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Stadtplanung : Der Arbeitersiedlung im Riederwald droht die Abrißbirne

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Es fährt sich mühsam im Osten von Frankfurt, auf der Straße Am Erlenbruch: Anfahren, bremsen und wieder Stillstand - schleppend passieren Autos und Lastwagen auf der zweispurigen Straße den Riederwald.

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          Es fährt sich mühsam im Osten von Frankfurt, auf der Straße Am Erlenbruch: Anfahren, bremsen und wieder Stillstand - schleppend passieren Autos und Lastwagen auf der zweispurigen Straße den Riederwald. U-Bahn-Züge, deren Trasse im Norden des Stadtteils oberirdisch verläuft, sind schneller. Ein trister Anblick bietet sich Fahrgästen und Autofahrern auf der Strecke zwischen Johanna-Tesch-Platz und Rümelinstraße. Hausfassaden sind grau und mit Graffiti verschmiert. Mehrgeschossige Wohnhäuser, bis zu acht Etagen hohe Betonbauten, in den sechziger und siebziger Jahren errichtet, reihen sich am Erlenbruch aneinander. Sie bilden eine Art Schutzwall gegen den Verkehrslärm - denn hinter den Hochhäusern und dem Riederwald im Süden, nach dem der Stadtteil benannt ist, liegt die eigentliche Wohnsiedlung. Und dort lebt es sich nicht schlecht. Das sagen zumindest die Bewohner. In diesen Tagen fürchten sie jedoch um den Bestand ihres Quartiers.

          Backsteinbauten mit Giebeldächern, drei und vier Geschosse hoch, braun und grün verputzt und mit hölzernen Klappläden vor den Fenstern, prägen das Bild von Max-Hirsch-Straße, Schulze-Delitzsch-Straße und Rümelinstraße. Sie könnten bald der Abrißbirne zum Opfer fallen. Zumindest beabsichtigt dies der Volks-, Bau- und SparvereinFrankfurteG (VBS). Das genossenschaftliche Wohnungsunternehmen hat die Häuser von 1908 bis 1918 errichtet. Im Osthafen beschäftigte Arbeiter sollen damals in die kleinen Wohnungen eingezogen sein. Das Etikett "Arbeitersiedlung" haftet dem Riederwald noch heute an. Weil die Bauten nach Ansicht des Vorstandes des Volks-, Bau- und Sparvereins nicht den Erfordernissen modernen Wohnens genügen, soll jetzt Platz geschaffen werden.

          Zunächst soll die Häuserzeile entlang der Max-Hirsch-Straße fallen: sechs Häuser mit Läden im Erdgeschoß. Die Nachricht, die öffentlich wurde, weil VBS-Vertreter den Ladenbesitzern vorab mitteilten, daß sie Ende März mit Wirkung zum 30.Juni die Kündigung zu erwarten haben, schreckte den Stadtteil auf: Der Verlust von Einzelhandels- und Dienstleistungsbetrieben - im Riederwald ohnehin spärlich vorhanden - sei zu befürchten, meint Sabine Hohendahl, die im betroffenen Häuserblock wohnt. Gemeinsam mit rund 100Bürgern hat sie vor zwei Wochen im Ortsbeirat11 (Seckbach, Riederwald, Fechenheim) auf die Pläne aufmerksam gemacht.

          Derzeit können die Bewohner des Stadtteils, darunter viele ältere Bürger, in der Max-Hirsch-Straße noch zum Friseur gehen, Brot und andere Backwaren kaufen, Wäsche zur Reinigung geben, Reisen buchen, Schreibwaren und Zeitungen erwerben. Der Volks-, Bau- und Sparverein, der über zwei Fünftel der Liegenschaften im Quartier verfüge, habe den Ladenbetreibern Ausweichstandorte angeboten, meint VBS-Prokurist Albert Schüttauf. Trotzdem: Die Geschäftsleute sehen ihre Existenz bedroht. Daß sich die Versorgungssituation weiter verschlechtern könnte, davor warnt auch Jutta Auerbach vom Bündnis "Lebendiger Riederwald".

          Zudem stehen offenbar nicht nur die Max-Hirsch-Straße, sondern weitere Teile des historischen Ortskerns zur Disposition: So bestätigte Prokurist Schüttauf am Montag in der vom Ortsbeirat einberufenen Bürgeranhörung, daß der VBS auch den Abbruch und Neubau von Häusern an der Schulze-Delitzsch-Straße und Rümelinstraße erwäge: 13Bauten, in denen derzeit 33Wohnungen genutzt würden, wären betroffen.

          Anstelle der Altbauten seien an der Max-Hirsch-Straße neue Wohnhäuser vorgesehen, ebenso drei bis vier Geschosse hoch und mit Großwohnungen, die bisher im Stadtteil fehlten. Ladenflächen seien ebenso geplant, allerdings könnten diese auch zu Wohnungen umgewandelt werden, so Schüttauf. Das Vorhaben sei im Investitionsplan des Wohnungsunternehmens bereits vorgesehen. Die zwei benachbarten Straßenzüge könnten in zwei weiteren Bauabschnitten umgestaltet und in der Mitte des Areals eine Tiefgarage errichtet werden.

          Trotz der Zusicherung, daß auch künftig die Miete unterhalb des ortsüblichen Preisniveaus liegen werde, sind die Mieter beunruhigt. Derzeit zahlen sie 5,40Euro pro Quadratmeter. Die Forderung, die Häuser nicht abzureißen, sondern zu sanieren, weist der VBS zurück: "Ein Neubau ist preiswerter", so Schüttauf. Doch auch die Stadtteilpolitiker halten davon wenig. Erst im August hätten Magistrat und Stadtverordnetenversammlung für jenen Teil des Riederwalds eine Erhaltungssatzung beschlossen, so Ortsvorsteher Dieter Dahlmann (SPD): "Und erhalten heißt nicht abreißen."

          Die Bürger hoffen nun auf das Veto der Stadt. Dierk Hausmann, stellvertretender Leiter des Stadtplanungsamtes, lehnte es während der Anhörung zwar ab, sich zu dem Vorhaben zu äußern, weil die Stadt darüber bisher nicht informiert worden sei, doch wies er darauf hin, wie das baurechtliche Instrument "Erhaltungssatzung" angewendet werde. So prüfe die Aufsichtsbehörde bei Bauvorhaben, ob etwa der Charakter des Ortsbildes und die bisherige Zusammensetzung der Wohnbevölkerung gewahrt bleibe. Allerdings könnten Abbruch und Neubau nicht grundsätzlich verhindert werden. Die Satzung sei ein Genehmigungsvorbehalt und keine Veränderungssperre.

          Laut Prokurist Schüttauf werden Vorstand und Aufsichtsrat des Volks-, Bau- und Sparvereins in diesen Tagen darüber entscheiden, ob das Vorhaben weiter verfolgt und bei der Stadt eine Bauvoranfrage gestellt werde. Die Anwohner des Riederwalds befürchten unterdessen, daß die Stadt keinen Einspruch erheben werde. "Dies wäre der Startschuß für den Abriß der restlichen noch nicht sanierten Siedlung", warne Bürger und Stadtteilpolitiker. BERND GÜNTHER

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