https://www.faz.net/-gzg-967gj

Stillstand nach dem Sturm : Im Auge des Orkans

Als Notunterkunft stellt die Bahn Aufenthaltszüge zur Verfügung. Bild: EPA

Orkantief „Friederike“ legt den Fernverkehr in Deutschland lahm. Auch am Frankfurter Hauptbahnhof, wo sonst munteres Treiben herrscht, bemühen sich die letzten Gestrandeten um die Heimreise – ganz zur Freude der Taxifahrer.

          2 Min.

          Gerade waren die beiden noch in Thailand gewesen, Inselhopping mit Rucksack bei 33 Grad, jetzt stehen sie verdattert auf dem Querbahnsteig im Frankfurter Hauptbahnhof. Dass in Deutschland alles so gut funktioniert, darauf hatte sich das junge Pärchen nach drei Wochen Asien gefreut, aber hier ist funktioniert gerade gar nichts. Orkan „Friederike" hat den Frankfurter Hauptbahnhof, einen der wichtigsten im Land, quirlig, laut, umtriebig, zu einem Ort der Stille gemacht, keine Durchsagen, keine rennenden Fahrgäste, und am schlimmsten: keine Züge. Nur ein paar, die in die nähere Umgebung fahren. Doch von den ICE, die sich sonst auf den Weg nach Hamburg, Berlin oder München machen, ist nichts zu sehen. Die Deutsche Bahn hat den Fernverkehr am Nachmittag bundesweit eingestellt, und so hat das Herz des deutschen Eisenbahnbetriebs, der Bahnhof in der Mainmetropole, mit einem Mal aufgehört zu schlagen.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Es ist nach zehn Uhr abends, kein Zug nirgends, auch keiner nach Stuttgart, wohin das junge Pärchen an diesem Abend nach der Landung mit dem Flugzeug am Frankfurter Flughafen noch wollte, bloß die ernüchternde Mitteilung einer Mitarbeiterin der Deutschen Bahn am Informationsschalter, an eine Ersatzfahrt mit dem Taxi auf Kosten des Staatskonzerns in die baden-württembergische Landeshauptstadt sei mit nur zwei Fahrgästen nicht zu denken, drei müssten es schon sein oder besser vier, sonst werde es zu teuer.

          Ein schwacher Trost für die Weltreisenden, dass es andere nicht besser getroffen hat, die junge Italienerin, die gerade als einzige nach Köln will und daher ebenfalls kaum eine Aussicht auf eine bezahlte Taxifahrt hat, den Mann, der nach Kassel möchte, und die etwas ältere Frau, die auf dem Weg von Memmingen nach Berlin in Frankfurt gestrandet ist, leider ebenfalls allein und nicht mit einer Kleingruppe. Sie alle stehen etwas ratlos herum, die Hotels rund um den Hauptbahnhof, mit denen die Deutsche Bahn einen Vertrag hat, sind längst ausgebucht, die zwei ICE auf den Gleisen 4 und 5, die als „Aufenthaltszüge“ ausgewiesen sind und ein bescheidenes Nachtasyl bieten, erscheinen vorerst niemandem als Alternative.

          „Maybe tomorrow“

          Am Nachmittag war es hier am Informationsschalter noch turbulent zugegangen, als die Damen und Herren der Deutschen Bahn auch schon Taxifahrten organisierten, da ging nicht nur ein Finger hoch, wenn „Stuttgart„ aufgerufen wurde oder „Köln“, und nicht weniger nervös als die Fahrgäste waren die Frankfurter Taxifahrer, von denen nicht wenige dem Orkan das beste Geschäft seit langem verdanken. Jetzt verläuft es sich, kein Abend für gute Geschäfte, im Zeitschriftenladen ist nichts los, der Mann mit den langen Haaren, der auf dem Klavier spielt, das seit einigen Monaten in der Bahnhofshalle steht, und auf milde Gaben hofft, guckt auch nicht glücklich drein.

          Die Bahnkunden haben viele Fragen, aber auch die Bahnmitarbeiter können nicht in die Zukunft gucken, „maybe tomorrow“ wird ein ausländischer Fahrgast belehrt, der angestrengt dreinblickt, weil er nicht weiß, wie er nach Osnabrück kommen soll, selbst wenn sich am Freitagmorgen der Sturm gelegt habe, müssten doch erst noch die Strecken mit dem Hubschrauber abgeflogen werden, bis sich wieder Züge auf den Weg machen könnten, sagt ein Beschäftigter der DB einem anderen Fahrgast, der wissen will, wann denn all das ein Ende hat.

          Die junge Mitarbeiterin des Konzerns, die Herrin über die Freifahrtscheine fürs Taxi ist, hat ein Erbarmen, „das Pärchen bringe ich noch nach Stuttgart“, sagt sie, dann eben nur zu zweit, aber der Italienerin, die als einzige nach Köln will, bleibt nur der stehende Zug auf Gleis 4 für die Nacht. Ein Fahrgast hat noch ein Hotel im Frankfurter Westend gefunden, er fragt nach dem Weg. Es geht auf die elf zu, allen fehlt die Kraft, sich noch aufzuregen über die Malaise, am Freitag wird es irgendwie weitergehen, man wird das Herz der Deutschen Bahn irgendwie wieder in Gang setzen. Vorerst aber: Der Frankfurter Hauptbahnhof ohne Fernverkehr, das hat es lange nicht gegeben, nicht quirlig, nicht umtriebig wie sonst. 23 Uhr sind vorbei, so kennt man es hier gar nicht, mancher schaut sich irritiert in dieser ungewohnten Welt um. Im Auge des Orkans wird es stiller und stiller.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald und Melania Trump am vorigen Mittwoch in Washington

          Trumps Impeachment-Prozess : Mehr Zeit für neue Skandale

          Der Impeachment-Prozess gegen Donald Trump soll erst am 9. Februar eröffnet werden. Bis dahin hoffen die Demokraten auf neue Skandale, die der Anklage weitere Munition liefern.
          Mehr Unterstützung aus Washington: Amerikanische Forscher von Regeneron arbeiten am experimentellen Antikörper-Medikament.

          Antikörper-Medikament : Was auch bei Trumps Genesung half

          Ein amerikanisches Antikörper-Präparat erhält eine Notzulassung, 200.000 Dosen kauft die Bundesregierung. Deutsche Wissenschaftler vermissen Unterstützung bei ihrer Forschung – so würden Chancen verpasst, kritisieren sie.
          Verrammelt und verriegelt: Das Lamb & Flag in London (Symbolbild)

          Großbritannien : 10.000 Pubs und Restaurants schließen

          Großbritanniens Gastronomie ist von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Während große Ketten sich frisches Kapital beschaffen, gehen die Kleinen unter.
          Aggressiv, schamlos, schnell gekränkt, selbstverliebt: Besaß Trump die Reife für sein Amt?

          Egozentrisch und rücksichtslos : Wenn der Partner ein Narzisst ist

          Narzissten wollen immer heller strahlen als ihr Gegenüber. Dafür ist ihnen meist jedes Mittel recht: Manipulation, Beschimpfungen und dreiste Lügen. Woran merkt man, dass einem das in der eigenen Beziehung widerfährt – und wie geht man damit um?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.