https://www.faz.net/-gzg-pjej

„Stolpersteine“ : Landmarken der Deportation

  • Aktualisiert am

Über diese Stolpersteine stolpert kein Fuß - aber vielleicht das eine oder andere Gewissen eines Passanten. Aus diesem Haus sind Juden deportiert worden? Habe ich gar nicht gewußt, obwohl ich schon immer hier in diesem Viertel gelebt habe.

          Über diese Stolpersteine stolpert kein Fuß - aber vielleicht das eine oder andere Gewissen eines Passanten. Aus diesem Haus sind Juden deportiert worden? Habe ich gar nicht gewußt, obwohl ich schon immer hier in diesem Viertel gelebt habe.

          Jetzt kann es jeder lesen, der seinen Blick auf den Bürgersteig richtet, auf sechs messingglänzende Steine vor dem Haus Roseggerstraße 17 im Dichterviertel. "Hier wohnte Dr.Robert Cahn, Jg.1881, deportiert 1941, Kowno, Kaunas". Weitere Steine erinnern an Mathilde Cahn sowie Ludwig, Hanna, Rolf und Gerd Reinheimer. "Stolpersteine" - Steine gegen das Vergessen. Geschaffen hat sie der Kölner Künstler Gunter Demnig. Name, Geburtstag, Datum des Abtransports, Tag der Ermordung: in Handarbeit eingraviert auf eine zehn mal zehn Zentimeter große Messingplatte, diese über einen Pflasterstein gestülpt.

          Er ist an diesem Morgen nicht hundertprozentig konzentriert, der Erfinder der "Stolpersteine". Gunter Demnig, ein Mann mittleren Alters, gekleidet in eine Art Pfadfinderkluft mit breitkrempigem Hut und malerischem roten Halstuch, entschuldigt seine Versprecher vor den Schülern der 10a und 10b, die in der Aula der Anne-Frank-Realschule an der Fritz-Tarnow-Straße seinen kurzen Ausführungen lauschen, mit dem frühen Aufstehen: Er sei heute morgen aus Köln angereist. Aber dann findet Demnig doch noch die richtigen Sätze, schließlich hat er seine Geschichte schon unzählige Male erzählt: in Hamburg, in Freiburg, in Leipzig, in 54 deutschen Städten bisher. Wie er 1990 in Köln eine farbige "Erinnerungsspur" gelegt hat zum Ort der ersten Deportation in Köln, Mai 1940, ein Transport von Sinti und Roma in den Osten, eine Art Generalprobe für die späteren Judentransporte. Zigeuner? Hat's in unserem Viertel nicht gegeben, sagte damals eine Bewohnerin zu Demnig. Hat es aber doch, die Frau hat es nur nicht bemerkt oder hat es verdrängt. Und so kam der Künstler auf das Thema seines Lebens, auf die "Stolpersteine", über die das Bewußtsein der Zeitgenossen stolpern sollte. Es sind Erinnerungssteine im Bordstein geworden, weil Erinnerungstafeln an den Häusern kaum durchzusetzen sind. Die Hausbesitzer sind in der Regel dagegen, weil sie Ärger und eine Wertminderung ihrer Immobilie befürchten.

          Mehr als 4000 Erinnerungssteine hat Demnig bisher geschaffen. 95 Euro kostet ein Exemplar, in den meisten Fällen verlegt Demnig die Steine selber, finanziert werden die Aktionen in der Regel von Spendern. Die Sache ist längst ein Selbstläufer geworden, Demnig kann sich vor weiteren Bestellungen gar nicht mehr retten. Inzwischen habe er schon für November 2005 Termine für das Einfügen von Stolpersteinen verabredet, erzählt er den Schülern in der Anne-Frank-Aula. Die haben für diesen Anlaß ein Lied eingeübt, ein Lied, das von Anne Frank handelt, der Namensgeberin ihrer Schule, einem Mädchen aus Frankfurt, das in Amsterdam verhaftet und von dort aus deportiert worden ist. "Drei Jahre lebte sie dort und träumte von einem anderen Ort." 18 Mädchen und Jungen umfaßt der Chor, weit mehr als die Hälfte - man sieht es an den Gesichtern und der Hautfarbe - sind Ausländerkinder oder Kinder, deren Eltern oder Großeltern Zuwanderer gewesen sind. Was sie wohl denken? Wissen sie, daß auch sie in jener unseligen Zeit vermutlich aufs höchste gefährdet gewesen wären?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mini Cooper SE : Minimaler Stromschlag

          Mini schickt sich an, ein vollelektrisches Modell auf den Markt zu bringen. 200 Kilometer Reichweite für 32.500 Euro – da darf man maximal gespannt sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.