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Stadtplanung : Architektenwettbewerbe in der Krise

Aus dem Haus der Union Investmentbank könnte ein Wohnturm werden Bild: F.A.Z. - Kai Nedden

Wenn private Investoren oder die öffentliche Hand Bauprojekte ausschreiben, werden häufig nur renommierte Architektenbüros berücksichtigt. Die kleinen kommen gar nicht erst zum Zug. Stadtplanerisch ist das ein Verlust.

          Einen Architektenwettbewerb hatte die Stadt Frankfurt vom Investor verlangt. Und tatsächlich lud die Vivico Real Estate ein halbes Dutzend Büros ein, Vorschläge für die Gestalt des 185-Meter-Turms namens „T 185“ an der Friedrich-Ebert-Anlage einzureichen. Es handelte sich durchweg um bekannte Namen der Zunft. Christoph Mäckler und Christoph Ingenhoven waren dabei, außerdem AS&P, Gruber + Kleine-Kraneburg, Sauerbruch Hutton und MSM.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Vor einigen Monaten dann wurde der Öffentlichkeit der Siegerentwurf vorgestellt, es war der Vorschlag Mäcklers. Dem Wunsch der F.A.Z., auch die unterlegenen Entwürfe ansehen und ihren Lesern präsentieren zu dürfen, wollte die Vivico nicht entsprechen. Das könne für die Vermarktung schädlich sein, äußerte eine Sprecherin des Unternehmens auf Anfrage.

          Private Investoren würden die Aufträge am liebsten direkt vergeben

          An diesem Vorgang sind mehrere Entwicklungen abzulesen, die nicht nur in Architektenkreisen Verärgerung hervorrufen. Zum einen werden von Investoren immer weniger Büros zu den Auswahlverfahren eingeladen; früher war es durchaus üblich, dass sich auch private Bauherren auf offene Wettbewerbe mit einer hohen Teilnehmerzahl eingelassen haben. So hatte die Deutsche Bank noch im Jahr 1999 für ihr Turmprojekt „Max“ in der Frankfurter Innenstadt einen anonymen internationalen Wettbewerb ausgelobt, an dem sich mehr als 100 Büros beteiligten.

          Inzwischen aber kommen fast nur noch sogenannte Gutachterverfahren vor, bei denen eine begrenzte Zahl von Büros tätig wird. Das verringert den Aufwand, der mit den Wettbewerben verbunden ist, enorm. Zugleich tun sich die Investoren leichter, schon während der Arbeit am Entwurf so einzugreifen, dass das Ergebnis ihren Anforderungen entspricht. Die Gefahr, dass sich das öffentlich präsentierte Wettbewerbsergebnis als nicht realisierbar erweist, ist damit gebannt.

          Zum Wettbewerb für das heutige Palais-Quartier auf dem Telekom-Areal an der Zeil waren 2002 vom Investor MAB nur sieben Büros eingeladen worden. Und auch für das geplante Hochhaus auf dem Degussa-Areal am Main hat der Eigentümer DIC in diesem Jahr erst auf Druck der Stadt zugesagt, mehrere Büros anzusprechen – am liebsten hätte er den Auftrag direkt vergeben.

          Öffentliche Hand von 206.000 Euro an zur Ausschreibung gezwungen

          Die Begrenzung der Teilnehmerzahl führt dazu, dass vor allem etablierte Büros zum Zuge kommen, die sich schon einen Namen gemacht haben. Jüngeren, aufstrebenden Architekten fällt es dagegen immer schwerer, an größere Aufträge von privaten Investoren zu kommen. Doch nicht nur aus Sicht der unterlegenen Architekten, sondern auch aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit ist es ärgerlich, wenn nur der Siegerentwurf eines Wettbewerbs präsentiert wird. Die Entscheidung der Jury ist dann nicht mehr nachvollziehbar – was gerade im Fall von großen Gebäuden wie Hochhäusern, die das Stadtbild nachhaltig prägen, unangemessen ist.

          Anders als ein privater Bauherr ist die öffentliche Hand gesetzlich gezwungen, von einem Planungshonorar in Höhe von 206.000 Euro an die Planungsleistung europaweit auszuschreiben. Die Europäische Zentralbank etwa hat für ihren neuen Hauptsitz auf dem Großmarkthallen-Areal ein offenes Wettbewerbsverfahren gewählt, dem allerdings eine Art Qualifizierungsrunde vorausging. Um die Flut der zu erwartenden Bewerbungen etwas zu kanalisieren, wurde unter anderem der Nachweis eines Mindestumsatzes verlangt. Daneben wurde eine begrenzte Anzahl von jüngeren Büros zugelassen, von der die Erfüllung aller Kriterien nicht erwartet werden konnte.

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