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Städtische Architektur : „Wir können gute Architektur durchsetzen“

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Unzufrieden mit der Frankfurter Stadtplanung: Roland Burgard (links) und Hans-Erhard Haverkampf. Bild: Wolfgang Eilmes

„Rechenkästchen-Architektur“ und „Phantasielosigkeit im Wohnungsbau“: Hans-Erhard Haverkampf und Roland Burgard üben harsche Kritik an der Frankfurter Baupolitik, verraten aber auch, wie es wieder besser werden kann.

          Sind Sie mit dem Niveau der Architektur in Frankfurt zufrieden?

          Burgard: Nein. Die Kreativität müsste dort sein, wo das größte Bauvolumen ist: im Wohnungsbau. Dem fehlt die Phantasie. Das meiste, was gebaut wird, ist Kasernenarchitektur. Die Frankfurter Architekten sind richtig irritiert darüber, dass keine Kollegen aus dem Rest der Welt mehr kommen und sich ihre Bauten anschauen.

          Woran liegt das?

          Burgard: Dieses Manko an gestalterischem Profil der Stadt liegt nicht an den Architekten. Es liegt an der Stadt selbst, der nach den Höhenflügen der achtziger Jahre und den Stadterweiterungen des Westhafens der große Atem ausgegangen ist. Mainstream nach dem Muster des Europaviertels beherrscht das Feld. Nur wenige aktuelle Bauten setzen Maßstäbe: der Campus Westend im Städtebau, das Hörsaalgebäude als Architektur. Vom gehobenen Durchschnitt setzen sich auch das Grünflächenamt an der Galluswarte, die neugestaltete Alte Brücke mit ihrem Galeriehaus und das Honsell-Brücken-Paar einschließlich seines Umfelds ab.

          Und was konkret ist Ihrer Meinung nach weniger gelungen?

          Haverkampf: Sicher gehört dazu die Rechenkästchen-Architektur des Ex-Degussa-Geländes mit ihrer nördlichen Arkade im Stil der Mussolini-Moderne, die vom Nirgendwo ins Nirgendwo führt. Wer als städtische Institution ein solches Hochhausgehäufel billigster, aber renditeträchtiger Machart dem Theater gegenüber genehmigt, der liebt seine Stadt nicht, der verwaltet sie nur.

          Was genau stört Sie an dem Erscheinungsbild der Stadt?

          Haverkampf: Der Magistrat begreift die Stadt zu wenig als Skulptur. Viele Neubauten zeugen von einer mangelnden Intellektualität, die sich in der Reproduktion von bekannten Gestaltungs-Routinen erschöpft.

          Burgard: Eigentlich ist es die stereotype Phantasielosigkeit der Wohnungsgrundrisse. Sie lässt die gesellschaftlichen Veränderungen außer Acht. In der Kubatur gibt es keine großen Freiräume mehr, zumal immer mehr gespart wird. So entstehen immer mehr einfallslose Lochfassaden. Wir müssen uns fragen: Wie kriegen wir es hin, dass man varianten- und erlebnisreiche Häuser baut?

          Muss man wieder zu kleineren Parzellen zurückkehren?

          Haverkampf: Der Verfall von Sensibilität in der Stadtgestaltung lässt sich am Ensemble Rathenauplatz bis Roßmarkt beschreiben. Vor dem Krieg bestand der Platzrand aus 25 Einzelarchitekturen, also dem, was man an alten Städten so bewundert. Vor der letzten Neubauwelle um 2000 waren es noch insgesamt elf. Heute wird der Goetheplatz in Ost und West nur noch von zwei Gebäuden gerahmt, die mit Scheinfassaden Vielgestaltigkeit simulieren. Das Goethe-Denkmal steht falsch herum, der Dichter schaut nach Norden. Der Visualraum um das Denkmal ist viel zu stark eingeschränkt worden. Der Tennenbelag auf der Tiefgarage ist sinnwidrig. Die Mischung aus abgewetzten alten Holzbänken und unbequemen Betonsitzblöcken wirkt konzeptionslos.

          Wo liegen die Ursachen solcher Fehler?

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