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Spielsucht : Wie ferngesteuert täglich zocken gegangen

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Joachim Otto hilft Spielsüchtigen Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Schätzungsweise 30.000 Spielsüchtige gibt es in Hessen - aber nur wenig Hilfsangebote. In Frankfurt kümmert sich die Suchtberatungsstelle der evangelischen Kirche um Zocker.

          Von dem einen, riesigen Gewinn, der sein Leben verändern würde, hat Michael Müller (Name geändert) nie geträumt. Er wollte das Spiel genießen, so oft und so lange er konnte. Wie ferngesteuert sei er in die Automatensalons gelaufen, sagt er, zuletzt jeden Tag, vor der Arbeit, nach der Arbeit wieder. „Ich wollte die Maschine kontrollieren, Erfolg haben, nicht schlechter sein als die anderen, die gewinnen“, berichtet Müller. 15 Jahre lang hat er gespielt, die Diagnose „pathologische Spielsucht“ kennt er erst seit einem halben Jahr.

          Müller sagt, er sei immer den Weg des geringsten Widerstands gegangen, habe im Leben nie das gemacht, was er wirklich wollte. Im Beruf sei er schnell aufgestiegen, habe hart gearbeitet, Verantwortung übernommen, viel Geld verdient. Und doch keine Perspektive darin gesehen. Er ist seit zehn Jahren verheiratet, hat zwei Kinder und „eine Frau, wie man sie sich nur wünschen kann“. Dennoch sei die Familie oft eine Belastung, die Ehe erlebe er als Zweckgemeinschaft. Ob er beziehungsfähig sei, wisse er nicht. Immer habe er sich zu allem gezwungen gefühlt. „Es gab nichts, was ich nur für mich selbst getan habe. Außer dem Spielen“, berichtet er.

          „Spielsucht ist schwierig zu behandeln“

          Müller ist einer von etwa 30.000 Spielsüchtigen in Hessen. Dies schätzt zumindest die Hessische Landesstelle für Suchtfragen. Eine bundesweite, repräsentative Studie zur Spielsucht gebe es bislang noch nicht, kritisiert Geschäftsführer Wolfgang Schmidt. Dabei boome der Glücksspielmarkt, die staatlichen Einnahmen seien höher als diejenigen aus der Alkoholsteuer. 347 Millionen Euro hat das Glücksspiel ihm zufolge im vergangenen Jahr in die Landeskasse gespült. Andererseits gebe es kaum Anlaufstellen für Spielsüchtige, sagt Schmidt: Nur sieben von 79 Suchtberatungsstellen in Hessen bieten spezielle Beratungsangebote. Meist fehle qualifiziertes Personal, ein wissenschaftlich begründetes Behandlungskonzept - und vor allem Geld.

          Joachim Otto ist einer der wenigen, die sich um krankhafte Spieler kümmern. Er leitet die Suchtberatungsstelle der evangelischen Kirche in Frankfurt. Etwa 40 Spielsüchtige kommen jedes Jahr zu ihm. Seiner Erfahrung nach sind es vor allem Männer im Alter von 25 bis 40 Jahren, die Hilfe suchen. Etwa 40 Prozent der Spieler sind auch von einem Suchtmittel abhängig, in der Regel ist es Alkohol. „Aber die Spielsucht herrscht immer vor. Sie ist gefährlicher und schwieriger zu behandeln“, meint Otto.

          Einsamkeit, Depressionen, innere Leere

          Viele Süchtige hätten eine schwierige Kindheit gehabt. Ihre Lebensgeschichte sei von Brüchen gekennzeichnet, Bezugspersonen hätten gefehlt oder seien verlorengegangen. „Die Betroffenen versuchen, ihr inneres Gleichgewicht wiederherzustellen, indem sie spielen. Nur wenn sie gewinnen, erfahren sie Anerkennung. Das Schicksal soll darüber entscheiden, ob sie im Leben Gewinner oder Verlierer sind“, sagt Otto. Die Spieler flüchten in eine Phantasiewelt, weil sie sich selbst nichts mehr zutrauen, ihr Leben nicht in die Hand nehmen. Soziale Kontakte gehen verloren, der Automat tritt an die Stelle anderer Menschen. Die Folgen sind Einsamkeit, Depressionen, innere Leere. Jeder vierte abhängige Spieler hat nach Angaben des Fachverbands Glücksspielsucht schon mindestens einen Selbstmordversuch begangen.

          Mehr als ein Fünftel des Umsatzes in der Glücksspielbranche entfalle auf Automaten in Spielhallen und Gaststätten, sagt Ilona Füchtenschnieder vom Fachverband Glücksspielsucht. In Spielbanken sei der Umsatz doppelt so hoch, aber auch dort würden etwa 80 Prozent im sogenannten Kleinen Spiel, also an den Maschinen, verdient. Allein in Frankfurt seien im vergangenen Jahr mehr als 14 Millionen Euro in solchen Geräten verschwunden. Und vier von fünf Süchtigen seien Automatenspieler. Die Steuerungsmöglichkeiten des Staates, sagt Füchtenschnieder, seien deshalb begrenzt. Denn die Geräte gelten als „Unterhaltungsautomaten mit Gewinnmöglichkeit“ und fallen damit nicht unter das staatliche Glücksspielmonopol. Der Bund legt nur die gesetzlichen Voraussetzungen fest - nicht zugunsten der Spieler, klagt Füchtenschnieder.

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