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Urkunde von 1624: Kaiser Ferdinand II. bestätigt den Verkauf des Reichslehens Klapperfeld.
Urkunde von 1624: Kaiser Ferdinand II. bestätigt den Verkauf des Reichslehens Klapperfeld.

Staub erlaubt, Schimmel nicht

Von MATTHIAS TRAUTSCH und HELMUT FRICKE (Fotos)
Urkunde von 1624: Kaiser Ferdinand II. bestätigt den Verkauf des Reichslehens Klapperfeld.

24. September 2020 · Das Institut für Stadtgeschichte ist das Gedächtnis Frankfurts. In seinen Restaurierungswerkstätten werden die historischen Dokumente vor dem Verfall bewahrt.

Der Schmutzraum heißt so, weil die Dokumente, die hier ankommen, schmutzig sind. Manchmal sogar sehr schmutzig. Corinna Herrmann, die Leiterin der Restaurierungswerkstätten, zeigt auf ein Plexiglasdöschen. Darin liegt das, was aus einem dem Institut für Stadtgeschichte überlassenen Schriftstück so herausrieseln kann: eine Portion Sand und Rattenköttel. Immerhin gibt es auch erfreulichere Fundstücke – eine kunstvoll geschriebene Notiz etwa oder eine getrocknete Blüte.

Der Zustand einer Urkunde kann Aufschluss über ihre Geschichte geben: Fußabdrücke auf einem Aktenkonvolut können davon zeugen, dass es bei einer Revolte aus dem Schrank gerissen und auf dem Boden verteilt wurde. Aufgabe der Werkstätten ist es, die Dokumente so zu präparieren, dass sie lagerfähig und erschließbar sind und auch keine Gefahr für den übrigen Bestand darstellen. Picobello herausgeputzt müssen sie hingegen nicht sein, wie Herrmann sagt. „Ein bisschen Staub darf sein, das ist ein Teil der Lebensgeschichte des Objekts.“


„Ein bisschen Staub darf sein, das ist ein Teil der Lebensgeschichte des Objekts.“
CORINNA HERRMANN, Leiterin der Restaurierungswerkstätten

Corinna Herrmann, Leiterin der Restaurierungswerkstätten
Corinna Herrmann, Leiterin der Restaurierungswerkstätten

Ab und an finden die Archivare auch Bücherskorpione zwischen den Seiten. Trotz der ausladenden Scheren sind die wenige Millimeter großen Pseudoskorpione nicht gefährlich, sondern für die Restauratoren sogar ein wichtiger Hinweis. Denn die Spinnentiere ernähren sich von Bücherläusen, die wiederum ein Indiz für Schimmel sind. Und Schimmel ist die größte Bedrohung für den Archivbestand. Mit ihm haben es die Archivare praktisch täglich zu tun, ihn müssen sie in den Griff bekommen, um die historischen Dokumente für die Nachwelt zu erhalten. „Wer eine Schimmelallergie hat, der hat in unserem Beruf ein Problem“, sagt Herrmann.

Außer der Leiterin arbeiten noch eine weitere Restauratorin und eine Buchbinderin in den Werkstätten des Instituts für Stadtgeschichte (ISG), die in einem 2006 errichteten siebengeschossigen Gebäude an der Borsigallee untergebracht sind. In dem trutzigen Bau mit der Backsteinfassade wird auf 5500 Quadratmetern auch ein großer Teil des kommunalen Archivbestands aufbewahrt. Die übrigen der insgesamt ungefähr 25 Regalkilometer Archivalien befinden sich in einem Tiefmagazin vor dem Karmeliterkloster, dem Hauptsitz des ISG.

In dem 2006 eröffneten Bau an der Borsigallee lagert ein guter Teil des Archivbestands.
In dem 2006 eröffneten Bau an der Borsigallee lagert ein guter Teil des Archivbestands.
Im Depot liegen die Sammlungen von Akten, Fotos und anderen Dokumenten der Frankfurter Historie. Würde man die Regale des Instituts für Stadtgeschichte aneinanderreihen, käme man auf eine Länge von 25 Kilometern.
Im Depot liegen die Sammlungen von Akten, Fotos und anderen Dokumenten der Frankfurter Historie. Würde man die Regale des Instituts für Stadtgeschichte aneinanderreihen, käme man auf eine Länge von 25 Kilometern.


Wenn ein Dokument gereinigt und vom Schimmel befreit ist, muss es so repariert werden, dass es zum Beispiel zu wissenschaftlichen Zwecken eingesehen werden kann. Das geschieht in einem Raum, der wie eine Mischung aus Druckerwerkstatt und Alchimistenküche wirkt. An der Wand steht eine schwere gusseiserne Presse, in Kochtöpfen wird aus Gelatine und Weizenstärke Kleister zum Buchbinden zubereitet, in Regalen lagern Fläschchen, an der Wand hängen Rollen mit Gewebefasern.

