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Bockenheim : Zu viele Köche auf dem Kulturcampus

Zurückgeblieben: Auf dem Campus Bockenheim lernen nur noch wenige Studenten - er soll zum Kulturcampus werden. Bild: Helmut Fricke

Die Universität macht in Bockenheim Platz für Kultur und Wohnen. Doch viele wollen etwas von dem Areal abhaben. Es geht nur sehr langsam voran.

          Auf dem Campus Bockenheim ist es ziemlich still geworden. Das Brummen einer Bohrmaschine ist das Einzige, was die Ruhe an diesem Mittag stört. Es ziehen nur noch wenige Studenten in den Pausen zwischen den Gebäuden umher und plaudern über Professoren und Klausuren. Die Universität ist beinahe fort. Die meisten Studenten lernen inzwischen auf dem Campus Riedberg und im Westend, wo die Universität mit dem IG-Farben-Haus lange schon ihr neues Hauptgebäude hat. Als vor etwa sieben Jahren feststand, dass die Uni das Gelände verlassen wird, entschloss sich die Stadt, auf dem Grundstück an der Bockenheimer Warte einen Kulturcampus zu machen. Entschieden wurde, dass die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst nach Bockenheim ziehen soll, außerdem sollen dort Wohnungen gebaut werden. Mancherorts haben die Arbeiten auch begonnen – seit gut einem Monat zum Beispiel auf dem ehemaligen AfE-Gelände, wo Hotel- und Wohntürme entstehen.

          Damals meldeten viele Institutionen Interesse an dem Standort an: Das Offene Haus der Kulturen begeisterte sich für das Studierendenhaus, einige Bürger wollten Sozialwohnungen im Philosophicum errichten, private Investoren interessierten sich für Hochhausgrundstücke. Und die Kultureinrichtungen, zum Beispiel das Frankfurt Lab und das Ensemble Modern, witterten die Chance, endlich einen zentralen Ort für sich zu bekommen. Um das Gelände zu entwickeln, kaufte die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG das Areal vom Land Hessen und die Stadt aktualisierte den Bebauungsplan. Doch wenn viele mitspielen wollen, dauert das Spiel eben länger. Dass es allerdings so lange dauern würde, den Kulturcampus zu verwirklichen, hätten wenige gedacht. 2016 sollte das Areal fertig werden. So viel zur Theorie.

          Die endgültige Räumung könnte bis 2022 dauern

          In der Praxis wird es wohl noch mindestens bis 2021 dauern, bis das Areal so umgestaltet worden ist, wie es geplant wurde. Viele Gebäude sind noch nicht frei; die Uni braucht durch die höheren Studentenzahlen immer noch einige Räume und kann erst ausziehen, wenn auf dem Riedberg alles fertig ist, wie eine Sprecherin des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst sagt. Erst sollte das 2016 der Fall sein, dann 2021. Inzwischen hat die Universität angekündigt, dass es sogar noch bis 2022 dauern könnte, bis etwa das Juridicum für die Musikhochschule frei wird. Und erst wenn alles geräumt ist, können auch die Wohnprojekte dort beginnen.

          Der Labsaal, die ehemalige Mensa, ist schon leer. Da der Entwickler Lang & Cie. mit dem Bau der geplanten Büro- und Gewerbeflächen erst beginnen kann, wenn auch die umliegenden Häuser leerstehen, sind zurzeit noch Flüchtlinge dort untergebracht, wie ABG-Chef Frank Junker erläutert. Die Gesellschaft hat bisher schon etwa 200 Wohnungen an der Bockenheimer Warte gebaut. Damit schon bald weitere Wohnungen hinzukommen, sucht das städtische Unternehmen mit der Universität nach einem Weg, um die Gebäude an der Gräfstraße schneller freizugeben.

          „Wo der geförderte Wohnraum entstehen soll, ist total unklar“

          Das ist alles zu spät, wie Anette Mönich findet. Sie wohnt schon lange im Viertel und engagiert sich in der „Initiative Zukunft Bockenheim“. Mit der Entwicklung, die der Kulturcampus nimmt, ist sie nicht glücklich. Die Verzögerung ist die eine Sache – Mönich würde sich wünschen, dass die Uni eine Zwischenlösung sucht, um schneller Platz für Wohnungen auf dem Areal zu schaffen. Die andere, wichtigere Sache für sie ist, dass es ihrer Meinung nach langsam eng wird auf dem Campus: In einem Vertrag zwischen ABG und Stadt ist festgelegt, dass 40 Prozent der Fläche des alten Campus zu Wohnungen werden sollen, knapp ein Drittel davon gefördert. Doch Mönich bezweifelt, dass das noch erreicht wird. „Wir sehen, wie nach und nach alle freiwerdenden Gebäude an private Investoren verkauft werden. Wo der geförderte Wohnraum entstehen soll, ist total unklar“, sagt sie.

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