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Corona-Pandemie : Krisenzeit ist Frauenzeit

Das Sichkümmern als Beruf: In der derzeitigen Corona-Krise sind stereotype Verhaltensweisen bei Müttern besonders gut zu beobachten (Symbolbild). Bild: dpa

Die Frauendezernentin und Frauenreferatsleiterin der Stadt Frankfurt sorgen sich um die Rolle der Frau in der Corona-Zeit. So werde es derzeit mit einer Selbstverständlichkeit hingenommen, dass Väter ins Büro gehen und Mütter sich um ihre Kinder kümmern.

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          Am Anfang sagt Gabriele Wenner, darüber müsse sie erst eine Weile nachdenken. Aber dann benennt die Leiterin des Frauenreferats doch aus dem Stegreif etliche Nachteile für Frauen in der Corona-Zeit. Sie beginnt mit den stereotypen Verhaltensweisen, die gerade gut zu beobachten seien: Frauen kümmern sich. Um den Haushalt. Um die Kinder, die zurzeit fast immer zu Hause sind. Um die alten Eltern, die zurzeit nicht einkaufen gehen.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer jetzt einwendet, das sei nicht unbedingt ein Nachteil, sondern eine Entscheidung, die jede Familie für sich selbst treffe, der hätte es bei Wenner schwer. „Das Private ist politisch.“ Aus ihrer Sicht schadet das Sichkümmern den Frauen. Denn es werde gesellschaftlich nicht anerkannt. Das führt sie zum nächsten Punkt: dem Sichkümmern als Beruf. Auch „die professionelle Care-Arbeit“ erledigten vor allem Frauen. Obwohl Pflegerin gerade in Pandemie-Zeiten ein wichtiger und belastender Job sei, vergüte der Staat die Arbeit bisher nicht angemessen. „Vielleicht gibt es einen Bonus von 1000 Euro.“

          Außer dem privaten und dem beruflichen Kümmern verweist Wenner auf eine dritte, besonders bedrohliche Gefahr für Frauen: die häusliche Gewalt. In anderen Ländern habe diese jüngst zugenommen, weil Familien stärker auf sich selbst geworfen waren. In Frankfurt sei das bisher nicht sichtbar. Das Referat hat sich aber darauf vorbereitet, dass es bald mehr weibliche Opfer geben könnte. Eine andere Gefahr ist durch die Lockerungen gesunken. Als die Läden noch geschlossen waren, hat Wenner in der Stadt Männergruppen beobachtet, die ein „großes Bedrohungsgefühl“ bei Frauen auslösten.

          Wenner hat viel über den frauenpolitischen „Rückschritt durch Corona“ gelesen. Zum Beispiel die gleichnamige Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Demnach haben in Familien mit Kindern unter 14 Jahren 27 Prozent der Mütter die Arbeitszeit in der Corona-Krise reduziert, aber nur 16 Prozent der Väter. Von den Paaren, die sich die Sorge-Arbeit vorher fair geteilt haben, setzen das nur 60 Prozent fort. Wenner lobt auch ein Papier des Deutschen Frauenrats. Der Verband fordert, alle Finanzausgaben infolge der Pandemie daraufhin zu prüfen, welche Auswirkungen sie auf Männer und Frauen haben. Zudem gehörten mehr Frauen in die jetzt wichtigen Entscheidungsgremien. Damit nicht mehr gelte: „Krisenzeit ist Männerzeit.“

          Viele Frauen schlüpfen schnell in alte Rollen

          Das treibt auch Rosemarie Heilig um. „Frauen leisten gerade jetzt einen großen Beitrag für die Gesellschaft, der nicht honoriert wird“, sagt die Frauendezernentin von den Grünen. „Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.“ Frauen seien in der Pandemie „die Gelackmeierten“. Die Politikerin beobachtet aber auch mit Sorge, dass viele schnell wieder in die alte Rolle schlüpften. Das beschäftigt Heilig auch als Biologin: Warum rennen Kinder, deren Vater jetzt ebenfalls zu Hause bleibt, trotzdem zuerst zur Mutter? Weil sie schon an deren Brust lagen? Oder weil die Mutter im normalen Alltag für sie zuständig ist?

          Vor allem aber ist die Stadträtin desillusioniert. Sie stellt sogar die Leistung der Frauenbewegungen von vor 100 und 50 Jahren in Frage. „Was haben die überhaupt gebracht, wenn durch die Corona-Krise wieder aufflammt, was sie jahrzehntelang bekämpft haben?“ Viele sprächen nun von einem Rollback. Für Heilig ist die Frage grundsätzlicher: „Haben wir überhaupt etwas erreicht? Oder war das nur ein Gefühl, weil ein paar Frauen in Führungspositionen gekommen sind?“ Sie erschüttere die Selbstverständlichkeit, mit der jetzt hingenommen werde, dass Männer ins Büro gehen und Frauen sich um die Kinder kümmern. Das stellt die 63 Jahre alte Grünen-Politikerin auch in der Verwandtschaft fest. Neulich beim Spargelessen mit Corona-Abstand zum Geburtstag ihres Bruders. Eine erwachsene Nichte seufzte über das Homeschooling der Kinder. „Der Mann saß daneben und sagte nichts.“ Weil für alle Beteiligten klar war, dass er ja arbeiten gehen müsse. „Ich dachte, ich werde wahnsinnig.“

          „Armut ist eine Frau“

          Besonders hart treffe es die alleinerziehenden Frauen, die wegen der geschlossenen Kitas und Schulen nicht arbeiten gehen können. „Armut ist eine Frau“ – mit diesem Slogan habe das Dezernat zusammen mit dem Frauenreferat vor einiger Zeit eine Kampagne gemacht. „Das passt wieder.“ Heilig wünscht sich, dass sich Geschlechterbilder ändern und Menschen in sogenannten Frauenberufen mehr verdienen. Damit es irgendwann heißt: „Wow, der ist Pfleger!“

          Am Ende zeigt die Dezernentin doch noch etwas Hoffnung. „Vielleicht bringt die Corona-Krise uns zum Umdenken.“ Aber das werde noch eine Weile dauern. Heilig ist sich sicher: Die Rede zum Weltfrauentag am 8. März 2021 wird sie darüber halten, was Frauen in der Pandemie verloren haben.

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