Herrmann geht zu einem Tisch, auf dem ein Umschlag liegt, den sie vorsichtig öffnet. Zum Vorschein kommt eine vom Schimmel angefressene und durchlöcherte Urkunde aus dem Jahr 1683. „Criminalia“, sagt Herrmann, es handelt sich also um eine Prozess-Akte. Worum es in dem Prozess ging? Herrmann zuckt mit den Schultern. „Restauratoren sind wie Ärzte“, sagt sie. „Für uns ist das ,der Blinddarm‘ und nicht Frau Mayer.“ Auf Nachfrage macht sich die Restauratorin allerdings schlau: Es geht um eine Klage des Zinserhebers im Liebfrauenstift, Johann Leonhard Honeker, gegen Johann Georg Keuerleber, Vorsänger in der Barfüßerkirche, wegen Beleidigung.


„Restauratoren sind wie Ärzte. Für uns ist das ,der Blinddarm‘ und nicht Frau Mayer.“
CORINNA HERRMANN, Restauratorin

Auf der anderen Seite des Tisches liegt ein weiterer Umschlag, diesmal mit einem Stapel bereits restaurierter Papiere. Es handelt sich um „Handwerkerakten“, also um die Dokumentation von Streitigkeiten zwischen Handwerkern und Kunden. Herrmann nimmt ein Blatt aus dem Jahr 1580 heraus, wedelt damit und sagt: „bombenfest“. Die Löcher sind geschlossen, die angefressenen Ränder sind begradigt, das Blatt sollte bei entsprechender Lagerung auf absehbare Zeit stabil sein.

Gelungen ist das durch „Anfasern“, einem Verfahren ähnlich dem des Papierschöpfens. Dabei schließt ein Faserbrei aus Leinen und Hanf die Lücken im Original. „Wenn das Papier schon stark abgebaut ist, kann es sich anfühlen wie feuchtes Klopapier“, sagt Herrmann. Weil es dann auch dementsprechend leicht zerfällt, wird es nach dem Anschöpfen mit japanischem Kozopapier verstärkt, von dem eine riesige Rolle an der Wand hängt.

Zu den interessantesten Objekten gehört der Bürgervertrag von 1612/13, der die Siegel von Patriziern und Zünften trägt.
Zu den interessantesten Objekten gehört der Bürgervertrag von 1612/13, der die Siegel von Patriziern und Zünften trägt.
Zu den interessantesten Objekten gehört der Bürgervertrag von 1612/13, der die Siegel von Patriziern und Zünften trägt.

Außer dem Schimmel setzt auch der Tintenfraß den historischen Dokumenten zu. Je nach Qualität der Tintenmischung aus Galläpfel-Gerbstoffen und Essig könne sich Säure lösen und das Papier schädigen, erklärt die Restauratorin. Sie holt ein brüchiges Buch hervor. Die dicht beschriebenen Seiten sind vom täglichen Gebrauch abgegriffen. Es handelt sich um ein von Hand geschriebenes Kochbuch aus dem „Hotel zum Schwan“, jenem berühmten Luxushotel am Steinweg, in dem der Frieden von Frankfurt unterzeichnet wurde, der 1871 den Deutsch-Französischen Krieg beendete.

Der Urheber des Kochbuchs ist unbekannt, vermutlich war es ein Koch, der die Rezepte bewahren oder weitergeben wollte. Falls jemand den „Wiener Congreß-Punsch“ aus dem Hotel zum Schwan zubereiten möchte: Man nehme eine Flasche Arrac, also Branntwein, eine Flasche Champagner, drei Flaschen Bordeaux, Zitrone und reichlich Zucker. Einen Hinweis, wie man die Kopfschmerzen am Tag danach loswird, bleibt der Autor allerdings schuldig.

Durch das Treppenhaus führt Herrmann ins Magazin, in dem die Archivalien, Sammlungen und Fotografien aufbewahrt werden. Regal reiht sich an Regal, die Aktenordner und Kartons sind beschriftet mit Stichwörtern wie „Frankfurter Zeitung“, „Garten- und Friedhofsamt“ oder „Fotonachlass Westkamp“. Am Ende eines langen Ganges stehen mehrere Schränke. Aus einem von ihnen holt Herrmann einen Karton, streift weiße Handschuhe über und zieht eine Glasplatte mit dunklen Farbschichten hervor. Erst auf den zweiten Blick ist der Eschenheimer Turm zu erkennen. Es handelt sich um ein Glasnegativ aus der Sammlung „Mylius Vömel“ des Fotografen Carl Friedrich Mylius.

