https://www.faz.net/-gzg-a5e6o
Bildbeschreibung einblenden

F.A.Z.-Leser helfen : Besuch vom Therapeuten

Nah dran: Martina Abeln-Schermuly therapiert Klienten der „Starken Bande“ – auch in deren Zuhause. Bild: Lando Hass

Eigentlich müssen Kranke in eine Praxis kommen. Doch bei der „Starken Bande“ in Frankfurt läuft es andersherum: Die Psychologen gehen zu ihren Patienten. Das ist intim – und herausfordernd.

          4 Min.

          Einen starken Magen braucht Martina Abeln-Schermuly für ihre Arbeit. Aber nicht, weil sie als aufsuchende Psychotherapeutin immer wieder einmal in ziemlich unordentlichen Wohnungen steht – sondern weil eigentlich jede Therapiesitzung damit beginnt, dass ihr Klient Kaffee serviert. Abeln-Schermuly, 61 Jahre alt und seit neun Jahren bei der Stiftung „Starke Bande“ als Therapeutin, nimmt ihn eigentlich immer an: „Damit kommt mein Gegenüber in die Situation, auch etwas geben zu können.“

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eigentlich müssen Menschen, die eine Psychotherapie brauchen, den Weg in eine Praxis finden. Sie müssen mit der Krankenkasse verhandeln, Überweisungen besorgen, auf einen Therapieplatz warten und jedes Mal zum Therapeuten fahren, wenn eine Sitzung anberaumt ist. Bei der „Starken Bande“ ist das anders: Die Stiftung, die vor allem mit Menschen aus schwierigen familiären und wirtschaftlich prekären Verhältnissen mit starken Traumata arbeitet, schickt die Therapeuten zu den Klienten nach Hause. Damit ist das Angebot ungleich niedrigschwelliger.

          Und da die Stiftung unabhängig von den Krankenkassen arbeitet, fällt auch diese Hürde weg. Das ist wichtig für die Betroffenen – vielen geht es so schlecht, dass sie es nicht fertigbrächten, auf eigene Faust einen Therapieplatz zu suchen. „Unsere Klienten sind hochbelastet und haben oft schon schlechte Erfahrungen mit Hilfsangeboten gemacht“, sagt Gabriela Burchert, eine Kollegin von Martina Abeln-Schermuly. Das heißt: Sie kennen das Jugendamt, sie leben oft in Angst, dass ihnen ihre Kinder weggenommen werden, sie wollen mit den offiziellen Stellen lieber nichts zu tun haben. Sie haben daher oft auch eine große Ablehnung gegen Therapien aufgebaut.

          Mehr Starthilfe

          Doch die „Starke Bande“ arbeitet mit den Institutionen zusammen – und schließt damit eine Lücke. Die Therapeuten der Stiftung kommen nicht, um zu kontrollieren. Sie sind nur da, um zu helfen, und zwar in einem ganz anderen Setting, als das normalerweise der Fall wäre. „Bemutternd“ nennt es Abeln-Schermuly: nicht nur, dass sie zu den Klienten nach Hause fährt, dort Partnerschaft, Alltag und den Umgang mit den Kindern direkt mitbekommt. Obwohl sie aus einer ganz nüchternen Psychotherapiekultur nach Freud kommt, der Psychoanalyse, legt sie einer Klientin der „Starken Bande“ auch schon einmal die Hand auf die Schulter, wenn diese bitterlich weint.

          Oder sie ruft bei der Schule des Kindes an, wenn es ein Problem gibt. Bei einer herkömmlichen Therapie würde das niemand machen – dort geht es gerade darum, den Patienten ganz selbständig fit zu machen. Doch die Klienten der „Starken Bande“ brauchen mehr Starthilfe. „Der Start in ihr Leben war oft schon so mies, und die Familienstrukturen fehlen meist komplett.“

          Hauptwache – Der F.A.Z. Newsletter für Rhein-Main

          Werktags um 21.00 Uhr

          ANMELDEN

          Die Therapeutin kennt beide Welten. Sie hat auch eine Praxis in Bonames. Dorthin kommen Menschen, die es sich nicht nur leisten können, für eine Therapie zu zahlen, sondern die auch ein ganz anderes Umfeld haben als jene, denen die „Starke Bande“ hilft. „Ein Drittel ist promoviert“, sagt Abeln-Schermuly. Die Klienten, die sie besucht, sind dagegen meist alleinerziehende Mütter, die so schwer traumatisiert sind, dass es schon ein großer Erfolg ist, wenn sie beginnen, Verabredungen einzuhalten oder eine Arbeit aufnehmen. Einmal sagte ihr eine Klientin nach der Therapie, sie habe nun verstanden, dass man Kinder nicht schlagen dürfe. Die Erkenntnis klingt banal, aber die Therapeutin sagt: „Das war ein ganz wichtiges Ziel.“

          Weitere Themen

          Ein fast normales Leben

          Aids-Therapie : Ein fast normales Leben

          In den frühen 1980er Jahren kam ein positiver HIV-Test einem Todesurteil gleich. Und heute, vierzig Jahre nach den ersten Berichten über die seltsamen Krankheitsfälle, herrscht tatsächlich Zuversicht.

          Topmeldungen

          Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen stehen am 29. August 2020 vor dem Reichstag in Berlin — darunter auch ein Teilnehmer, der die Reichsflagge hochhält.

          Vor Innenministerkonferenz : Deutsche Reichsflagge soll verboten werden

          Die Innenminister wollen mit einem Mustererlass das Zeigen bestimmter ehemaliger deutscher Flaggen untersagen. Rechtsextremisten nutzen etwa die Reichsflagge von 1892 als Ersatzsymbol für die verbotene Hakenkreuzflagge.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.