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Stadtelternbeirat : Sprecher der Unzufriedenen

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Die Klassen zu groß, zu viele Lehrer krank, Vertretungskräfte fehlen, zuwenig Unterricht: In Frankfurt vergeht derzeit kaum eine Woche, ohne daß sich Eltern vor allem von Grundschulkindern klagend melden.

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          Die Klassen zu groß, zu viele Lehrer krank, Vertretungskräfte fehlen, zuwenig Unterricht: In Frankfurt vergeht derzeit kaum eine Woche, ohne daß sich Eltern vor allem von Grundschulkindern klagend melden. Vergangenen Donnerstag erst machte eine Demonstration vor dem Staatlichen Schulamt auf die Holzhausenschule aufmerksam, es war nicht die erste Veranstaltung dieser Art. Zudem schwelt in der Stadt der Konflikt um die angedrohte Schließung des Herdergymnasiums - große Teile der Schulgemeinde treffen sich am Montagmittag zu einer Kundgebung auf dem Römerberg. Einer, der jede öffentliche Äußerung von Unzufriedenheit gutheißt, ist Wilfried Volkmann. Seit hundert Tagen ist er Vorsitzender des Stadtelternbeirats. Die Vorhersage, daß es im weiteren Verlauf seiner Amtszeit um die Schulen wohl nicht viel ruhiger werden wird, ist bestimmt nicht zu gewagt.

          Gründe, sich über die Zustände an den Bildungseinrichtungen zu ärgern, gebe es mehr als genug, meint Volkmann. Dabei schöpft der Vater eines Fünfzehnjährigen, der das Elisabethen-Gymnasium besucht, weniger aus dessen und somit seiner Erfahrung mit Schule ("Bei meinem Sohn ist im wesentlichen nichts Schlimmes passiert"). Menschen und Prozesse interessierten ihn grundsätzlich und beruflich, sagt er. Volkmann ist Mitglied der Grünen (die Mutter seines Sohnes ist deren kulturpolitische Sprecherin im Römer, Ann Anders), ist Gewerkschafter, ehrenamtlicher Richter; sein Brot verdient er als Personalberater bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. In seinem Altbau-Wohnzimmer im Nordend sitzt der gebürtige Praunheimer an einem antiken Tisch auf Parkettboden und hebt hervor, wie wichtig es sei, daß der Stadtelternbeirat nach innen wie nach außen als Gremium auftrete, das die Interessen von Vätern und Müttern an verschiedenen Schulen bündeln könne. In der Vergangenheit war der Stadtelternbeirat öffentlich kaum bekannt; Volkmann will das in den zwei Jahren Amtszeit, die er dafür zur Verfügung hat, gründlich ändern. "Wir sind ein zutiefst politisches Gremium", sagt er, "denn, egal was wir tun, wir stoßen immer auf Behörden, und die sind ja immer politisch besetzt."

          Die hessische Schulpolitik, deren Wahrnehmung momentan vor allem davon beherrscht wird, daß es an Geld fehlt, nennt Volkmann "nicht gut aufgestellt". Das, obwohl er an Kultusministerin Karin Wolff (CDU) schätze, "daß sie eine gerade Furche zackern" könne, und einräumt, daß die Landesregierung am Anfang ihrer ersten Legislaturperiode für die Schulen viel Gutes getan habe. "Aber man muß die Furche auch am Leben ausrichten", fügt Volkmann hinzu. Wolff lege die Latte in der Schulpolitik sehr hoch, unter den jetzigen Bedingungen könne "niemand drüber springen". Schulzeitverkürzung und gleichzeitige Verschlechterung der Unterrichtsabdeckung etwa paßten nicht zueinander, sagt Volkmann. Den Bildungssektor von den drastischen Einsparungen im Landeshaushalt nicht auszunehmen sei falsch gewesen und zudem "geradezu kamikazehaft", meint er.

          Daß das Kultusministerium im Falle seiner Reaktion auf die Eltern-Proteste in Bergen-Enkheim nachgegeben hat, zählt Volkmann zwar zu der von ihm geforderten Ausrichtung an der Realität. Doch für Frieden in der Elternschaft insgesamt sei damit nicht gesorgt worden. In Bergen-Enkheim hatten Erziehungsberechtigte im Februar ihre Kinder vom Unterricht in der Schule am Hang ferngehalten und in einem Hotel von Honorarkräften betreuen lassen. Dieser sogenannte Streik sollte drei Wochen dauern; die schriftlich gegebene Zusage des Kultusministeriums, daß alle an der Schule freiwerdenden Stellen wiederbesetzt würden, beendete ihn nach einer Woche. Wie Volkmann kommentieren das auch andere, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat sich unlängst ähnlich geäußert: "Das Signal aus Wiesbaden heißt, daß man nur auf die Pauke hauen muß, dann klappt der Laden."

          Auf die Pauke hauen auch Herder-Schüler und ihre Eltern, der Stadtelternbeirat unterstützt sie. Zwar hat am Freitag das Verwaltungsgericht Frankfurt den Antrag des Beirats abgewiesen, die Aufnahme von Fünftkläßlern in das Gymnasium an der Wittelsbacherallee vorläufig zuzulassen. Der Stadtelternbeirat will jetzt, daß auf der sogenannten Verteilungskonferenz des Staatlichen Schulamtes, die morgen stattfinden soll, noch keine endgültige Entscheidung darüber getroffen wird, wie die Schülerströme an die Frankfurter Gymnasien gelenkt werden. "Unser Ziel ist ein Burgfrieden mit dem Staatlichen Schulamt. Der Unterricht in der fünften Klasse der Herderschule soll ganz normal stattfinden, dann hat man ein Jahr lang Zeit, sich zu überlegen, wie es weitergehen soll", so Volkmann.

          Außer über die materielle Situation an den Schulen will der Siebenundfünfzigjährige "eigentlich über Inhalte reden". Die Die Diskussion über die Qualität von Unterricht "ist doch noch gar nicht richtig begonnen worden". Der Frankfurter aus Überzeugung ("hier wird man mich nie wegbekommen") will zur Qualitäts- und jeder anderen Debatte, die auf der schulpolitischen Tagesordnung steht, viele Beiträge leisten. Er beschreibt den Kommunitarismus-Gedanken, wenn er sagt, er habe "beruflich etwas zu bieten, das ich der Gesellschaft zur Verfügung stellen möchte". An anderer Stelle nennt er, mindestens genauso einleuchtend, als Motiv für sein Handeln: "Es macht Spaß." JACQUELINE VOGT

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