„Kriegstagebuch“, in dem eine Frankfurter Bürgerin die Ereignisse des Ersten Weltkriegs dokumentiert
„Kriegstagebuch“, in dem eine Frankfurter Bürgerin die Ereignisse des Ersten Weltkriegs dokumentiert

So wichtig solche privaten Nachlässe sind – Herzstück des Archivs sind die Dokumente aus der städtischen Verwaltung. Das können Fallakten vom Jugend- und Sozialamt sein, Heiratsbelege des Standesamts, aber auch jahrhundertealte „Privilegien“, also Dokumente, die Personen oder Gruppen Vorrechte garantieren. „Kaiser Ferdinand von Gottes Gnaden“ steht in ausschweifend geschwungenen Lettern über dem Privileg mit der Nummer 433, am unteren Ende des Pergaments hängt ein schweres Siegel, dessen schwarzer Kordel der Tintenfraß sichtbar zusetzt.

Aus historischer Perspektive noch interessanter, weil für die Freie Reichsstadt Frankfurt typischer und bedeutender, ist das Privileg mit der Nummer 428. Es ist der Bürgervertrag von 1612/13, eine Art Kompromiss zwischen dem Rat und der Bürgerschaft. An dem Pergament prangt kein großes kaiserliches Siegel, an ihm hängen Dutzende kleinere, mit Wachs gefüllte Holzkapseln, in die die Unterzeichner ihre Stempel gedrückt haben. Zu ihnen zählen Patrizier wie Stalburg, Hynsperg und Holzhausen sowie die Zünfte von den Schmieden über die Bäcker, Schneider, Metzger und Rotgerber bis hin zur Gesellschaft der Musikanten sowie die Vermittler des Vertrags, Erzbischof Johann Schweikhard von Mainz und Landgraf Ludwig V. von Hessen.

Den Fettmilch-Aufstand, in dem der Streit zwischen Zünften und Patriziern dennoch eskalierte und der anderthalb Jahre später in die Plünderung der Judengasse und die Vertreibung der Juden ausartete, konnte der Bürgervertrag nicht verhindern. Die Urkunde aber ist bis heute erhalten und könnte – von den Restauratoren vor Schimmel und anderem Übel bewahrt – durchaus noch einige Jahrhunderte überdauern.

Sammeln, bewahren, erschließen

Die Wurzeln des Instituts für Stadtgeschichte reichen zurück bis ins Jahr 1436, als am Haus Frauenrode ein Archivturm eingerichtet wurde. Aufbewahrt wurden die wichtigsten Schriften freilich schon zuvor, die älteste Urkunde des Stadtarchivs stammt aus der Karolingerzeit, die bedeutendste ist die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. von 1356.

Heute hat das Archiv, das sich seit 1992 Institut für Stadtgeschichte (ISG) nennt, seinen Sitz im Karmeliterkloster, Direktorin ist seit 2004 Evelyn Brockhoff. Aufgabe des ISG ist es, zu sammeln, zu bewahren und zu erschließen. Es ist gesetzlich verpflichtet, geschichtlich und rechtlich bedeutsame Unterlagen der städtischen Ämter zu übernehmen. Die Verwaltung muss dem Archiv alle entstandenen Unterlagen zur Übernahme anbieten.

Aus den riesigen Mengen wählen die Mitarbeiter aus, was dauerhaft aufbewahrt wird, und prägen damit, was künftige Generationen über die Stadt und deren Bewohner wissen. Dazu sollen die wesentlichen Entwicklungen und Themen des städtischen Lebens aus Politik, Wirtschaft, Sozialem und Kultur gehören. Außerdem sammelt das ISG Zeugnisse von Vereinen und Firmen sowie Nachlässe, Karten, Pläne und Zeitungsausschnitte. Der Fotobestand umfasst mehr als zwei Millionen Bilder vom 19. Jahrhundert bis heute. Die Archivalien, Sammlungen und Bilder sind für alle Interessierten zugänglich und können im Lesesaal eingesehen werden. Zur Unterstützung der Recherchen bietet das Karmeliterkloster außerdem eine große Präsenzbibliothek.
Das Stadtarchiv ist gesetzlich verpflichtet, die wichtigsten Dokumente der Stadtgeschichte für die Nachwelt zu bewahren.
Das Stadtarchiv ist gesetzlich verpflichtet, die wichtigsten Dokumente der Stadtgeschichte für die Nachwelt zu bewahren.


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 24.09.2020 18:50 Uhr