Erlebnis, den Raum, der entstanden ist, zu durchschreiten.“ Schmal war einer von fünf Experten, die sich Matthias Alexander, Leiter der Rhein-Main-Zeitung, und sein Kollege Rainer Schulze am Donnerstagabend ins Stadthaus eingeladen hatten, um mit ihnen die Frage „Und was rekonstruieren wir als nächstes?“ zu diskutieren. Mit dabei waren außerdem Michael Guntersdorf, Geschäftsführer der Dom-Römer GmbH, Architekt Marc Jordi sowie die beiden Stadträte Mike Josef (SPD) und Jan Schneider (CDU).

          Guntersdorf gab zu, dass ihm das viele Lob, dass er für das neue Stadtquartier höre, beinahe unheimlich sei. Dennoch fügte er selbst eines hinzu: „Die Altstadt sieht in der Realität noch besser aus als vorher in der Simulation. In den meisten Fällen ist das leider umgekehrt.“

          Ganz so wie bei anderen Bauvorhaben auch sind die Aufgaben, mit denen sich sein Team herumschlägt, seitdem die Bauzäune gefallen sind. Je mehr Eigentümer ihre Wohnungen übernehmen, desto länger wird die Liste an Mängeln, die sie melden. Trotzdem gehe es voran. Noch in diesem Monat, sagte Guntersdorf, werden die ersten Geschäfte eröffnen. In der Braubachstraße sind ein Mode- und ein Blumengeschäft fast fertig eingerichtet, in den Häusern am Markt werden die Kulturothek, eine Vinothek und ein Schmuckgeschäft die Pioniere sein. Zum großen Eröffnungsfest im September sollen drei Viertel aller Läden in Betrieb sein. Die „Goldene Waage“, in der das Stoltze-Museum unterkommen soll, werde bis zum Jahresende fertig.

          Keine weiteren Wiederherstellungen

          Und dann? Was tun mit der Euphorie darüber, dass alles so gut gegangen ist? Die Antworten darauf fielen auf dem Podium wie im Publikum weit weniger einhellig aus. Die Idee, dass das gerade mal fußballfeldgroße Quartier eine Blaupause für alle weitere Stadtplanung werden könnte, verwies Planungsdezernent Josef ins Reich der Träume: „Die Altstadt ist ein Bau ohne wirtschaftlichen Druck. Das ist ein Sonderfall.“ Die Entscheidung für das Vorhaben, in das am Ende rund 130 Millionen Euro Steuergeld geflossen sein werden, ist lange vor seiner Amtszeit gefallen. „Unter den heutigen Bedingungen hätte ich mich aber dagegen ausgesprochen. Das Geld wird in der wachsenden Stadt anderswo dringender gebraucht.“

          Folgerichtig hält Josef nichts davon, noch weitere im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gebäude oder gar Quartiere wiederherzustellen. Damit lag er auf der Linie des Architektur-Experten Schmal: „Ich halte es nicht für zielführend, weitere große Rekonstruktionsprojekte zu planen.“ Guntersdorf mahnte zumindest zur Besonnenheit. Man könne über „punktuelle Stadtreparaturen“ nachdenken. „Aber weitere größere Rekonstruktionsnester würden das Geschaffene entwerten.“ Jordi, dessen Büro zwei Häuser für die Altstadt geplant hat, empfahl den Frankfurtern eine Denkpause von fünf Jahren. Baustadtrat Schneider brachte hingegen die Originale ins Spiel: „Wenn wir das Geld haben, dann sollten wir es für die historischen Gebäude ausgeben, die wir in der Stadt noch haben, statt Verschwundenes zu rekonstruieren.“

          So klug das klang, im Publikum ließ sich von diesem Argument nicht jeder überzeugen. Von dort kam gleich eine ganze Reihe an Vorschlägen, wo sich die Stadt wieder mit altem Glanz schmücken sollte: die Alte Börse auf dem Paulsplatz etwa, das Salzhaus am Römerberg, die Rathaustürme, das Dach der Kämmerei. Ganz oben auf dieser Wunschliste standen das frühere Schauspielgebäude und die Paulskirche. Beide Gebäude müssen saniert werden. Die Anhänger vormoderner Baustile halten die Gelegenheit deshalb für günstig. „Haben Sie den Mut, die Paulskirche wieder in den Zustand von 1848 zu versetzen. Das wäre wunderbar, um sich vorstellen zu können, wie die ersten deutschen Demokraten damals beieinander saßen“, forderte etwa Cornelia Bensinger von der Initiative Pro Altstadt.

          Abriss der Paulskirche wird teuer

          Für Schneider geht es bei beiden Gebäuden allerdings weniger um Mut, sondern um technische Fragen. „Die Doppelanlage der Bühnen ist ein sehr komplexer Zweckbau, der funktionieren muss.“ Würde man den alten Gründerzeitbau, von dem Teile hinter der modernen Fassade noch existieren, entstünde aber kein Gebäude für die Städtischen Bühnen. Der Altbau wäre schlicht zu klein. „Das hieße, wir müssten neue Gebäude für Oper und Schauspiel errichten und dann noch das Geld für die Rekonstruktion ausgeben“, bremste der CDU-Politiker die Euphorie.

          In Bezug auf die Paulskirche pflichtete er den Kritikern bei, dass die Ausstellung darin der historischen Bedeutung des Gebäudes nicht angemessen sei. Schneider schlug vor, nebenan im Kämmerei-Gebäude ein Besucherzentrum samt moderner Ausstellung einzurichten. Das Innere der früheren Kirche wieder in den Zustand der Vorkriegszeit zu versetzen, lehnte er hingegen ab. „Der Wiederaufbau der Paulskirche ist das erste föderale Projekt der Bundesrepublik“, verteidigte er die schlichte Inneneinrichtung. Zudem habe sich inzwischen herausgestellt, dass das Dach noch intakt ist. „Es aus rein ästhetischen Gründen abzureißen und ein teures Kuppeldach zu bauen, wäre den Steuerzahlern wohl nur schwer zu erklären.“

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