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Straßenwahlkampf : Mit Handkäs und Humor in den Bundestag

Schwieriges Geschäft: Die einen vertrauen auf die Kraft der Kanzlerin... Bild: Marie Katharina Wagner

Seit dem Wochenende ist der Straßenwahlkampf zur Bundestagswahl eröffnet. Die Vertreter der Parteien haben an ihren Infoständen Aufstellung genommen. Ein Rundgang.

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          Samstag, 11 Uhr, Merianplatz. Eugen Emmerling, der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Nordend-Günthersburg, setzt eine rote Kochmütze auf. Die Berger Straße ist noch ruhig, ein paar frühe Einkäufer schlendern vorbei. Emmerling schaltet das Mikrofon ein und sagt: „Den Handkäs hab ich selber eingelegt. Dazu nimmt man eine Vinaigrette, dann noch ein paar Zwiebeln drauf, und fertig. Das braucht man hier im Nordend zum Frühstück.“

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Die SPD hat sich für eine besondere Strategie entschieden. Raus aus dem Zentrum, wo am ersten Straßenwahlkampfwochenende die meisten anderen Parteien stehen, hinein in die Tiefe Bornheims. Und weg von den drögen Handzetteln, hin zum Handfesten: Äppler und Handkäs für alle.

          Rote Turnschuhe, rote Bluse, rote Ohrringe

          Dass Emmerling ein Mikrofon benutzt, wirkt seltsam, denn die vier, fünf Leute, die ihm zuhören, sitzen direkt neben ihm. Der polnische Honorarkonsul, Klaus Sturmfels, ist zum Frühstück gekommen, es wird über die deutsch-polnischen Beziehungen diskutiert und über die Missetaten der CDU-Politikerin Erika Steinbach. Sie hat den Frankfurter Wahlkreis, zu dem auch das Nordend gehört, bei der vergangenen Bundestagswahl direkt gewonnen.

          ...die anderen wagen Experimente – doch die Wähler interessieren sich für beide Arten der Wahlwerbung bisher nur wenig

          Während Emmerling gerade zum dritten Mal sein Rezept verrät – später erklärt ein Genosse, dass sich alle Themen an diesem Morgen wiederholen müssten, weil die Passanten ja vorübergingen –, hält ein alter, knallroter Feuerwehrbus am Merianplatz. Ihm entsteigt Ulli Nissen, die Kandidatin der SPD, die Erika Steinbach den Wahlkreis abnehmen möchte. In roten Turnschuhen, roter Bluse, mit roten Ohrringen setzt sie sich in die Runde, isst etwas Handkäs, redet über Entwicklungszusammenarbeit und darüber, dass es in Frankfurts Schwimmbädern keine Saisonkarten gibt.

          Ein rot verpacktes Kondom

          Ein paar Bornheimer mit Einkaufstaschen hören aus sicherer Entfernung zu, jetzt lohnt sich das Mikrofon. „Wir erwarten hier keinen Massenansturm“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Ortsvereins Nordend Zwei, Olaf Goldammer. „Aber wir wollen die Leute auch nicht zuballern mit Informationen.“ Vom nächsten Wochenende an werde die SPD aber natürlich auch einen Infostand im Zentrum haben.

          Auch die Linkspartei hält sich an diesem Wochenende noch fern vom Zentrum. Anders als die experimentierfreudigen Sozialdemokraten setzt sie aber auf den klassischen Infostand. Und auf Überzeugung durch Masse. „Habe ich nicht toll plakatiert? Die ganze Berger Straße ist rot!“ freut sich Ottmar Jacobi, ehemals SPD-Wähler, jetzt Mitglied der Linkspartei, ehemals Kneipier, jetzt 400-Euro-Jobber. Einen Passanten, dem er die Parteizeitung „Klar“ schon zugesteckt hat, fragt er: „Hast du eine Freundin?“ „Hier habt ihr was zum Spielen“, sagt er und lacht dröhnend in seinen Schnauzer, während er ihm ein rot verpacktes Kondom mit der Aufschrift „Lustvoll. Die Linke“ in die Hand drückt.

          Grüne Luftballons und Ahoi-Brause

          „Wir machen hier einen lustigen Stand“, erklärt Jacobi, „Humor ist wichtig, dann bleiben die Leute stehen.“ Tatsächlich hat er mit seiner Strategie Erfolg. Kinder, Jugendliche, Alte nehmen Bonbons mit, Luftballons, Geldkartenhalter, immer wieder wird auch nach Parteiprogrammen gefragt. Plötzlich radelt der für die französischen Grünen im Europaparlament sitzende Daniel Cohn-Bendit auf dem Fußweg am Stand vorbei. „Was zum Lesen?“ fragt Jacobi und streckt die Hand voller Material aus. „Kenn ich schon“, sagt Cohn-Bendit und fährt weiter.

          Vielleicht ist er auf dem Weg zum Main, um die Parteifreunde anzufeuern. Die hessischen Grünen starten beim Drachenbootrennen, der Partei- und Fraktionsvorsitzende Tarek al-Wazir trommelt den Takt. Den ersten Lauf gewinnen die Grünen – sie haben seit April trainiert. Es hätte ja auch komisch ausgesehen, wenn das Boot mit dem Namen „Green Energy“ als Letztes ins Ziel gekommen wäre, sagt Bastian Bergerhoff, der einer von zwei Vorstandssprechern der Frankfurter Grünen ist und am Liebfrauenberg grüne Luftballons, Broschüren und Ahoi-Brause verteilt.

          „Die Leute grapschen uns das weg“

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