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Strahlentherapie gegen Krebs : Die Krankheit als Kunstobjekt

Handarbeit: Martin Pudenz’ Fotografie macht Strahlentherapie sichtbar. Bild: Maria Klenner

Martin Pudenz hatte Krebs. Um seine Erfahrungen der Strahlentherapie zu verarbeiten, stellt er Bilder davon aus.

          3 Min.

          Mit dem Stift haben sie ihm ein dickes, schwarzes Kreuz auf die Hüfte gemalt. Unabwaschbar. Jetzt, dachte er, jetzt haben sie dich markiert. Als Krebspatient, als einer, dessen Leben für ein paar Wochen nur noch aus Strahlentherapie und Patientengesprächen besteht. Fotograf Martin Pudenz erkrankte vor zwei Jahren an Prostatakrebs. Damals entschied er sich, den Tumor mit Hilfe der Strahlentherapie zu bekämpfen. Aus der medizinischen Notwendigkeit, sechs Wochen in Folge Bestrahlungen über sich ergehen zu lassen, ist ein Kunstprojekt geworden. Eines, das in der Klinik für Strahlentherapie am Universitätsklinikum Frankfurt, Haus 14 B, zu sehen ist. Mit der Ausstellung will der 69 Jahre alte Künstler anderen Betroffenen Mut machen und ihnen zeigen, was er selbst erst lernen musste: Niemand ist mit seiner Krankheit allein. „Es geht in der Klinik zu wie in einem Taubenschlag“, sagt er.

          Marie Lisa Kehler

          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          120 bis 160 Patienten werden täglich in der Radioonkologie des Universitätsklinikums behandelt. Zwei Minuten dauert ein Bestrahlungsvorgang. 120 Sekunden in absoluter Bewegungslosigkeit. Die Markierungen auf der Haut zeigen an, wie sich der Patient positionieren muss, um eine punktgenaue Behandlung zu ermöglichen. Die schwarzen Kreuze auf bleicher Haut – ein Symbol, das Pudenz immer wieder in seinen Fotos aufgreift, immer wieder thematisiert.

           

          Im Wartezimmer, erinnert sich der Fotograf, habe stets ein Gefühl der Solidarität geherrscht. „Hier gibt es eine unausgesprochene Herzlichkeit. Jeder weiß einfach, dass er die gleiche Karte gezogen hat.“ Trotzdem: In dem großen, weißen Bestrahlungsgerät ist jeder allein. Mit sich, seinen Gefühlen und Ängsten. Auch das Bestrahlungsgerät hat der Künstler immer wieder zum Thema seiner Fotos gemacht. Er hat es verfremdet, eingefärbt, inmitten von Menschenmassen projiziert – ihm so das Bedrohliche genommen.

          14 Bilder des Fotografen hängen mittlerweile auf den Fluren der Station. Es sind teils farbenfrohe, teils abstrakte Bilder, die allesamt reale Behandlungsvorgänge zeigen. Sie bieten eine ganz andere, neue Sichtweise auf das Thema „Krebs“. „Hier wird nicht der leidende Patient gezeigt, die Bilder haben eine ästhetische Komponente“, sagt Radioonkologe Claus Rödel. „Martin Pudenz hat es geschafft, hochtechnisierte Medizin in Kunst zu verwandeln“, meint der Arzt.

          Rödel war es, der seinen Patienten ermutigte, das Projekt anzugehen. Während der sechswöchigen Behandlungszeit kamen der Fotograf und der Arzt immer wieder ins Gespräch. Manchmal redeten sie über den Krebs, häufig aber über Fotografie. Schließlich hat Pudenz sich als deutscher Porträt- und Landschaftsfotograf einen Namen gemacht. Er hat unter anderem Anthony Quinn, Zubin Metha, Joschka Fischer oder die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Vollhard porträtiert. Rödel hatte die Idee, gemeinsam mit dem Fotokünstler ein einzigartiges Kunstprojekt anzustoßen. Der Chefarzt kann sie nämlich nicht mehr sehen, die schlecht gerahmten und noch schlechter gedruckten Baumarkt-Kunstwerke, die sich in vielen Klinikfluren wiederfinden. „Die eine Hälfte sind Kandinsky-Drucke, die andere Blumen“, sagt er.

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          Dabei müsse man den wartenden Patienten doch etwas bieten, über das sie diskutieren könnten, etwas, in dem sie sich verlieren könnten. „Für mich war es spannend zu sehen, wie ein Patient diese Technik erlebt, die etwas Hochkompliziertes mit ihm macht“, sagt Rödel. Er erzählte seinem Patienten Martin Pudenz von seiner Idee, ein eigenes Kunstprojekt zu starten. Der erbat sich erst einmal zwei Wochen Bedenkzeit. Schließlich wollte er das Thema „Krebs“ eigentlich hinter sich lassen. Zugesagt hat er schließlich trotzdem. Aber nicht, ohne vorher ein genaues Konzept zu haben. Denn wie, so fragte er sich, soll er eine Fotoreihe über das Thema „Strahlentherapie“ machen, ohne den Bildern Schwere zu geben. „Ich wollte es nicht mit Patientenfotos, Trauer und Trübsinn enden lassen“, sagt Pudenz. Er entschied sich, die Fotos von Bestrahlungsmasken, den Markierungen auf der Haut und dem Bestrahlungsgerät so zu verfremden, dass sie auf den ersten Blick gar nicht als reale Therapiebausteine zu erkennen sind. „Die Kunst besteht darin, aus dem, was du fotografierst, etwas zu machen“, sagt er. „Man arbeitet wie ein Komponist.“

          Pudenz hat den Krebs besiegt. Von den Markierungen auf seinem Körper ist nichts mehr zu sehen. „Die Zeit war kein Zuckerschlecken“, sagt er. Das Thema Strahlentherapie begleitet ihn weiterhin. Denn es sollen noch mehr Bilder entstehen, die die Klinikflure schmücken. Und vielleicht, so hofft Chefarzt Rödel, können die Kunstwerke schon auf dem nächsten Radiologenkongress gezeigt werden.

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